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Ernesto, so wie er mit Gabrielen allein war. Lächelnd erzählte ihm diese, wie sie das Mädchen bei allen Stunden ihres eignen Unterrichts habe im Zimmer mit seiner Handarbeit bleiben heissen, und wie es anfangs aus Langerweile, endlich mit wirklicher Teilnahme, eifrig zugehört und vieles gelernt und behalten habe. In freien Stunden machte es sich Gabriele jetzt zum angenehmen Geschäft, die oberflächlichen Bruchstücke, welche Annette, oft nur halb gehört, auffasste, in ihrem Köpfchen zu ordnen, und sie gründlicher zu unterrichten. Jugendliche Freude am Lehren des eben Erlernten mochten an diesem Unternehmen wohl vielen teil haben, mehr aber noch der Wunsch, dem artigen Mädchen nützlich zu sein, das mit grosser Liebe an seiner jungen Gebieterin hing, und sich dabei als eine äusserst gelehrige Schülerin bewies.

"Sie glauben da etwas recht Vortreffliches zu stiften, liebe Gabriele," sprach Ernesto zu seiner jungen Freundin, "ich aber fürchte, Sie bereiten dem armen Mädchen eine traurige Zukunft. Lassen Sie sich freundlich von mir warnen und an Annettens einstige Bestimmung errinnern. Wahrscheinlich wird sie die Frau eines Handwerkers, wenn es hoch kommt eines Krämers oder eines untergeordneten Beamten; höheres darf sie nicht erwarten, und heiraten wird sie doch wollen, denn das will jedes Mädchen. Und nun denken Sie sich Annetten mit der geistigen Bildung, die Sie ihr zu geben im Begriff stehen, ein Paar Kinder um sie her, eine grosse Wäsche im haus, und auf dem Heerde das Mittagsmahl für ihren Mann und vielleicht für noch ein Dutzend Gehülfen bei seinem Gewerbe!"

"Und warum sollte ich sie mir so nicht denken können?" unterbrach ihn ziemlich lebhaft Gabriele; "warum sollte diese geistige Bildung sie in der Uebung ihrer Pflicht hindern? Sagt man mir doch, es stünden oft die geistreichsten Männer in Aemtern, welche ihrem Genius gerade entgegen streben, ohne dass weder ihre Pflicht noch ihr Talent darunter leiden."

"Sie vergessen, oder vielmehr Sie wissen noch nicht, liebe Gabriele, wie viel günstiger das los der Männer als das der Frauen fiel," erwiderte Ernesto; "wie viel Freiheit Jenen ausser dem haus bleibt, und wie schneckenartig diese das ihrige immer mit sich herumtragen müssen, wenn Reichtum sie nicht von den drückendsten Banden befreit. Sie kennen den Mittelstand nicht," fuhr er fort; "Ihr vornehmen Leute kennt ihn überhaupt alle nicht; bittre Armut, das höchste Elend, so wie alle Extreme kann Eure Fantasie Euch allenfalls malen, Mitleid führt Euch auch wohl ein paarmal in Eurem Leben in Hütten, aus denen Ihr mit einer Hand voll Eures überflüssigen Goldes alle Not verbannt, aber das beschränkte Wesen von Menschen, welche einen sogenannten kleinen Haushalt führen müssen, bleibt Euch ewig verborgen. Ich aber kenne es, denn Künstler und Handwerker sind einander im Leben näher verwandt, als unser Hochmut es eingestehen will. Schütteln Sie nicht so vornehm das Köpfchen, liebe Gabriele, es bleibt dennoch wahr, beide haben gleiche Hülfsmittel und oft gleiche Not. Von dieser bezwungen, sinkt der Künstler in unsern Tagen nicht selten zum Handwerker herab, dafür aber erstanden auch in frühern zeiten viele grosse Meister aus der engen Werkstatt des Handwerkers."

"Aber gerade den Mittelstand dachte ich mir immer als den glücklichsten," wandte Gabriele, das Gespräch wieder zurücklenkend, ein. "Mann und Frau, jeder auf seine Weise, bringen den Tag im emsigen Bemühen für das Wohl der Ihrigen zu. Die Ruhestunden führen sie Abends wieder zusammen, sie erzählen einander die geschichte ihres wohlgelungenen Tagewerks, und vergessen alle Mühe des Lebens beim gemeinschaftlichen Lesen eines buches, das ihren Geist aus dem Werkeltags-Staub wieder erhebt. Bei Musik, im geistreich erheiternden Gespräch, beim Zauber der Poesie, schwinden ihnen die Feierstunden, und jedes geht am folgenden Morgen frisch und fröhlich an die Arbeit und freut sich den ganzen Tag über auf den Abend."

"Sie malen da ein Bild, das Ihrer Fantasie alle Ehre macht," sprach lächelnd Ernesto; "leider aber ist es im wirklichen Leben ganz anders. Wenn Sie die höhere Klasse des Mittelstandes meinen, zu welcher der reiche, angesehne, grosse Kaufmann, der wohlhabende, auf den ersten Stellen stehende Beamte gehören, so haben sie Recht, dort ist es zuweilen so, und könnte es immer sein. Aber zu den niedrigern Klassen, in welchen Annette einst leben wird, passt dieses nicht. Können Sie sich wirklich einen Schneider oder Tischler denken, der das Leben führte, welches sie eben geschildert haben? und setzen sie selbst den Fall, dass Annette einen untergeordneten Beamten oder einen Landprediger heiratete. Was diese Männer auf Universitäten an geistiger Bildung vielleicht gewannen, geht gewöhnlich in überhäufter Arbeit und Nahrungssorgen wieder zu grund, was sie von geistiger Unterhaltung brauchen, gewähren ihnen die politischen Weltändel, und Abends verlangt der abgemattete Mann nur nach einer guten Suppe, während die Frau ihrerseits auch froh ist, wenn sie die Kinder erst zur Ruhe weiss."

"Meine arme Annette!" rief Gabriele dazwischen. "Und nun die Frau Basen, die Frau Gevattern," fuhr Ernesto fort, "von diesen Leuten hat ein hochgebornes fräulein, wie Sie sind, keinen Begriff. Familienbande sind im eigentlichen Bürgerstande viel fester und dabei weiter umfassend als in dem Ihrigen. Was mit einander in irgend einem Grad von Verwandtschaft steht, muss an Ehrentagen und bei Kaffeevisiten zusammen kommen, da gilt keine Ausnahme. Und nun denken Sie sich die hochgebildete Annette in einer solchen