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Treiben, das ihr die Tage ihres frühern Zusammenlebens mit Ottokarn zurückrief. Moritz genoss bei alle diesem die Gewissheit, der Gemahl der brillantesten Frau in der Residenz zu sein, mit dem aller behaglichsten Gefühl, während Gabriele da stand, als ahne sie nichts von der Höhe, zu welcher die allgemeine Bewunderung sie erhob. Auch wagte es niemand, sie unbescheiden darauf aufmerksam zu machen. Bei aller Frische des Jugendglanzes, der sie umstrahlte, gab die seltene Würde ihres Anstandes ihr etwas matronenhaftes, und so wie man in ihrem sechszehnten Jahr sie überall für noch weit jünger ansah, so schien jedermann jetzt in ihrem vier und zwanzigsten Jahre geneigt, sie für älter zu halten als sie war. Oder vielmehr, man dachte weder an Alter noch Jugend bei der nicht weniger achtung als Liebe einflössenden Erscheinung, für die es, wie für die himmlischen, keine Zeitrechnung zu geben schien. Der Winter war vorüber, überall zeigten sich schon die ersten Vorboten des Frühlings. Bei der Unmöglichkeit, den vielfältigen Einladungen des Generals Lichtenfels schicklicher Weise länger auszuweichen, hatte sich Moritz endlich entschlossen, mit Gabrielen den Besuch auf dem Landgute desselben zu wiederholen, als Gabrielens Tante, die Gräfin Rosenberg, ganz unerwartet in der Residenz eintraf. Napoleons weit aussehende Plane vertrieben sie aus Paris, indem sie letzteres verödeten. In ihrem ehemaligen Wohnorte fand sie ihr Haus von fremden Gästen eingenommen und ihre ehemaligen Zirkel zerstört. Beinah alle ihre Bekannten waren ausgewandert und ihr blieb also keine andere Wahl, als sich einstweilen in einer Stadt niederzulassen, die ihr, bei allen Annehmlichkeiten des geselligen Lebens, die vollkommenste Ruhe und Sicherheit bot.

Die Wahl einer wohnung, in welcher sie im gewohnten Glanze auftreten konnte, war gleich nach ihrer Ankunft in der Residenz die erste sorge der Gräfin gewesen; ihr zweiter Wunsch war, sich bei hof und in der Gesellschaft auf eine auszeichnende Weise eingeführt zu sehen. Rang und Reichtum, diese mächtigsten Talismane auf Erden, verhalfen ihr zu beiden in unglaublich kurzer Zeit, und kaum waren vierzehn Tage verstrichen, als sich schon in einem der schönsten Hotels alles, was nur auf Eleganz, Ton und Talent Anspruch machte, um sie und ihre Begleiterin, die junge, schöne Markise d'Aubincourt versammelte. Von Paris aus, wo sie einander kennen lernten, waren diese beiden Damen unzertrennliche Reisegefährtinnen geblieben und gedachten jetzt mit vereinten Kräften ein glänzendes Haus zu bilden, das bei ihrem Vermögen und ihren Talenten alle andern in der Residenz zu verdunkeln drohte.

Gegenseitiges Bedürfen hatte gar bald das lockere Band blosser Bekanntschaft enger zusammengezogen, welches anfangs die Gräfin und die Markise vereinte. Es ward eine jener Liaisons daraus, wie die Welt deren so manche aufzuweisen hat. Sie mit dem Namen der Freundschaft zu bezeichnen, wäre Entweihung. Es kann weder von Liebe noch achtung bei diesen Vereinen die Rede sein, aber sie trotzen doch oft Jahre lang manchem Stosse von aussen, ja selbst der langsam auflösenden Gewalt der Zeit, und erhalten dadurch bei aller ihrer Frivolität einen Anstrich von Ehrwürdigkeit, den sie mit allem Dauernden gemein haben.

Die Gräfin hatte bei ihrer Rückkehr aus Rom nach Deutschland, und auch später in Paris es sich nicht verbergen können, wie sie, unerachtet aller ihrer noch immer anerkannten geselligen Vorzüge, dennoch mit Aurelien einen grossen teil jener Zaubermacht verloren habe, durch welche sie sonst alles in ihre Nähe zog und fest bannte. Ihr feiner Takt kam ihr bei dieser Entdeckung mächtig zu Statten, und weit entfernt, sich durch dieselbe gedehmütiget zu fühlen, suchte sie von der nehmlichen Stunde an, wo sie solche gemacht hatte, nach einem Wesen, das fähig war, jene Lücke in ihrer Umgebung auszufüllen.

Die Markise d'Aubincourt, eine junge, blendend schöne Frau, war in Paris zur nehmlichen Zeit ebenfalls aus ihrer gewohnten Sphäre getrieben; ihr Gemahl musste sie verlassen, um seinem Kaiser in weit entfernte Länder zu folgen, und da die französische Sitte die strengste Wächterin des äussern Scheines ist, so blieb ihr bei ihrer Jugend keine andere Wahl, als sich entweder während der Abwesenheit des Markis der Welt gänzlich zu entziehen, oder sich unter den Schutz einer ältern Frau von Rang und unbescholtenem Ruf zu begeben, in deren Begleitung es ihr allerdings erlaubt war, überall öffentlich zu erscheinen. Was konnte daher diesen beiden Damen wohl erwünschteres kommen, als ihr Zusammentreffen zur Zeit gegenseitiger, völlig ähnlicher Not? Der Bund zwischen ihnen war bald geschlossen, und da späterhin Langeweile beide aus Paris vertrieb, so erwarb die Markise noch den Anstrich einer exemplarischen Treue, indem sie sich den Mühseligkeiten der langen Reise aussetzte, einzig, um, wie sie versicherte, ihrem bei den Eisbären hausenden Gemahle in Deutschland näher zu sein. In allen Zirkeln, aus Aller mund vernahmen die Gräfin und die Markise, so bald sie ein wenig einheimisch geworden waren, den Namen Gabriele von Aarheim, überall erscholl ihr Lob, Männer und Frauen klagten über ihre Abwesenheit. Die Markise begann die Deutschen etwas langweilig zu finden, welche in Gegenwart einer schönen Frau es wagten, einer zweiten auf diese Weise zu erwähnen, während die Gräfin die ganze Familie Aarheim in ihrem Gedächtniss die Revue passiren liess, um diese berühmte Gabriele aufzufinden.

"Unmöglich," sprach sie sehr bedenklich, "unmöglich kann es meine kleine Nichte mit dem blassen Mondscheinsgesichte sein! In seinem sechzehnten Jahre wusste das arme Kind kaum drei zu zählen, so entwickelt kann sie sich nicht haben, und doch gibt es meines Wissens keine andere Gabriele in meiner