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vernahm. Dankbar ergriff sie ihn; mit der gewohnten ruhigen Einsamkeit hatte der Aufentalt am Rhein ohnehin seinen höchsten Reiz für sie verloren; die Anstalten zur Reise wurden daher so schnell als möglich getroffen, das Gut der Barmherzigkeit des himmels und der Aufsicht des treuen Inspektors empfohlen, und kurze Zeit darauf feierte Gabriele im arme ihrer Freundinnen eine höchst selige Stunde des Wiedersehens. Nicht in der Stadt, in welcher Frau von Willnangen früher lebte und wo Ottokars Bild Gabrielen auf jedem Schritt entgegen getreten wäre, wurde dieses Wiedersehen gefeiert. Die Gestaltung der Zeit, welche Gabrielen von den schönen Ufern des Rheins verbannte, hatte auch ihre Freundin bewogen, sich mit ihren Kindern auf das Gut des Generals Lichtenfels zurückzuziehen, und Ernesto den dringenden Bitten, seine Freunde zu begleiten, nicht widerstehen können. So lebten alle auf dem schönen schloss im fröhlichsten Verein, doch nicht wie sonst in rauschenden Festen.

Mit freudestrahlendem Blicke, wenn gleich noch ein wenig bleich, hielt Auguste von dem Sopha, auf welchem sie ruhte, eine kleine, wenige Tage alte Gabriele der Freundin auf ihrem arme entgegen. Neben ihr lag ein funfzehn Monate älterer rosenwangiger Adelbert und jauchzte laut im lustigen Spiel mit dem Vater. Ein einziger blick auf die häuslich frohe Gruppe verkündete Gabrielen das stille Glück dieser Menschen. Und als nun Auguste, nach dem ersten freudigen Verstummen des Wiedersehens, mit froher Redseligkeit die Aehnlichkeit der kleinen Gabriele mit der grossen zu beweisen suchte, als Adelbert seinen Knaben tanzen, lachen und einzelne Töne stammeln liess, um Gabrielen alle erstaunenswürdige Künste desselben gleich in der ersten Stunde zu zeigen, da perlte eine helle Träne Gabrielen im Auge und ein leiser Seufzer hob langsam ihren Busen, an welchen sie Augusten fester drückte.

Mitleidig betrachtete Frau von Willnangen ihre Gabriele in diesem Moment, doch bald erglühte sie fast zornig bei Moritzens Eintritt, der gleich nach der ersten Begrüssung die Kleidung der Kinder zu untersuchen und zu tadeln begann, dann eine lange Rede über die neuesten Arten derselben hielt, welcher niemand zuhören mochte. Zuletzt verlangte er, alle in das Schloss gehörende Hunde zu sehen, um einen heraus zu finden, der Genie genug besässe zu lernen, wie er vermittelst eines Rades die Wiege des Neugeborenen in Bewegung setzen könne. "Er ist noch wie sonst!" seufzte Ernesto leise vor sich hin und hütete sich schonend, Gabrielens Blicken zu begegnen.

Keine Sylbe über ihr gegenwärtiges verhältnis, viel weniger eine Klage entschlüpfte beim längern Beisammensein Gabrielens Lippen, selbst im vertrautesten Gespräch mit ihren Freunden. Nur überflog zuweilen ein dunkleres Rot ihre Wangen, wenn Herrn von Aarheims Eigenheiten in zu grellem Lichte sich zeigten, und ihre Worte folgten dann schneller wie gewöhnlich auf einander, in dem Bestreben, dem gespräche, in welchem er zu unvorteilhaft erschien, eine andere Wendung zu geben. Selten misslang ihr dieses und ihre Freunde fühlten sich oft bewogen es zu bewundern, wie künstlich sie dann gerade die wenigen Gegenstände zur Sprache zu bringen wusste, über welche ihr Gemahl mit erträglicher Sachkenntniss sich zu äussern fähig war. Uebrigens erschien sie ihnen in ihrem ganzen Betragen völlig unverändert, obgleich alle die Unmöglichkeit fühlten, zu fragen, was sie nicht von selbst gestand und was alle sich doch sehnten zu erfahren. Nicht weil sie in geheimnissvolles Dunkel sich hüllte, verloren ihre Freunde den Mut dazu, sondern im Gegenteil, weil ihr ganzes Wesen so krystallhell vor ihnen stand, dass man keine Nachforschung wagen mochte, um es nicht zu trüben.

Endlich brach Gabriele selbst zuerst dieses Schweigen. Es war an einem jener dunkelhellen warmen Herbstabende, wo alles zur wehmütigen Feier einer lieben Vergangenheit uns auffordert. Langsam, von keinem Lüftchen berührt, sinken die purpurfarbenen und goldenen Blätter einzeln von den Bäumen herab und ein seltsames Rauschen flüstert in den Wipfeln, während unten auf der Erde die tiefste Stille herrscht. Die Menschen rücken dann näher zusammen und haben einander lieber als sonst, denn alle fühlen ahnungsvoll die Gewissheit des vielleicht nahen Scheidens und der Vergänglichkeit aller Blüte und aller Pracht.

Gabriele, Frau von Willnangen, Auguste und Ernesto sassen in der Dämmerung allein unter den Säulen vor dem haus. Der General und Adelbert hatten mit dem überlästigen Moritz schon am frühen Morgen zu einer Jagdpartie sich begeben, wie sie oft taten, um den Frauen ein ungestörtes Beisammensein zu gewähren. Vieles aus der Vergangenheit war unter den Daheimgebliebenen schon den Tag über leise zur Sprache gekommen und aller Gemüt weicher gestimmt. Da fragte Gabriele plötzlich wie an jenem verhängnissvollen Abend vor ihrer Vermählung: "Ernesto! haben Sie keine Briefe aus Rom? Weiss Ottokar, welchen gang das Geschick mit mir nahm?" setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu.

"Er weiss es, er nimmt teil an Gabrielen, wie Gabriele an ihm. In wenigen Jahren, vielleicht noch früher, hofft er uns alle wiedersehen zu dürfen," erwiderte Ernesto in einiger Bewegung über die unerwartete Frage. Doch fuhr er bald mit festerer stimme fort, von Ottokars Lage zu sprechen, und von dem Einflusse des gegenwärtigen Ganges der Welt auf diese. Er erzählte, wie Ottokar fortwährend in Rom lebe; doch, für den Augenblick fern von allen öffentlichen Geschäften und Verbindungen; wie er seine Zeit einzig seiner Neigung zur Kunst widme und der fröhlichen sorge für einen lieblichen Knaben, seinem einzigen kind.

Die sichtbare Bewegung, in welche Gabriele bei dieser Nachricht geriet, bestimmte Frau von Willnangen, eine Frage nach Aurelien hinzuwerfen, um ihrer jungen Freundin Zeit zu geben, sich zu fassen. "Aurelia,