Briefen ihren Freunden mit. Ernesto selbst musste endlich aufhören, für ihre Zukunft besorgt zu sein.
So lange Gabrielens Gemahl in England verweilte, setzte sie die eingezogene Lebensweise fort. Gewohnheit hatte sie ihr täglich werter gemacht und bei Moritzens Heimkehr überraschten diesen überall Beweise ihres unermüdeten, stillen, wohlgeordneten Wirkens. Was er noch von seiner ehemaligen Eifersüchtelei beibehalten haben mochte, verschwand, wie Eis an der Sonne, vor dem ruhigen blick und der über das ganze Wesen der schönen Frau ergossenen Würde, mit der sie freundlich, doch nicht heuchelnd ihm entgegen trat und ihn willkommen hiess. Die englische Manie hatte er ohnehin in England verloren, er kehrte heim, fest entschlossen, einen neuen Lebensplan zu ergreifen; nur schwankte er noch in der Wahl desselben, als bei Gabrielens Anblick ihn ein freudiger Uebermut ergriff. Er fühlte plötzlich eine Art von sehnsucht, vor aller Welt mit dem Glück glänzen zu können, dessen eigentlichen Wert zu würdigen er doch weit entfernt war. Sein alter Hang, von einem Extrem zum andern zu eilen, ward mächtiger in ihm als je zuvor, und er, der noch vor kurzem sogar den Sonnenstrahlen den Anblick seiner Gemahlin gern verwehrt hätte, begann jetzt sehr ernstlich darauf zu denken, wie er sie bereden könne, den kommenden Winter in Paris, mitten im Strudel der grossen Welt mit ihm zu verleben.
Alle seine gespräche gingen von nun an einzig darauf hinaus, ihren Widerwillen gegen eine solche Veränderung ihres Wohnorts zu bekämpfen, und je inniger sie an ihrer Einsamkeit zu hängen schien, je eifriger bezeigte er sich, sie ihr zu entreissen und sie den rauschendsten Vergnügungen wieder zuzuführen.
Inzwischen wurde Herr von Aarheim in England nicht nur der englischen Lebensweise untreu, sondern auch seiner neuern leidenschaft der Sternkunde. Der Landwirtschaft mochte er sich nicht wieder zuwenden, und so schwebte er wirklich vakant, wie nach einem alten Glauben die Seelen der ungetauft gestorbenen Kinder, zwischen Himmel und Erde, in tödtlicher Langerweile, welche das ewige Disputiren mit Gabrielen über ihren künftigen Winteraufentalt doch nicht ganz zu bannen vermochte. Ein Zufall brachte ihn endlich auf den Gedanken, die sorge für Requisitionen, Einquartirungen und andere Kriegsübel, welche mit jedem Tage in der Gegend sich häuften, in eigner person zu übernehmen, und darin einen Zeitvertreib zu suchen.
Wie durch ein Wunderwerk, lag bis jetzt sein Schloss, gleich einer glücklichen Insel, mitten in einem stürmischen Meer. Gabriele, welche die grenzen der nächsten Umgebungen ihrer wohnung selten zu überschreiten pflegte, hatte noch nie einen der Feinde erblickt, die ringsum, wenn gleich nicht den Krieg selbst, doch manches Unheil und manche der Unruhen herbeiführten, welche diesen zu begleiten pflegen. Sie verdankte diese Schonung den wohlgetroffenen Maassregeln ihres Wirtschaftsinspektors, der als Elsasser der französischen Sprache kundig genug war, um jede Verhandlung übernehmen zu können, welche das Ausheben der Konscribirten, der Durchmarsch der Armeen und ähnliche Kriegslasten notwendig machten. Er hatte überdem ein sehr artiges Jagdhaus zum Empfang der Einquartirungen einrichten lassen, es lag nahe am schloss, doch ausser dem Gesichtskreis desselben. Dort nahm er einstweilen selbst seine wohnung und wusste bald durch freundliches Zuvorkommen, bald durch ernstes, gefasstes Betragen jeden Unfug abzuwenden, welchen der Uebermut der ungeladenen Gäste hätte stiften können.
Herr von Aarheim, seiner alten Weise getreu, alles besser wissen zu wollen, war weit davon entfernt zu begreifen, wie nützlich diese Einrichtung ihm bis jetzt gewesen sei. Unter dem Vorwande, dass die Gegenwart des Inspektors anderswo nötiger wäre, vertrieb er diesen aus dem Jagdschlosse, schlug dann selbst seine wohnung darin auf und schuf sich ein eigenes System zur Erleichterung der Kriegslasten, sowohl für die Armee als den Landeigentümer. Dieses mochte seltsam genug ausgefallen sein, wenigstens war niemand mit den neuen Einrichtungen zufrieden, deren Ausführung Herr von Aarheim persönlich übernahm, und Unmut und Streit traten an die Stelle des ehemaligen gegenseitig guten Vernehmens. Endlich kam es sogar so weit, dass Gabriele durch ihr plötzliches Dazwischentreten ihren Gemahl einst von Misshandlungen retten musste, die er anfangs durch Knickerei und Uebermut, dann durch feiges, ängstliches Betragen sich selbst zugezogen hatte. Ihre unerwartete glänzende Erscheinung machte zwar aller Fehde gleich ein Ende, und Moritz war herzlich froh, seine Persönlichkeit unverletzt gerettet zu sehen, aber ihn überlief dabei doch wieder ein kleiner eifersüchtelnder Schauer. Um den neugestifteten Frieden dauerhaft zu gründen, sah Gabriele sich genötigt, die fremden Offiziere jetzt in das Schloss selbst einzuladen. Sie folgten ihr mit allen Zeichen der höchsten Verehrung, kamen mit aller Galanterie ihrer Nation jedem Winke der schönen Frau zuvor, leisteten anscheinend jeder ihrer Aeusserungen den pünktlichsten Gehorsam, fanden es aber auch zugleich höchst nötig, das Schloss des Herrn von Aarheim zum Mittelpunkt zu machen, von wo aus sie ihre Geschäfte in der Umgegend dirigirten und alle ihre Anstalten deuteten auf einen recht langen Aufentalt in demselben.
Moritz war zu feig, um gegen diese Einrichtung etwas einzuwenden, aber ihm war dennoch gar nicht wohl dabei zu Mute. Vor allem quälte seine arme schwache Seele sich mit der Furcht, dass Gabriele bei dieser gelegenheit sich leicht eine herrschaft über ihren Gemahl anmassen könne, welche in ruhigern zeiten ihr wieder zu entreissen ihm schwer werden möchte. Unfähig, länger diese Besorgnisse zu tragen, kam er endlich auf den Gedanken, ihr, die er jetzt nicht mehr nach Paris zu führen verlangte, einen Besuch bei der Frau von Willnangen vorzuschlagen. Eine freudige Aufwallung färbte zum erstenmal seit langer Zeit Gabrielens Wangen und ihre Augen leuchteten vor Entzücken, als sie diesen Vorschlag