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grössten Eifer zu treiben. Die Tische in ihrem Zimmer waren bald mit Plänen zu Gartengebäuden, Anlagen und Treibhäusern aller Art bedeckt, sie kamen nach und nach unter ihren, durch vieles Zeichnen geübten Augen ins Dasein und der grosse Garten ward unter ihrer Leitung sehr bald ein Paradies voll Duft und Blumen und Früchte. Herr von Aarheim, im Entzükken über das Gedeihen der exotischen Pflanzen, welche er mit grossen Kosten aus fremden Ländern hatte kommen lassen, übersah es gern, dass Gabriele deshalb auch die Einheimischen nicht verbannte und Weinstöcken und Obstbäumen nicht minder die ihnen zukommende Pflege angedeihen liess, als dem Pisang oder der Ananas.

So verging das erste Jahr ihrer Ehe. Uebung vermehrte Gabrielens Kraft und Moritz bemerkte mit Erstaunen die ernste Tätigkeit seiner jungen Gemahlin. Die Gewandteit, die Sicherheit, die Ruhe, mit der sie alles vollbrachte, was sie unternahm, erregten seine Bewunderung, während ihr ganzes Betragen ihm eine achtung einflösste, vor der das ängstliche Misstrauen, mit welchem er sie bisher bewacht hatte, es wenigstens nicht wagte, sich zu zeigen. Seine innere Unruhe, die ihn von jeher rastlos in der Welt nach Neuigkeiten herumjagte, erwachte, so wie er in Hinsicht auf Gabrielen ruhiger zu werden begann, und unwiderstehlicher als je fühlte er in sich den Wunsch, ihr nachgeben zu dürfen. Des ökonomischen Steckenpferdes, so wie der ländlichen Einsamkeit war er eigentlich längst überdrüssig geworden; nichts konnte ihm daher erwünschteres kommen, als dass Gabriele späterhin ihre Neigung erklärte, sich nicht allein der Gärten, sondern auch der ganzen Verwaltung des Gutes anzunehmen. Er fand die Bereitwilligkeit zu bequem, mit der sie ihn so mancher, ihm jetzt höchst lästigen sorge überhob, als dass er sie sich nicht recht gern hätte gefallen lassen sollen, um so mehr, da er sich dabei das Ansehen geben konnte, als erzöge er sich in seiner Gemahlin eine Schülerin seiner ausserordentlichen ökonomischen Kenntnisse. Vielleicht war er auch eitel genug, sich dieses selbst einzubilden, während Gabriele, nach dem Rate ihres redlichen Inspektors allmählich alle schädliche Neuerungen abstellte, welche Herr von Aarheim eingeführt hatte, und nur die bessern beibehielt, ohne dass dieser irgend eine Veränderung bemerkt hätte. Immer sorgloser, fasste er endlich gar den Mut, Gabrielen erst auf Tage, sodann auf Wochen sich selbst zu überlassen, und zuletzt sie zur unumschränkten Regentin seines Gutes und seines Hauswesens zu machen, während er in den naheliegenden Städten umherzog, oder sich auf kleinen mineralogischen Reisen in das Gebürge vertiefte.

Bald unter dem Vorwande des Heimwehs, bald ganz ohne Abschied in der Stille, verschwanden nun auch nach und nach die fremden Abenteurer, welche Herr von Aarheim früher um sich her versammelt hatte; eigentlich wohl, weil keiner von ihnen unter der Oberaufsicht des alten Inspektors mehr seine Rechnung fand. Die alten, von ihnen vertriebenen deutschen Gesichter erschienen wieder, doch Herr von Aarheim nahm von allen diesem keine Notiz. Wenn er zuweilen eine Säemaschine oder einen neuerfundenen Pflug in Aktivität erblickte, war er vollkommen zufrieden, gab sich das Ansehen, als sei er überzeugt, dass alles noch nach seiner Vorschrift betrieben werde und vermied jede Aufklärung oder Rechenschaft, welche Gabriele ihm zu geben stets bereit war. Sein ewig wechselnder Sinn hatte ihn eigentlich dem Himmel zugeführt, indem er ihn der Erde abwendete, und es war nicht sowohl Vertrauen in Gabrielens Kenntnisse, als Ueberdruss und Eckel an seiner ehemaligen Lieblingsbeschäftigung, was zu diesem Benehmen ihn bewog. Quadranten, Globen, Ferngläser aller Art, gaben jetzt seinen Zimmern das Ansehen eines Observatoriums, aus welchem Fellenberg, Taer und Artur Young völlig verbannt wurden, denn Astronomie war für dem Augenblick sein Lieblingsstudium geworden. Diese neue leidenschaft begann endlich, ihn so mächtig zu beherrschen, dass er, der früher die Reise nach Italien aufgegeben hatte, um Gabrielen nicht zu verlassen, sich jetzt mitten im Kriege nach England schlich, einzig um in Slowe auf Herrschels hohem Sessel in den Lüften zu schweben, mit einem Fernglase in dessen kolossalen Tubus zu kuken und dessen neuerfundenen Kometenjäger zu bewundern. So waren drei Jahre verstrichen, und Gabriele hatte in steter Einsamkeit, fern von den Freunden ihrer Jugend, ihr zwanzigstes Jahr vollendet, doch war sie durch einen ununterbrochenen Briefwechsel mit Ernesto, Augusten, Frau von Willnangen, sogar mit der guten alten Frau Dalling, die rege Teilnehmerin an allen ihren Leiden und Freuden geblieben. Ja dieser war es eigentlich, welcher noch Abwechselung und Bewegung in den Lauf ihres Lebens zu bringen vermochte, denn ihre eigene Existenz glitt so einförmig an ihr vorüber, dass das Schwinden der Tage ihr nur durch den Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar werden konnte. Die Zeit, welche sie bei ihrer Tante verlebt hatte, die Tage voll Schmerz und Lust im haus der Frau von Willnangen, ja selbst Ottokars Bild schwebten nur noch in dämmerndem Scheine vor ihrer Seele, wie die Tage der Kindheit vor dem inneren Auge des lebensmüden Greises schweben, der liebend noch an ihnen hängt, obgleich er es nicht mehr vermag, sie noch deutlich aus der weiten Ferne zu erkennen. Im ruhigen Bewusstsein erfüllter Pflicht, aufrecht erhalten durch rege Tätigkeit, konnte Gabriele nicht in dumpfe Apatie versinken. Der Anblick der natur, das Gelingen ihres Strebens, liess sie nicht unergötzt, aber kein frohes, glückliches Empfinden rötete je ihre Wangen höher, strahlte in ihrem blick, oder beschleunigte das ruhige Pulsiren ihres Herzens zu rascheren Schlägen. Sie war ruhig, so ruhig, dass sie fast keinen Wunsch mehr kannte, und dieses Gefühl teilte sie in ihren