, um sie vorzustellen.
Nichts wird strenger und sichrer geahndet, als eine solche absichtliche Verletzung der allgemein hergebrachten Sitte, besonders in kleinen Städten, oder in einem nachbarlichen Kreise auf dem land. Man erklärt sich dadurch selbst in die Acht, und alle die, m i t denen n i c h t s e y n zu wollen wir bezeigen, halten sich durch unser Verfahren berechtigt, w i d e r u n s zu sein.
Die arme Gabriele würde dieses schwer empfunden haben, hätte ihre natürliche Anspruchslosigkeit sie nicht verhindert zu bemerken, wie man bei allen Gelegenheiten sogar ihre Existenz zu ignoriren beflissen war. Auch das aller unbedeutendste geschöpf kann nicht so total übersehen werden, als sie es wurde, so oft ein seltner Zufall sie in die Nähe derer brachte, welche Herr von Aarheim ohne ihr Zutun beleidigt hatte. Dieser fühlte das zu seiner grossen Kränkung sehr deutlich, und strebte durch tausend kleine Künste es Gabrielen zu verbergen; aber er hätte diese Mühe füglich sparen können, denn Gabriele schien in ihrer Lebensweise nicht die mindeste Abweichung vom allgemein Ueblichen zu finden. Briefe, welche sie von den Freunden ihrer Jugend empfing, oder an sie schrieb, waren in ihrem gleichförmig-stillen Leben die einzige Auszeichnung eines Tages vor dem andern und eine unbestimmte süsse sehnsucht bemächtigte sich ihrer allmählich in dieser ungestörten Einsamkeit. Oft sass sie Stundenlang allein, das blühende Lockenköpfchen auf die weisse Hand gestützt, in dämmernden Träumen verloren. Hell und einzeln perlten Tränen unter den langen seidnen Augenwimpern hervor, und fielen langsam herab, wie wenn der West eine tropfenschwere Rose wiegt. Ein namenloses süsses Weh durchzuckte schmerzlich und freudig ihr volles Herz, dann nannte sie leise Ottokars Namen, und blickte verwundert, gleichsam sie zählend, auf die Tränen, die ihrem Auge entquollen, sie wusste nicht warum. Zum Glück wurde Frau von Willnangen und Ernesto durch den Ton, der in Gabrielens Briefen vorzuherrschen begann, auf die jetzige Stimmung ihres Lieblings sehr bald aufmerksam gemacht, und ihre warnende stimme kam nicht zu spät, um die Träumerin zu erwecken.
Gabriele riss sich mit gewohnter Kraft plötzlich empor. Die Gefahr bei diesem süssen Verlieren in sich selbst entging von nun an ihrem klaren Blicke nicht, noch weniger die notwendigkeit, in nützlicher Tätigkeit Schutz gegen jene Lähmung des Geistes zu suchen, deren leises Heranschleichen sie jetzt deutlich erkannte. Ein würdiger Gegenstand dieser Tätigkeit zeigte sich ihr, so wie sie nur Gewalt genug über sich gewann, den blick auf das ihr Zunächstliegende zu wenden.
Seit Moritz so einsam auf dem land lebte, hatte er sich mit seiner gewohnten Oberflächlichkeit auf die praktische Oekonomie geworfen. Und sie bot seiner Vorliebe für neue Erfindungen ein unübersehbares Feld. Täglich ward etwas Neues unternommen, sein unruhiges, in sich selbst sich zersplitterndes Wesen erlaubte ihm aber nicht, irgend etwas vollenden zu lassen. Was gestern erbaut ward, musste heute wieder eingerissen werden; Menschen und Tiere wurden stündlich von den notwendigsten Feldarbeiten abgerufen, um zur Fröhnung irgend einer momentanen Laune ihres Gebieters ihre Kräfte herzuleihen. Die alten treuen Arbeiter, welche an dem Boden, den ihre Urgrossväter schon im Schweisse ihres Angesichts gebaut hatten, sich eine Art von Anrecht erworben zu haben glaubten, sträubten sich vergebens gegen dieses Verfahren; vergebens verteidigten sie ihre alte Art das Land zu bauen mit dem, dem Landmann eignen Widerwillen gegen alle Neuerungen. Die Starrsinnigen wurden des Dienstes entlassen und Fügsamere traten an ihre Stelle. Pflüge und Pflüger, Hirten und Heerden, Pflanzen und Gärtner wurden mit unendlichen Kosten aus dem Auslande verschrieben, aus England, aus der Schweiz, aus Spanien sogar. Die Umgegend füllte sich mit fremdartigen Gestalten, Abenteurer aller Art drängten sich herbei, welche Herrn von Aarheim mit den niedrigsten Schmeicheleien zu gewinnen wussten, und die ganze Nachbarschaft sah in stiller Schadenfreude zu, wie er, der sich das Ansehen gab, klüger sein zu wollen als alle, auf das gröbste hintergangen ward.
Alle diese Missbräuche konnten Gabrielen nicht entgehen, sobald sie mit Ernst um sich blickte, und indem sie solche gewahrte, musste sie zugleich die Verpflichtung fühlen, die gutmütige Schwäche ihres Gemahls nicht länger als untätige Zuschauerin missbrauchen und verspotten zu lassen. Das Beispiel ihrer Mutter schwebte ihr vor, die mit sanfter Hand und klugem Auge der Verwaltung der Güter von Schloss Aarheim vorgestanden hatte, und das Gefühl, wie unendlich viel zur Erreichung dieses Vorbilds ihr noch mangle, durfte Augustens Tochter nicht abschrecken, ihm wenigstens von ferne nachzustreben. Zum Glück fand Gabrielens Unerfahrenheit bald einen verständigen und treuen Beistand in einem alten Wirtschaftsbeamten, dem einzigen aus der vorigen Zeit, der unter einem wüsten Haufen aus allen Teilen Europens zusammen gelaufnen Gesindels noch da stand. Eine Art von Scheu vor seiner durch lange Dienstjahre bewährten Treue hatte Herrn von Aarheim abgehalten, ihn, gleich den übrigen alten Dienern zu entlassen.
Die Gärten waren der erste Gegenstand, welchen Gabriele unter ihre besondere Obhut nahm. Diess schöne Gebiet gehört ohnehin, wenigstens zur Hälfte, in das Reich der Frauen, und Herr von Aarheim trug freudig seiner Gemahlin alle vom Gartenbau handelnde Bücher aus seiner Bibliotek selbst herbei, sobald sie nur den Wunsch äusserte, sich mit der Oberaufsicht desselben zu beschäftigen. Der Gedanke, dass Gabriele beginne, an seinen Verbesserungsplanen teil zu nehmen, entzückte ihn um so mehr, da seiner Meinung nach gerade der teil derselben, welchen sie erwählte, sie immer mehr von der Aussenwelt trennen und in die Nähe des Schlosses bannen musste.
Sie begann ihr neues Geschäft mit dem