freien Wahl. Ich kenne den ganzen Umfang der heiligen ernsten Pflicht, die mir auferlegt ward, aber mein Herz schlägt ruhig und zeiht mich keiner Untreue. Vor dem Altare gelobte ich Treue dem Gemahl, gefällige achtung, Ergebenheit und liebevolle Teilnahme an allem, was ihn berührt in Freude und Leid; mehr kann niemand geloben und ich werde halten was ich versprach. Was aber hat dieses Geloben mit dem Gefühl zu tun, das mein inneres Dasein mit Ottokar aufs innigste verwebt? Dieses ist nicht von dieser Welt, hat mit ihr so ganz und gar keinen Zusammenhang, dass jede ihrer Einrichtungen es nur enteiligen könnte. Wozu jemals geloben, Ottokar ewig zu lieben? Gelobt man denn zu leben? zu atmen? Das kommt ja alles von selbst, und die Liebe, die ich meine, ist ja nur reines äterisches Leben ohne Absicht, ohne Wollen entstanden, und kann nie vergehen. Wie ich Ottokars, so trug meine Mutter Ferdinands Bild in reiner, treuer Brust, und sie war das Muster der Frauen.
Sie sehen demnach, meine teure zweite Mutter! Sie können ruhig sein um Ihr entferntes Kind. Ich bin zufrieden. Im Aeussern nichts, das tief mich verletzen könnte; im inneren Kraft und Mut, Liebe und Frieden. Was darf der arme Mensch vom Schicksal Höheres fordern? Ich wende den blick hinab auf die Tausende, die neidend zu mir heraufblicken, und schaue nicht hinauf zu jenen, denen ein vollerer Freudenkranz, von wenigern Dornen durchflochten, gereicht ward, als mir." Wer einer Feuersbrunst, oder der Raubsucht plündernder Feinde alle seine Habe hingegeben sah, der nimmt, was unverhofft ihm gerettet ward, so dankbar auf, als wäre es ein Geschenk. In der ersten Freude über das schon verloren Geglaubte dünkt man sich anfangs mit dem zehnten teil seines Eigentums beinah reicher als vorher im Besitz des ganzen, und nur allmählich gewöhnt man sich wieder, ein jedes gehörig zu würdigen.
Gleich einem solchen, dem Feuer oder den Feinden entrissnem Kleinode, betrachteten Gabrielens Freundinnen diesen ihren ersten Brief seit ihrer Vermählung. Mit innerem Zagen und mit widerstrebender Hand hatte Frau von Willnangen ihn entsiegelt; sie fürchtete in herzzerschneidenden Klagen ihres Lieblings die traurige Bestätigung aller der trüben Ahnungen lesen zu müssen, welche Gabrielens Geschick ihr in den dunkelsten Farben vorspiegelten. Was sie von ihr las, übertraf daher so ganz ihre Erwartung, dass wenig daran fehlte, sie hätte sich dadurch verleiten lassen, sie glücklich zu preisen. Freilich schwand dieser erste Freudentaumel früh genug, aber der tröstende Eindruck konnte dennoch nicht gänzlich verlöschen. Allen den lieben Sorgen, allen den mannigfaltigen Beschäftigungen, welche Augustens Ausstattung und Vermählung notwendig machten, unterzog sich Frau von Willnangen von nun an mit weit leichterem Herzen, und auch die junge Braut gab an Adelberts Seite sich dem Glück unbefangener hin als zuvor. Gabrielens trauernde Gestalt war in manchen Momenten oft wie ein stiller Vorwurf zwischen Augusten und die Freude getreten. Die überzeugung, dass die geliebte Freundin weit weniger beklagenswert sei, als sie es sich gedacht hatte, schien ihr jetzt erst die rechte erlaubnis zu geben, es sich selbst zu gestehen wie glücklich sie sich fühle.
Der General Lichtenfels und Adelbert teilten freudig die Hoffnungen, welchen Frau von Willnangen und ihre Tochter sich so unbedingt überliessen, nur Ernesto ward sichtbar trübe und verstimmt nach Lesung des Briefes, der alle andern beruhigt hatte. Verstummend gab er ihn in die hände der Frau von Willnangen zurück, und antwortete nur mit einem halberstickten Seufzer und abgewandtem Blicke ihren, um Bestätigung des eignen frohen Gefühls bittenden Augen.
Nicht Gabrielens gegenwärtige Lage beängstigte so den treuen Beschützer ihrer Jugend. Er kannte die Elastizität ihres Gemüts, dessen Kraft zum Guten durch Uebung, auch der schwersten Tugend, nur erhöht, nicht gemindert werden konnte und baute fest darauf. Aber seit er Gabrielens Brief gelesen hatte, vermochte er es nicht ein banges Vorgefühl künftigen Unheils von sich abzuschütteln. Er zitterte vor dem Gedanken, sie einst, vielleicht bald die tiefe Einsamkeit verlassen zu sehen, in welcher ihr jetzt alle ihre Tage in steter Dämmerung, von lieben Erinnerungen umgaukelt, hinschwanden. Denn Ruhe, ungestörte einförmige Ruhe, dieses trübe Surrogat des Glücks, waren, seiner überzeugung nach, alles, was die Freunde der armen Gabriele dieser von nun an noch wünschen konnten, damit nichts sie völlig aus dem schönen Traume erwecken möge, den sie, wie er fürchtete, schon halb erwacht, sich noch fortzuträumen bemühte. Es hatte wirklich den Anschein, als ob Ernestos fromme Wünsche für Gabrielens Ruhe auf das pünktlichste in Erfüllung gehen sollten, denn sie lebte lange Zeit am schönen Ufer des Rheins, in abgeschiedener, beinahe klösterlicher Einsamkeit. Nie sah man sie ausserhalb des Bezirks der zu ihrem schloss gehörenden Gartenanlagen, als in Herrn von Aarheims Gesellschaft, höchstens mochte sie es zuweilen an schönen Abenden wagen, allein oder nur von Annetten begleitet, in ihrer Gondel auf den goldig grünen Wellen des Stroms hinzugleiten. Argwohn und Eifersucht hatten ihrem Gemahle gelehrt, sie von allen Seiten so schlau einzuengen, dass es gar keines ausdrücklichen Verbots von ihm bedurfte, um Gabrielen jede Verbindung mit der Aussenwelt unmöglich zu machen. Dass man in seinem schloss nach englischer Sitte die Tageszeiten einteilte, die Frühstücksstunde auf den Mittag, die Mittagsstunde auf den Abend verlegte, damit war schon ein grosser Schritt zur Absonderung von der ganzen Nachbarschaft geschehen, der grösste aber dadurch, dass Moritz bei seiner Ankunft unterliess, mit seiner jungen Gemahlin die gewohnten Besuche zu machen