, was sonst auch mir lieb war. Meine äussern Umgebungen lassen mir nichts zu wünschen übrig. Eine reiche Kupferstichsammlung, mehrere vorzügliche Gemälde, plastische Kunstwerke, eine in frühern günstigern Jahren gesammelte reiche Bibliotek sind der Schmuck unseres Hauses und stehen mir stündlich zu Gebot. Wir wohnen in einer entzückenden Gegend; mit unaussprechlicher sehnsucht male ich mir des Frühlings Erwachen in diesen wunderherrlichen Tälern, auf diesen Rebenhügeln, wenn um sie die grünen Wogen des von Eisesbanden befreiten Stromes den fröhlichen Tanz wieder beginnen werden.
Herr von Aarheim (er selbst wünscht es, dass ich stets so ihn nenne) Herr von Aarheim begünstigt freundlich und nachsichtig alle meine kleinen Liebhabereien, er ist wohlwollend, aufmerksam und gütig gegen mich. Ob er manche Sonderbarkeit, die uns bei seinem ersten Anblick von ihm auffiel, teilweise abgelegt hat, oder ob Gewohnheit sie mir weniger auffallend macht, wage ich nicht zu entscheiden; so viel ist gewiss, dass diese seine Angewöhnungen sehr selten störend in unser häusliches Leben eintreten, und wo sie es könnten, fühle ich die Verpflichtung, jeden Misston schonend und zuvorkommend abzuwenden, so viel diess in meiner Macht steht. Auch ohne das Band, durch welches mein Vater in seinen letzten Stunden mich Herrn von Aarheim vereinte, wäre er als mein nächster Verwandter zugleich der natürliche Vormund und Beschützer meiner Jugend gewesen, und als solcher berechtigt, achtung und Fügung in seinen Willen von mir zu fordern. Meine jetzige Verbindung mit ihm macht mir beides zur heiligsten Pflicht, ich übe sie gern, und seine wohlwollende nachsichtige Art mir zu begegnen, erleichtert mir vieles.
Wahr ist es, wir leben sehr einsam, die Nachbarschaft ist wie ausgestorben, alles nun dem Winter auf dem land ausgewichen, dem lustigen Leben in den Städten zugezogen, nur wir allein von allen Güterbesitzern der Gegend, sind hier geblieben. Doch Sie wissen, Einsamkeit war von jeher die Freundin meiner Jugend, und jetzt bedarf ich ihrer doppelt. Denn ich hatte und habe noch manches mit mir allein abzumachen, wozu ich vieler Zeit bedarf. Herr von Aarheim glaubt auch, es wäre gut, wenn ich, ehe ich in die Welt gehe, mich erst in häuslicher Stille an meine jetzigen Pflichten gewöhne, und lerne, was künftig mir obliegen wird zu verwalten. Ich fühle, wie sehr er Recht hat, und selbst, wenn ich seinen Gründen etwas entgegen zu setzen wüsste, würde ich aus Wahl vermeiden es zu tun, denn das stille Familienleben auf dem land hat auch im Winter für mich grossen Reiz. Sehnte ich mich nur nicht so unaussprechlich und oft nach Ihrer und Augustens lieber Gegenwart! Vermisste ich nur nicht so schmerzlich den heitern belehrenden Umgang Ernestos, des treuen vielerfahrnen Freundes!
Herr von Aarheim gedenkt im nächsten Spätjahre eine Reise nach Italien zu unternehmen. Vielleicht gelingt es mir dann, während der Zeit seiner Abwesenheit mich in Ihrer geliebten Nähe für die lange Trennung von Ihnen zu entschädigen. Oft wenn mich gar zu sehr nach Ihnen bangt, beschwichtige ich mich selbst mit dieser lieben Aussicht. Es wird mir ja hoffentlich nicht schwer werden, Herrn von Aarheims Zustimmung zu einem Besuche bei Ihnen zu erhalten. Zwar liegt es in seinem Reiseplan, dass ich ihn begleiten soll, aber ich bin entschlossen, dieses nicht zu hun, und ich werde zu haus bleiben, weil ich es für besser achte, jetzt noch Ottokars Nähe zu meiden.
Ottokar! Da steht er, der Name, den ich je wieder zu nennen, mir einst auf ewig verbieten zu müssen glaubte, und meine Hand zitterte nicht indem ich ihn jetzt niederschrieb. Dass er dasteht, sei Ihnen Bürge meines inneren Friedens; es ist der Name des Schutzgeistes meiner jetzigen Ruhe, und der ganzen Zukunft meines Lebens. Jetzt erst verstehe ich die wahre Meinung meiner verewigten Mutter, wenn sie mich lehrte: 'Liebe ist der Quell unaussprechlicher Seligkeit, durch sich allein, ohne Hoffnung, ohne Erwiderung, ohne Wunsch sogar.' Ja wahrlich, in dieser höchsten Reinheit, muss sie die Seligkeit der Engel sein, die von uns unerkannt, schützend uns umschweben!
Ich denke Ottokar, und bin versöhnt mit allen Ereignissen, die in einer Welt mich treffen können, in welcher auch er lebt, um seinetwillen liebe und ertrage ich alle Menschen, die mich in meinem Wirkungskreis berühren, die guten wie die bösen, die freundlichen wie die widerwärtigen. Er ist mir fern, und nie vielleicht sehe ich ihn wieder, aber er lebt, lebt wirklich, ist nicht das geschöpf meiner Fantasie. Dass ich dieses mit überzeugung weiss, beseligt mein Gemüt mit unnennbarem Frieden. In mir regt sich auch nicht der leiseste Wunsch, dass etwas in unserem gegenseitigen Verhältnisse anders wäre als es ist. Darum reise ich nicht nach Italien, denn alles muss so bleiben. Der Schmerz der Trennung ist vorüber, und nun halte ich mich an die Seligkeit, ihn gefunden zu haben. Meine Liebe ist ja nur Freude an seinem schönen Dasein, und diese wird mich begleiten bis an mein Grab, sie wird mich bewahren, rein und treu mich schützen vor jeder zerstörenden leidenschaft, sie kann nicht vergehen so lange ich lebe und sie zu erhalten braucht es keines Wiedersehens.
Gewiss, meine liebevolle zweite Mutter! Sie zittern nicht für Ihr Kind bei diesem Bekenntniss? Zittern Sie nicht! Ohne Erröten darf ich sogar in Herrn von Aarheims Gegenwart Ottokars gedenken, ich dürfte es, wäre der Mann, dem mein Vater mich verband, zugleich der Gegenstand meiner