zu gedenken, in welcher Leo sie umflattert hatte, und geschah es ja zuweilen, so erschienen sie ihr wie ein jugendliches Spiel, aus dem zu ihrem eigenen grossen Glück nicht Ernst geworden war.
Von Frau von Willnangen mütterlicher Freude, von Ernestos Triumph über den Scharfblick, mit dem er Augustens Herz durchschaut hatte, schweigen wir. In Adelberts Begleitung traten beide mit Augusten froh und hoffnungsreich den Weg in ihre Heimat an, wohin ihnen der General noch vor Ende des Winters zum Hochzeitfeste zu folgen versprach. Ein langer Brief von Gabrielen, der erste ausführliche, begrüsste Frau von Willnangen bei ihrer Ankunft zu haus.
"Ich weiss es," schrieb Gabriele, "ich weiss, Ihr mütterlich liebendes Herz sehnt sich schon lange nach genauer Kunde vom Geschick des armen verwaisten Wesens, das Ihnen so viel, ach so unendlich viel verdankt; aber ich weiss auch, Sie lassen statt aller Entschuldigungen meines bisherigen Schweigens die blosse Versicherung Ihrer Gabriele gelten, dass sie nicht schrieb, weil sie es nicht konnte, weil sie nichts zu schreiben wusste, so sonderbar dieses auch klingen mag.
Den äussern gang meines Geschicks meldete Ihnen Ernesto; er, der teilnehmende Augenzeuge, vermochte diess weit besser als ich. Schwindelnd, beinahe bewusstlos den widerstrebendsten Gefühlen zum Raube, war ich vom Wirbel des Lebens fortgerissen worden. Jede schicksalsschwere Minute übergab mich der ihr folgenden, ich konnte kaum die Gegenstände erkennen, an denen ich vorübergeschleudert ward, bis zur unabänderlichen Entscheidung meiner Zukunft, während jene Minuten sich zu weniger als vier und zwanzig Stunden an einanderreihten.
Sie wissen es, ich tat was ich musste, ich duldete, was keine irrdische Macht von mir abzuwenden vermochte, doch am Ziele schwand meine Kraft. Ich ward krank, liebe, gütige Frau! sehr krank. Aus der Betäubung, während welcher meine physischen Kräfte sich wieder gesammelt hatten, erwachte ich zum tiefsten Schmerz über den Tod meines Vaters, ich blickte in meinem Jammer um mich her nach Trost, ich erkannte den treuen Freund Ernesto und Annetten, alles andere aber war mir fremd, wildfremd, ich selbst sogar, ich und meine künftige Bestimmung. Das Fremde aber soll man nie beurteilen, bis es zum Bekannten geworden ist, damit später keine Ungerechtigkeit uns zu Schulden komme. Darum musste Ihre Gabriele wohl schweigen, es währte lange, ehe ihr alles klar ward.
Nun bin ich genesen, bin meiner selbst wieder mächtig. Ich erkenne mich wieder; mein Gefühl, mein Sein, mein Leben, alles was mich umgiebt, ist mir deutlich geworden, so dass ich es nun wagen darf, Ihnen von allem Rechenschaft abzulegen. Vorahnend sehe ich, wie bei Lesung dieser Stelle meines briefes Ihr Herz höher schlägt, wie Furcht vor der nächsten Zeile sie ergreift, und Sie Klagen erwarten lässt, welche alle Ihre Güte und Liebe nicht zu stillen vermögen. Nein, geliebte, mütterliche Frau! beruhigen Sie sich, Ihre Gabriele klagt um nichts, als um den Tod ihres Vaters. Der lebensmüde Greis ruht im grab sanft und still von einem Dasein aus, das er, ich bin dessen überzeugt, um keinen Preis wieder aufnähme. Gern und schnell entfloh sein entfesselter Geist zu Regionen des Friedens; darum sollte ich nicht trauern. Aber ich bin eigennützig und in den Tiefen meines Herzens regt sich der Glaube, dass es meinem Streben gelungen sein würde, ihm auch dieses irrdische Dasein wieder lieb zu machen, wäre er mir nur nicht sobald entschwunden. Es dünkt mich oft hart, dass kaum ein einziger Augenblick seiner Zufriedenheit mir zum Lohne meines Gehorsams ward, und oft muss ich gewaltsam mich zusammennehmen, um mich daran zu erinnern, dass ich ja mein eigenes Heil bereitete, indem ich ihm gehorchte; dass ein qualvolles Dasein, innere unauslöschliche Vorwürfe mein los geworden wären, wenn er in Unfrieden mit mir dieses Leben verlassen hätte.
'Und hast du denn Heil dir bereitet? bist du glücklich? Gabriele!' So höre ich Sie fragen. Glücklich, meine teure Freundin, glücklich ist undenkbar viel! Wer ist denn glücklich? Die Kinder sind es, auch ich war es, da ich ein Kind war. Ich war es auch noch in einem einzigen Tränenund Wonnenreichen Moment, an der ersten Grenze der Jugend, die jetzt in meinem kaum angetretenen achtzehnten Jahr mir schon so fern zu liegen scheint! Und später, als die segnende Hand meines Vaters meine Stirn berührte, sein Dank bis in die tiefste Tiefe meines Gemüts erklang, war ich da nicht auch glücklich? Ja ich erkenne es dankbar, ich war es, wenn gleich nur in seligen Momenten. Mir wurden Lichtpunkte im Leben, wie Wenigen, und damit darf das Kind Ihrer Wahl sich zufrieden gestellt dünken. "Gabriele du weichst der Wahrheit aus, du sprichst von der Vergangenheit, und verhehlst mir die Gegenwart!" Nein geliebteste Frau! ich weiche nicht aus, ehrlich und offen wie immer, will ich Wahrheit Ihnen geben.
Ich bin zufrieden, denn ich bin resignirt, möchte ich sagen, wenn Sie diesen fremdartigen Ausdruck, für den ich aber in unserer Sprache keinen Ersatz zu finden weiss, nicht in zu trübem Sinne nehmen wollen. Friede mit mir selbst aus reinem Bewusstsein entsprossen, gibt meinen Tagen Heiterkeit und meinen Nächten Schlaf. Was darf ich mehr wollen? Alle jene Uebungen, jene süssen Beschäftigungen, die ich sonst unter Ihren Augen trieb, füllen auch jetzt in der Einsamkeit meine Stunden vergnüglich aus, mir bleibt Zeit für alles