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und strengen Mässigkeit sich von jedermann unabhängig erhielt, und sich nie dahin bringen liess, seiner Würde in etwas zu vergeben.

Die Gräfin fühlte den ganzen Wert seiner Gegenwart in ihrem Kreise, und strebte auf alle Weise, sich solche zu erhalten, obgleich ihr dabei zuweilen etwas unheimlich zu Mute wurde. Ernesto war beinah der einzige Mensch, der ihr imponirte, sie fühlte sich gezwungen, ihn zu ehren und sich, sobald er es ernstlich wollte, seinem Willen in manchen Dingen zu fügen. Deshalb wagte sie es auch nicht, ihm zu widersprechen, als er sich ziemlich eigenmächtig gewissermaassen zu Gabrielens Vormund aufwarf. Die Gräfin musste es ihm sogar Dank wissen, dass er es unternahm, den mannigfaltigen Unterricht zu leiten, welchen Gabriele zufolge des Willens ihres Vaters in der Stadt erhalten sollte, denn er entledigte sie dadurch einer grossen Last, die sie übereilt sich aufgeladen hatte, ohne die dabei vorwaltenden Schwierigkeiten und Mühn gehörig zu bedenken. Sie bat ihn, nur vor allem die ersten Wochen eifrigst zu benutzen, in denen Gabrielens tiefe Trauer, welche diese nicht vor der bestimmten Zeit ablegen wollte, deren eigentliche Einführung in die Welt noch verzögerte, und überliess alles übrige recht gern seinem bessern Wissen und Wollen. Erwünschteres konnte für Gabrielen nichts geschehen, als dass sie Ernestos Führung übergeben ward, und von ihm geleitet begann ihr Leben bei der Tante sehr bald, sich beruhigend und erfreulich für sie zu ordnen. Bei der Gräfin und Aurelien brach der Tag wenigstens drei Stunden später an als bei ihr; Toilette und Visiten raubten diesen Damen alle übrige Zeit vor der Mittagstafel, es konnte ihnen daher nicht einfallen, Gabrielens Lehrstunden und Uebungen zu unterbrechen, und diese behielt also die vollkommenste Musse für s i e und für Ernesto, der jeden Morgen mehrere Stunden mit Zeichnen und im Gespräch bei ihr verweilte.

Er sowohl, als die Lehrer, welche er für sie gewählt hatte, staunten nicht wenig bei der Entdeckung, welche Fortschritte Gabriele schon früher bei ihrer Mutter in alle dem gemacht hatte, was sie ihr von den ersten Anfangsgründen an lehren zu müssen geglaubt hatten, und mehrere von ihnen befanden sich wirklich mit dieser Schülerin in einiger Verlegenheit. Im gewöhnlichen Sinn des Wortes konnte Gabrielens Erziehung wirklich für mehr als vollendet gelten, aber die gelegenheit zu fernern Fortschritten und Uebung im schon Erlernten war ihr zu willkommen, um sie nicht aufs beste zu benutzen. Uebrigens gewöhnte sie sich durch den Umgang mit ihren Lehrern immer mehr an den mit der Welt, und diese hingegen nahmen wieder recht gern den mühelos erworbenen Ruhm an, in unbegreiflich kurzer Zeit ihre Schülerin so weit gebracht zu haben.

Mit allen lebte Gabriele in der vollkommensten gegenseitigen Zufriedenheit, ausser mit ihrem Singmeister, einem sehr vorzüglichen Künstler, der aber von der neuen italienischen Metode bezaubert war. Er bestand darauf, ihre ungewöhnlich reine biegsame stimme an alle die immer wiederkehrenden Verzierungen und Manieren zu gewöhnen, mit welchen jetzt manche unsrer berühmtesten Sänger und Sängerinnen auf Kosten der Melodie und des Ausdrucks ihren Gesang oft so überladen, dass der ursprüngliche Gedanke des Komponisten eigentlich ganz dabei zu grund geht und nur noch das Tempo und die Worte eine grosse Arie von der andern unterscheiden. Gabriele hingegen war von ihrer Mutter nach der ältern reinern Metode unterrichtet, sie suchte nur, den echten Sinn des Gesanges einfach, wahr und gefühlvoll so wiederzugeben, als der Meister, der ihn niederschrieb, ihn sich dachte, und wollte sich auf keine Weise zu jenen künstlichen Schnörkeleien bequemen. Dies gab Anlass zu unzähligen ziemlich lebhaften Zwistigkeiten zwischen ihr und ihrem Lehrer, bei welchen aber Gabriele nie von ihrer überzeugung abweichen wollte. Glauben Sie, sprach sie zu ihm, dass Gluck oder Mozart diese krausen Läufer, diese Vorschläge und Triller nicht hätten vorschreiben können und es auch nicht getan haben würden, wenn sie sie für zweckmässig hielten? Niemanden fällt es je beim Vorlesen ein, sich an Göten oder Schillern durch den eigenmächtigen Zusatz nur eines einzigen Wortes zu versündigen. Sollten die Meister der Tonkunst, die so klar ohne Worte zu uns zu sprechen wissen, dass wir sie deutlich verstehen, uns weniger heilig sein? Vergebens bekämpfte der Musikmeister diese Meinung seiner Schülerin mit allen nur ersinnlichen Gegengründen, keiner derselben schien ihr bedeutend genug, um ihre eigne überzeugung umzustossen.

Ernesto war zufällig einmal Zeuge eines solchen Zwistes, und da der erzürnte Sänger ihn endlich zum Schiedsrichter aufrief, so erklärte dieser sich mit wenigen Einschränkungen für Gabrielen. Dies beendete wenigstens den Streit, aber der Lehrer seufzte doch jedesmal über den Eigensinn seiner sonst so gelehrigen Schülerin, wenn er gezwungen sich ihrem Willen fügen musste.

Eigensinnig! So hatten auch die Tante und Aurelie sie mehreremale genannt, und dennoch war sie es nicht. Gabriele scheute nur das Unrecht, und war in ihrem Gemüte bei aller ihrer Furchtsamkeit fest genug, um sich durch keine Ueberredung von dem abwenden zu lassen, was sie für das Rechte anerkannte, sobald sie aber ihren Irrtum einsah, war auch niemand bereitwilliger, ihn abzulegen, und Ernestos welterfahrnem, klarem Sinne gelang es immer, sie zum Bessern zu leiten.

Eines Morgens traf sie dieser in sehr lebhaftem Gespräch mit ihrer Kammerjungfer. Er fürchtete, in einer wichtigen Toilettenangelegenheit zu stören, und wollte eben bescheiden sich zurückziehn, als er zu seiner grossen Verwunderung entdeckte, dass die Rede von nichts geringerem sei, als von Alexanders des Grossen Zug nach Indien.

"Um Gotteswillen, was hat die kleine, hübsche Annette mit dem grossen krummhälsigen Alexander zu tun?" fragte