1821_Schopenhauer_090_75.txt

es ihnen gelingt, ein helles Auge zu trüben, eine jugendliche Wange erbleichen oder erröten zu machen, und ein unerfahrnes junges Herz in schmerzliche Unruhe zu versetzen."

"Welch ein Bild!" rief Frau von Willnangen. "Ist es möglich, dass Sie Leo von Wallburg dadurch bezeichnen wollen, der noch vor wenigen Wochen in Karlsbad so viel bei Ihnen galt?"

"Was er mir galt, gilt er noch bis auf einen gewissen Punkt," erwiderte Ernesto. "Seit ich hier bin, habe ich um Augusten willen ihn genauer beobachtet, und ihn auf mancher der Ungleichheiten betroffen, welche ich eben rügte. Ich hätte deren wahrscheinlich noch mehrere an ihm erlebt, wenn Augusten von dieser Seite nur etwas anzuhaben gewesen wäre; sie blieb aber in vollkommner Ruhe, wenigstens äusserlich, und da musste er das Spiel freilich aufgeben. Uebrigens streite ich ihm keine der vorzüglichen Eigenschaften ab, um derentwillen ich ihn sonst schätzte. Er ist hübsch, artig, gewandt, unterrichtet, als Sohn und Bruder lobenswert, wahrscheinlich wird er auch einmal ein Ehemann, mit dem eine Frau, die mit ihrer Glückseligkeit nicht gar zu hoch hinaus will, ein zufriednes Leben führen kann. Aber sein Betragen gegen Augusten erkläre ich deshalb doch für unmännlich und unwürdig. Es kann ihm nicht verborgen sein, dass der Ahnenstolz seiner Eltern sich einer Verbindung mit ihr stets auf das ernstlichste entgegen stellen wird; er fühlt, dass es ihm an Mut, Kraft und Liebe gebricht, dieses Hinderniss zu bekämpfen; er wagt nicht einmal einen Versuch dazu und dennoch strebt er Augustens Herz zu gewinnen und sogar indirekt der Welt weis zu machen, es sei gewonnen, ohne doch sich selbst auf irgend eine Weise verbindlich zu machen. Das ist es, was mich an ihm empört, denn solche Künste sind verächtlich. Gilt das einfach gegebne Wort dem rechtlichen mann so viel als ein Eid, so sollte ihm auch jede absichtlich erregte Erwartung so viel gelten als ein Versprechen."

"Das, was Sie über den jungen Wallburg jetzt aussprachen, habe ich mir immer dunkel gedacht," erwiderte Frau von Willnangen, "aber dabei blieb ich stets in der Ungewissheit, was ich tun könne. Oft glaubte ich den General bitten zu müssen, dass er den jungen Mann geradezu über sein verhältnis zu Augusten zur Rede stellen möge, denn als Mutter dies selbst zu übernehmen, dazu fehlte es mir an Mut oder an Demut."

"An beiden wahrscheinlich, und das ist ein rechtes Glück," erwiderte Ernesto. "Aus solchem Einmischen dritter Personen kommt selten etwas gescheutes heraus, wenn gleich zuweilen eine Heirat, die mich denn immer an Molieres mariage forçé erinnert, und bei welcher beide Teile sich gewöhnlich sehr schlecht befinden."

"Aber wie meinen Sie, dass ich mich jetzt benehme, sowohl gegen Leo als Augusten?" fragte Frau von Willnangen.

"Am besten, Sie benehmen sich gar nicht, sondern lassen alles gehen wie es geht," war die Antwort. "Gönnen Sie Augusten noch die paar Tage hindurch die Freude, sich von Leo adoriren zu lassen, die Trennung kann wohl einen halb erstickten Seufzer kosten, vielleicht wird auch beim Abschied ein Tränchen mit den Augenwimpern zerdrückt werden müssen, aber dabei bleibt es gewiss. In vier Wochen gedenkt sie Leos nur noch als eines vortrefflichen Partners bei Tanz und Spiel, und vermisst ihn höchstens, wenn sie auf der Promenade ihren Shawl selbst tragen muss. Auguste steht zu hoch über den gewöhnlichen Mädchen, als dass Leos Koketterie wirklich hätte Eindruck auf ihr Herz machen können, und schon ihre ungetrübte Heiterkeit muss Sie hievon überzeugen. Aber wäre dies auch wider Vermuten geschehen, so wird dieser Eindruck nur um so leichter schwinden, wenn sie niemanden hat, mit dem sie darüber sprechen kann. Glauben Sie mir, die Vertrauten sind oft der Ruhe gefährlicher, als die Liebhaber selbst. Eine ermahnende Mutter ist auch eine Art von Vertraute, sie nennt doch wenigstens den teuern Namen, und der süsse Klang verfehlt selten, die Töchter über das Tadeln der Mutter zu trösten."

"Wenn ich Sie nicht kennte wie ich Sie kenne, Freund Ernesto," sprach Frau von Willnangen, "so müsste ich Sie nach diesen Aeusserungen nicht nur für höchst frivol, sondern auch für herzlos und gemütlos halten. Sind das Ihre Ansichten der Liebe?"

"Der Liebelei," erwiderte Ernesto, "des kalten chinesischen Feuerwerks von ausgeschnittenem Papier, hinter denen man Lämpchen stellt, womit die Jugend so gross tut. Glauben Sie mir, nur Wenige sind berufen, den göttlichen Funken in reiner Brust zu hegen, welcher der Ursprung der heiligsten Gefühle und alles Grossen und Herrlichen ist. Wem dieser einmal sich entzündet, dem verlischt er nie, auch nicht im Sturme des Lebens, auch nicht im Grabesdunkel der Trennung, auch nicht unter dem Schnee des Alters. Aber es gibt auch luftige Irrlichter für die Menge, welche ihnen nachjagt. Man läuft, man fällt, man verirrt s i c h , verlockt a n d r e , aber am Ende kommt doch alles in eine Art von Ordnung, und wenigstens stirbt die Welt dabei nicht aus." Am vorletzten Abend des Abschiedstages sollte die schon längst angekündigte Aufführung eines Lustspiels sein. Allwill war dessen Verfasser, und das Stück bestimmt, die lange Reihe der in dem gastlichen schloss des Generals genossnen Freuden würdig zu beschliessen. Zuschauer und Schauspieler sahen dieser Darstellung mit der gespanntesten Erwartung entgegen