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dahin bringt, dass er ärger als je alle Sprachen durcheinander jagt, um das rechte Wort zu finden; besonders wenn er ihr etwas anzukündigen hat, von dem er ahnet, dass es ihren Wünschen nicht zusagen möchte, wie zum Beispiel das Ablehnen der Einladung des Generals."

"War es denn nicht möglich ihn zu bewegen, diese anzunehmen?" fragte Auguste.

"Ich glaube, es wäre Gabrielen möglich gewesen, aber sie scheint sich Verhaltungs-Regeln vorgeschrieben zu haben, denen ich nicht einzureden wage," war die Antwort. "Ihre ersten Schritte auf der neuen Lebensbahn sind so bestimmt, so sicher, dabei so eigen, dass es Pflicht ist sie ungestört gehen zu lassen. Ihr eigenes Vergnügen, jeden Genuss opfert sie Moritzen auf, sobald er den Wunsch davon nur äussert, ohne es der Mühe wert zu achten, ihm merken zu lassen, dass sie ihm ein Opfer bringt. Im Gegenteil, sie ist gerade in solchen Momenten noch freundlicher gegen ihn als sonst. Zu Bitten erniedrigt sie sich nie, denn wen man nicht liebt oder wenigstens achtet, von dem kann ein edler Sinn nichts für sich erbitten wollen. Gilt es aber ihrem Gefühle von Recht und Unrecht, dann erklärt sie ihre Meinung, ruhig und bescheiden, und hält sie fest, und lässt sich nicht irren, ohne sich weiter mit ihm darüber zu streiten. Freilich habe ich dieses nur einmal erlebt, aber sie ist ja auch noch nicht viel über einen monat ihm vermählt. Herr von Aarheim machte Anstalt sie von Annetten zu trennen, die er bei Frau Dalling in Schloss Aarheim lassen wollte. Er war im Begriffe für Gabrielen eine Pariser und eine Londoner Kammerfrau zu verschreiben, und kündigte ihr dieses mit grossem Triumf als einen Beweis seiner ungemeinen Sorgfalt für sie an. Gabriele erklärte ihm mit wenigen Worten, dass Annette ihr zu grosse Beweise der liebevollsten Treue gegeben habe, als dass sie je sie von sich lassen könnte. Die fremde Bedienung verbat sie sich gänzlich, weil dergleichen zu einem deutschen Haushalt nicht passe. Moritz redete sich Stunden lang ausser Atem, um die Kunstfertigkeit und Vortrefflichkeit der ausländischen Kammerfrauen zu beweisen, Gabriele gab alles zu, behauptete aber ganz gelassen, nichts von diesen Talenten nötig zu haben, und Annette bleibt bei ihr nach wie vor."

"Raubt er ihr denn alle Zeit zum Briefwechsel mit ihren Freunden? zur Uebung ihrer Talente? zum Genuss ihrer selbst?" fragte Frau von Willnangen.

"Gottlob nein," sprach Ernesto, "wenigstens nicht für jetzt, so lange die Marotte vorhält, die er sich in den Kopf gesetzt hat, seinen Ehestand auf englische Weise zu führen. Gabriele gewinnt dadurch unendlich an Freiheit, und fühlt sich obendrein sehr glücklich, dass diese Art zu leben sie einer Menge lästiger Vertraulichkeiten überhebt. So fällt es ihnen zum Beispiel gar nicht ein, einander mit Du anzureden. Er nennt sie Madame oder Frau von Aarheim, sie ihn Herr von Aarheim. Da er wie alle Nachahmer die englische Sitte karikirt, so würde er es höchst unschicklich finden, wenn ein Fremder an ihrer Art mit einander umzugehen merken könnte, dass sie ein verheiratetes Paar sind, und er beeifert sich deshalb, besonders vor Leuten, einer oft höchst lächerlichen formellen Höflichkeit gegen sie, die ihn immer drei Schritte von ihr entfernt hält. Bei Tische steht sie nach englischem Gebrauch früher auf als er, um sich in ihr Zimmer zu begeben. Er bleibt dann noch ein Stündchen allein sitzen, knackt Nüsse auf, und da er kein Trinker ist, so lässt er seinen Wein vor sich stehen und verrauchen; dabei langweilt er sich fürchterlich ohne es zu achten, denn es geschieht à l'angloise. Durch diese Lebensweise gewinnt Gabriele den grössten teil des Tages für sich, den sie in ihrem Zimmer bei gewohnten Beschäftigungen zubringt, ohne dass es Herrn von Aarheim oft einfiele, sie durch seine Gegenwart zu unterbrechen. Er ist zufrieden, wenn sie nur bei den Mahlzeiten die Honneurs macht, mehr fordert man ja auch in England von keiner Lady. Leider aber hat diese Nachahmung englischer Sitte uns auch um ihre Gegenwart hier im schloss gebracht. Moritz behauptet, ein neuvermähltes Paar dürfe wohl gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen, was leider Gabrielens Gesundheit nicht erlaubt hat, aber während der Flitterwochen sich in Gesellschaft zu zeigen, wäre unschicklich, undelikat und gemein, und eigentlich müsse er sich wundern, wie man ihm nur habe so etwas zumuten können. Ich glaube aber der Ursache seiner Weigerung besser auf den Grund zu sehen, sie heisst Eifersucht, Eifersucht ohne bestimmten Gegenstand, und deshalb um so gefährlicher. Herr von Aarheim möchte alle Welt von Gabrielen entfernt halten, eigentlich mehr aus Misstrauen in sich als in sie. Seine englischen Grundsätze, welche dem Mädchen jede, der Frau keine gesellige Freiheit erlauben, kommen ihm dabei trefflich zu statten. Vor jetzt schwebt indessen obendrein Adelberts Bild, trotz der Narben und des lahmen Fusses ihm als das eines höchst gefährlichen Nebenbuhlers vor. Unaufhörlich suchte er mich und Gabrielen auf das ängstlichste über ihn auszuforschen, nannte ihn alle Augenblicke und beobachtete dabei Gabrielens Mienen auf eine wirklich lächerliche Art. Uebrigens aber, glaube ich, tut er auch mir die Ehre an, mich für gefährlich zu halten, da er mit Gabrielen nach seinen Gütern am Rheine gegangen ist, wo er den Winter zubringen will, ohne mich einzuladen, sie zu begleiten, oder auch nur späterhin zu besuchen. Im Gegenteil nahm