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was wir tun, wenn es auf den Erfolg unsrer Taten ankommt! Wie selten hilft uns unsre Klugheit! Was half es denn, dass Ernesto Gabrielen begleitete? Vermochte er es, sie zu beschützen? Das Leben geht mit uns seinen gemessenen gang; wir werden mitgezogen; unsre besten, überdachtesten Plane scheitern heute am Zufall, unsre Unbesonnenheiten schlagen morgen uns und andern zum Glück aus. Was hilft es, darüber zu klügeln? Lasst uns nur immer das Gute ernstlich wollen und üben, und uns darein ergeben, wenn es anders wird als wir dachten, oder wenn aus unseren an sich gleichgültigen Handlungen ein unvorhergesehenes Uebel entspringt. Der Zukunft vorgreifen wollen, ist vermessen. Nicht umsonst bietet uns die Vorzeit so manches Beispiel von Orakeln, die gerade das angedrohte Unheil herbeiführten, weil die Menschen zu ängstlich strebten, ihm auszuweichen." Der Eilbote, welchen der General nach Schloss Aarheim gesandt hatte, kehrte zur rechten Zeit zurück, und zwar mit einem Danksagungsschreiben des Herrn von Aarheim, sehr zierlich, auf goldnem Papier, mit himmelblauer Tinte geschrieben, in welchem dieser bedauerte, dass Geschäfte, tiefe Familientrauer und die noch immer schwankende Gesundheit seiner jungen Gemahlin es ihm unmöglich machten, die an ihn ergangne Einladung anzunehmen.

Alle fühlten sich durch diese abschlägige Antwort verstimmt, und da unbefriedigte Neugier keinen kleinen Anteil an dieser Verstimmung haben mochte, so sah man sich wenige Tage später durch die ganz unerwartete Ankunft Ernestos um so freudiger überrascht.

Die ganze Gesellschaft eilte ihm entgegen, drängte sich an ihn mit tausend fragen und Erkundigungen nach allem, was Gabrielen betraf, und es bedurfte seiner ganzen bekannten Geistesgewandheit, um dem überlästigen Forschen schicklich auszuweichen, nicht bald hier zu viel, bald dort zu wenig zu sagen. Mit Not und Mühe gelang es ihm endlich, eine ruhige Stunde zu erringen, in welcher er vor seinen und Gabrielens innigsten Freundinnen sein volles Herz ungestört ausschütten konnte. Der Schmerz über alles was vorgegangen war seit sie sich zum letztenmal sahen, erneute sich auf das lebhafteste in dieser traulichen Zusammenkunft, und es währte ziemlich lange, ehe Ernesto dazu kommen konnte, von Gabrielens jetziger Lage Bericht zu geben.

"Das unerträglichste bei Gabrielens Geschick, dünkt mir, ist dessen Farblosigkeit," sprach Ernesto. "Ihr Leben gleicht einem jener grauen Tage, wo es weder friert noch regnet, sondern alles in einem dikken handgreiflichen Nebel eingehüllt ist, der erkältend jedes Leben erstarren lässt, ohne es eben zu tödten. Blumen und Blätter sind nicht erfroren, nicht verwelkt, nicht erstorben, aber sie sehen aus, als wären sie das alles. Ein rechtschaffner Orkan, in welchem die Welt zittert und splittert, wäre mir tausendmal lieber."

"Moritz ist gut," fuhr er im Laufe des Gesprächs fort, "aber es ist nicht die rechte, warme, menschliche Güte, die ihn beseelt; nicht jene Güte, die zum Herzen geht, weil sie recht aus dem grund des Herzens kommt, und bei der jedermann wohl wird. Er ist gut, weil er nicht böse ist, er ist nicht böse weil es sich nicht schicken will, weil nichts dabei herauskommt, weilich weiss, Sie werden mich nicht missverstehen wenn ich es aussprecheweil er nicht den Mut dazu hat, wenn gleichwohl zuweilen die Neigung. Er ist feig, wie alle Narren seiner Art, obwohl ihn dann und wann der Moment hinreisst, wie damals als er dem Baron das Fläschchen mit Kirschlorbeergeist entwinden wollte. Dies scheint indessen die grösste Heldentat seines Lebens gewesen zu sein, denn er hörte nicht auf davon zu sprechen wenn er mit mir allein war. Ich halte diese Feigheit Moritzens für dessen gefährlichste Eigenschaft, denn in ihr ruht der Keim zu tausend andern, als da sind: Misstrauen, Eifersucht, Unwahrheit, Kleinlichkeit, Eigensinn." –

"O genug, genug von ihm," rief Auguste, "sprechen Sie uns von unsrer Gabriele."

"Die ist ein Engel, von dem sich eben nichts weiter sagen lässt, wenn man den Erdenklumpen nicht erwähnen darf, an den diese Psyche leider gefesselt ist," war Ernestos Antwort. "Woher das junge Kind den Mut, die Geduld, ja sogar die Lebensklugheit hernimmt, die sie bei jeder gelegenheit an den Tag legt, ist mir unbegreiflich. Wahrlich ja, ich fange an in ihren kindlichen Glauben einzugehen, dass der Mutter verklärter Geist unsichtbar sie umschwebe und sie leite. Sie erinnern sich, wie nach der Trennung von Ottokar sich ihr ganzes Wesen so gewaltsam emporrang, dass nach überstandner Lebensgefahr die Genesene, obgleich immer dieselbe, uns damals wie in einem verklärten erhöhten Zustande erschien. Jetzt ist sie von jeder Hoffnung auf eine glückliche Zukunft geschieden, wie damals von dem gegenstand ihrer stillen Liebe, und zum zweitenmal hat die nehmliche Veränderung mit ihr sich zugetragen, denn zum zweitenmal fühlt sie sich erhoben und gekräftigt durch das Bewusstsein des schweren Siegs über sich selbst. So hoch d i e Gabriele, welche in Karlsbad von Ihnen schied, über dem furchtsamen, blassen, zitternden kind steht, das bei den Tableaus der Gräfin Rosenberg zuerst erschien, so hoch erhebt sich die jetzige Gabriele über jene, die Sie verlassen musste. Auch im Aeussern ist sie verändert. Sie ist grösser, lieblicher, schöner als je. Bescheiden, demütig sogar, vereint sie mit dem Ausdruck sichrer stiller Ruhe im Gemüt, eine Würde, einen edlen Anstand, der sogar mir imponirt, und den armen Moritz oft