schlanke Gestalt aus, und ihr Gesicht war nichts weniger als schön, so lange sie schwieg; aber der Geist, der es belebte, sobald sie sprach, der Ausdruck, den die klaren, grossen Augen dann gewannen, gaben ihr einen ganz eignen Reiz, sie fesselten die Herzen wie die Blicke, man sah Augusten eben so gern sprechen, als man sie hörte, und wurde endlich beinah verleitet, sie schön zu finden. Bei dem neuen Gefühl, sich von einem jungen, ihr ähnlichen Wesen liebevoll umfangen zu sehen, ging Gabrielen in nie zuvor empfundner Freude das Herz auf; ein Vorgefühl jugendlich vertraulicher Freundschaft bemächtigte sich ihrer, und glücklicher, als sie es je seit dem tod ihrer Mutter gewesen war, verliess sie das Haus der Frau von Willnangen mit dem festen Entschluss, sobald als möglich dahin zurückzukehren. Gabrielens Tante war eine der Frauen, wie man in grossen Städten so viele findet, die mit wahrem Heldenmut allen ihren Neigungen geradezu entgegen handeln, sobald der eben herrschende Ton es gebeut. Funfzig Jahre früher geboren, hätte sie, schwimmend in Moschus- und Ambra-Duft, mit aller damals üblichen Ziererei einer französischen petite maitresse über Vapeurs geklagt, in Gesellschaft Gold gezupft, oder Trisett gespielt, und ihr Haus wäre eine Menagerie von Schoosshündchen und Papageien gewesen. Die zeiten, in denen so etwas galt, sind aber vorüber gezogen, und Kunst und Wissenschaft jetzt bei uns an der Tagesordnung. So sah sich die Gräfin gezwungen, sich zur eifrigen Beschützerin derselben aufzuwerfen, wenn sie sich in dem Kreise, den sie die Welt nannte, geltend machen wollte, und die Langeweile nicht zu achten, welche sie dabei empfand.
Im grund waren ihr die Figuren in den Modejournälen weit lieber, als alle Raphaele und Kunstgespräche, von denen sie nichts verstand; die Donaunixe oder Rochus Pumpernickel ergötzten sie weit mehr auf der Bühne als Göte oder Schiller, bei denen sie immerfort heimlich durch die Nase gähnen musste; und obgleich in ihrem Kabinette alle unsre vorzüglichsten Dichter in goldigem Einbande hinter Spiegelglas strahlten, so griff sie doch ganz in der Stille nur nach Cramer, Spiess und deren Nachfolgern, wenn Migräne oder eine seltne einsame Stunde ihr ein Buch in die Hand spielten. Dennoch wusste sie durch stete Anstrengung, geleitet von einem angebornen Taktgefühl, diesen ihr eignen Geschmack so künstlich zu verbergen, dass niemand merken konnte, wie sehr alles, wonach sie im Aeussern strebte, ihr im inneren zuwider war. Man konnte lange mit ihr umgehen, und dennoch darauf schwören, sie sei geistreich und unterrichtet. Sie wusste sehr gut, wenn es im Teater Zeit war den Kopf verächtlich wegzuwenden, oder auch in Extase zu geraten, und in ihrem. Gespräch vermisste man keinen technischen Kunstausdruck, kein einziges der vielen neuen Worte, mit welchen unsre Poeten und Kunstjünger die deutsche Sprache neuerdings bereicherten; sie hatte sich alle durch den Umgang zu eigen gemacht. Es geschah wohl dann und wann, dass sie sich in der Anwendung derselben ein wenig vergriff, aber doch immer selten genug, um nicht auffallend zu werden. In zweifelhaften Fällen half sie sich mit einem Ach! oder Oh! die jedermann auslegen konnte, wie er wollte, und übrigens hütete sie sich gar sehr, über irgend ein neues Kunsterzeugniss ihre Meinung voreilig an den Tag zu legen, sondern wartete bescheiden, bis jemand aus der Gesellschaft, auf dessen Ansicht sie sich verlassen konnte, ihr zu einem sichern Urteil verhalf.
Mit aller dieser Anstrengung war es ihr wirklich gelungen, ihren Zweck zu erreichen. Das Haus der Gräfin Rosenberg galt allgemein für das angenehmste in der Stadt, dem alles zuströmte, was für geistreich und gebildet geachtet sein wollte, oder auch es wirklich war. Es wimmelte bei ihr von fremden Künstlern, Gelehrten und schönen Geistern, und eine Addresse an die Gräfin schien den mehresten dieser Ankömmlinge nicht minder notwendig als ein Reisepass. Wer keine mitbrachte, den wusste sie auf andre Weise sich zuführen zu lassen, denn sie wäre untröstlich gewesen, wenn ein berühmter Mann das Weichbild der Stadt betreten hätte, ohne über ihre Schwelle zu gehen. Freilich schlich sich auch mancher bloss titulärschöne Geist unter der Menge mit ein, denn an Auswahl war hier nicht zu denken; aber alle vereint brachten doch den Reiz einer mannigfaltigern Unterhaltung, eines geistigern Lebens in die Gesellschaft, als man in andern grossen Zirkeln zu finden gewohnt ist, und selbst sehr ausgezeichnete Männer besuchten gern den Vereinigungs-Punkt, der ihnen hier geboten ward. Ueberdem verstand die Gräfin die Kunst, eine sehr angenehme Wirtin zu sein. Mit anscheinender Sorglosigkeit überliess sie es jedem, nach Gefallen seine Unterhaltung zu wählen, und trachtete nur ganz unmerklich dahin, dass es nie an Stoff dazu mangle. Den feinen Takt echter Geselligkeit hatte lange Gewohnheit ihr zur zweiten natur gemacht, und jedermann fühlte sich in ihrem haus frei und behaglich.
Ernesto war der tägliche Gast desselben. Früher zog ihn heiterer Hang zu Geselligkeit dahin, später die sorge um Gabrielen. Den Gedanken, auch auf Aurelien vorteilhaft zu wirken, den ihre Schönheit zuerst in ihm erregte, gab er auf, sobald er mit gewohntem Scharfblick sie und ihre Mutter durchschaute. Sein durchaus rechtliches Benehmen, sein heller Geist, seine Kenntnisse, vor allem die ihm eigne heitre Unterhaltungsgabe und sein fröhlicher, wenn auch zuweilen etwas kaustischer Witz erwarben ihm allgemeine achtung und Liebe. Fast immer war er der von Allen gesuchte Mittelpunkt der Gesellschaft, um so mehr, da er bei seiner Genügsamkeit