sehen, wie sie die Einsamkeit ihres Krankenzimmers benutzt, um mit ihrem armen wunden Herzen fertig zu werden, und sich auf den Weg vorzubereiten, welchen sie künftig zu gehen hat. Ich darf und kann ihr weder einreden noch raten; beides darf man überhaupt so selten, gerade wenn es der Mühe wert wäre. Und so ergriff ich heute den ersten besten Anlass, als ich sie eben heitrer als sonst sah, den Wunsch zu äussern, nächstens meine Einsiedelei im Felsental aufsuchen zu dürfen. Ich gab vor, diese letzten schönen Tage des Späterbstes zu Studien für meinen Johannes benutzen zu wollen, aber ich sah deutlich, wie wenig dieses Vorgeben sie täuschte.
Lange ruhte ihr schönes dunkles Auge auf mir ehe sie mir antwortete, dann reichte sie lächelnd unter Tränen mir die Hand. 'Wo lebt noch ein Freund, der wie Sie zu kommen und zu gehen und alles zu erraten weiss, was gut wäre und nützlich?' sprach sie. 'Gehen Sie, lieber Ernesto! weil Sie es wollen, setzte sie hinzu, gehen Sie morgen, um wo möglich täglich wieder zu kehren. Es ist freilich nötig, dass ich mich gewöhne allein zu stehen, aber nur allmählich, wie es die Kinder lernen, darum lassen Sie mich nicht mit einemmale ganz ohne Stütze.'
Es blieb mir nicht verborgen, wie die Gewissheit, dass ich nicht mehr stündlicher Augenzeuge von den Lächerlichkeiten Moritzens sein werde, Gabrielen über meine Entfernung tröstet, obgleich ich mir keine Anmerkung mehr über ihn erlaubte, seit jenes unselige Band geknüpft ward.
arme, arme Gabriele! gibt es ein härteres Frauenloos als das, sich des Mannes schämen zu müssen dem man alles aufopferte! Oft ist mir, als wäre Augustens Geschick neben ihrem harten starren Gebieter, doch noch dem ihrer unglücklichen Tochter weit vorzuziehen gewesen.
Dieser Moritz, den ich nie mich werde entschliessen können Gabrielens Gemahl zu nennen, dieser Moritz geht umher wie einer der nicht weiss, ob ihm ein Königreich zufiel, oder ob ihm nur davon träume. Noch wage ich es nicht, von seinem Benehmen gegen Gabrielen eine Meinung zu fassen, mich dünkt, es sei unstät und wechselnd, wie seine ganze Erscheinung, bis auf die Sprache sogar. Meine überzeugung, dass er wirklich zu gutmütig ist, um einem lebenden geschöpf wissentlich wehe zu tun, gibt mir zuweilen einigen Trost, aber leider schmerzt jede unversehens erhaltne Wunde desshalb nicht weniger, weil sie uns ungeschickter Weise und ohne Vorbedacht versetzt ward. Am beunruhigendsten ist mir eine Spur von misstrauischem Wesen, das ich leider an ihm bemerke; vermutlich ist es das dumpfe Gefühl eigner Unliebenswürdigkeit, was ihn argwöhnisch macht, aber ich fürchte davon die schlimmsten Einwirkungen auf Gabrielens künftige Ruhe." Der gesellige Kreis, zu welchem Frau von Willnangen und Auguste gehörten, weilte noch immer in Karlsbad, obgleich die Brunnenzeit beinahe vorüber war, und die Zahl der übrigen Fremden mit jedem Tag merklich abnahm. Alle, den Kapellmeister und den Dichter mit eingeschlossen, hatten dem General Lichtenfels versprechen müssen, ihn auf sein nur wenige Tagereisen entferntes Gut zu begleiten, um dort die letzten schönen Tage des Späterbstes mit ihm zuzubringen. Man harrte nur auf bestimmte Nachricht von Gabrielen, von der man noch nichts als ihre Ankunft in Schloss Aarheim erfahren hatte, um dann sogleich die kleine Reise gemeinschaftlich anzutreten.
Frau von Willnangen hätte sich eigentlich gern davon ausgeschlossen, da sie vernahm, dass auch die Familie Wallburg mit von der Partie sein würde, aber sie wusste nicht wie sie dieses anfangen solle, ohne den General durch eine abschlägige Antwort zu kränken, auch fürchtete sie durch gewaltsames Eingreifen dem Glück ihrer Tochter vielleicht in den Weg zu treten.
Augustens sich stets gleichbleibende Heiterkeit, mit der sie Leos augenscheinliche Huldigung sich gefallen liess, ohne ihn weder geflissentlich anzuziehen noch zurückzustossen, beruhigte sie ebenfalls nicht wenig. Das fröhliche Mädchen nahm augenscheinlich das Leben noch zu leicht, als dass man ihrer Zukunft wegen hätte ernsten Besorgnissen Raum geben müssen. Mit ächt jungfräulicher Grazie wusste sie den Ernst zum Spiel, das Spiel zum Ernst zu wandeln, und, gleich entfernt von Leidenschaftlichkeit und Ziererei, nichts zu gewähren und dennoch gefällig zu erscheinen. Auch verstand es niemand besser als sie, sich herzlich zu bezeigen, ohne doch zur Vertraulichkeit herabzusinken.
Ernestos lange erwarteter Brief langte endlich in Karlsbad an. Der Schmerz der Frau von Willnangen und ihrer Tochter lässt sich mit Worten nicht ausdrükken, als sie nun die Lösung von Gabrielens Geschick vernahmen. Sie lasen den Brief wieder und immer wieder, und trauten dabei ihren Sinnen nicht, denn was geschehen war, liess alles, was sie im Augenblick des Scheidens gefürchtet hatten, so weit hinter sich zurück, dass es ihnen fast unmöglich ward, an solche abenteuerliche und fabelhaft erscheinende Ereignisse zu glauben.
Auguste zerfloss beinah in Tränen, als ihr endlich jedes Bestreben, länger an Gabrielens Unglück zu zweifeln, misslang. "Ach! wäre sie doch damals in unsern Armen gestorben," rief sie, "schmerzlicher als jetzt hätte ich nicht um sie weinen können und ihr liebes Bild würde zeitlebens wie ein tröstender Engel mich umschwebt haben. In jeder frohen wie in jeder trüben Stunde hätte ich sie in himmlischer seliger Glorie mir gedacht. Jetzt, wenn ich wieder froh werden sollte, muss ich doch mitten in der Freude mich betrüben, so oft es mir einfällt, welch ein Leben sie indessen an der Seite jenes verhassten lächerlichen Menschen führet, und jeder Schmerz, der mich trifft,