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durch die er wahrscheinlich das Unheil sich selbst zugezogen zu haben wähnte. Ich glaube auch die Angst zu verstehen, mit der sein in Wahn versunkner Geist, kämpfend zwischen sehnsucht und Grausen, der Todesstunde entgegen sah. Wer sich solchen Träumereien überlässt wie dieser unglückliche Greis es tat, der ist auch jeder quälenden Einwirkung des Aberglaubens und vor allem dem Grauen der Gespensterwelt verfallen, welchem auch wohl hellere Geister, in dunkeln Momenten nicht immer glücklich entgegenstreben.

Unter der vor Jahrhunderten schon erbauten Burg Aarheim erstrecken sich unabsehbare, in den Fels selbst hineingehauene feuerfeste Gewölbe. Ich habe sie untersucht, so weit ich vordringen konnte. Nach allen Richtungen hin bilden sich zwei Reihen, unter und über einander, in bedeutender Tiefe; viele sind verschüttet, viele von den jetzigen Burgbewohnern nie besucht, einige werden von ihnen noch als Keller benutzt. Ich habe erfahren, dass der verstorbene Baron oft Stunden lang in den Gewölben unter dem jetzt abgebrannten Flügel des Schlosses verweilte. Vermutlich ruht dort manches ihm wichtige geheimnis, manches Resultat seiner ängstlichen mühsamen Arbeit, auch wohl manche Schrift, die auf seiner dunkeln Bahn ihn leitete. Was dort liegt, entzog der schützende Fels wahrscheinlich den Flammen, aber der Zugang dazu ist beim Einsturz des Gebäudes durch hohe Schuttaufen, durch zertrümmerte Mauern und schwere Steine unzugänglich gemacht. Des baron blick ruhte stets auf diesen Trümmern, sein Sinnen und Trachten ging nur dahin, jede dort begrabene Spur seines Hoffens und Misslingens der Welt zu verbergen. Es war ihm unmöglich, nur einen Augenblick seine Gedanken von diesem Wunsche abzuziehen, der dadurch bei ihm zur fixen idee geworden. Kein Wunder daher, dass ihm vor der Möglichkeit graus'te, dort noch nach Jahrhunderten gespenstisch Wache zu halten, im Fall er ohne die Gewissheit der Erfüllung dieses seines einzigen Wunsches von der Oberwelt scheiden musste. Seine Bücher konnten ihn nur in dieser Angst bestärken; ich erinnere mich in einer solchen Schrift sogar eine förmliche Abbildung des Aufentalts unseliger Geister gesehen zu haben, die, wie jene Schwärmer lehren, ihn allnächtlich mit der Oberwelt vertauschen müssen, bis der letzte Wunsch erfüllt ist, der sterbend sie beunruhigte.

Es wird Ihnen unglaublich scheinen, liebe Frau von Willnangen! dass ein Mann, der, wie der Baron, durch Geist, Bildung und Verstand sich einst in der Welt auszeichnete, bis zu dem Glauben an solchen Unsinn sinken konnte; aber Einsamkeit, Ehrgeiz und durch diesen erregtes stetes Hinstreben nach e i n e m Punkte haben wohl noch hellere Geister verdüstert. Uebrigens fiel des baron Jugend in die herzlose, trostlose, jedes höhere Gefühl austrocknende Zeit von Voltaire und Konsorten, und glauben Sie mir, wer in seiner Jugend sich über den bon Dieu mockiren lernte, der kommt im spätern Alter leicht dahin, vor dem Teufel zu zittern.

Unerachtet seiner jammervollen Ansicht von unsrer Zukunft jenseits, peinigte den Baron dennoch ein unsäglicher Ueberdruss am Leben, eine ewige sehnsucht nach der Stunde des Scheidens aus dieser Welt, in welcher alle sein Hoffen zerstört war. Ich danke Gott, dass Gabriele die unselige Verknüpfung ihres Geschicks nicht ganz zu übersehen vermag. Wüsste sie, dass sie selbst ihrem Vater das längst erwartete Signal gab, die Bürde des Lebens getrost abzuwerfen, unter deren Last er längst seufzte, wüsste sie, dass sie sein Todesurteil sprach, während sie Ruhe und Freude für den Späterbst seines Lebens ihm erkaufen wollte, ich glaube sie überlebte diese Entdeckung nicht. Nur einmal wagte ich die Aeusserung gegen sie, dass vielleicht lebhafte Freude über die Erfüllung seiner Wünsche ihm den Schlagfluss zuzog, an dem sie glaubt, dass er gestorben sei, und ich bereute es bitter, als ich sah, wie gewaltsam erschütternd dieser Gedanke ihr Gemüt ergriff.

Und so habe ich denn das Verderben des liebenswürdigsten Wesens vor meinen Augen bereiten sehen, und durfte es nicht abwenden. Vergebens war meine ängstliche sorge, vergebens dass ich wie Argus sie bewachte! Wie schwach ist die Hand der Freundschaft, um gegen das Schicksal anzukämpfen! Ich sah alles und durfte nichts ändern, um Gabrielens willen durfte ich es nicht. Ich danke meinem guten Genius, dass er mich mit unsichtbarer Hand im Augenblick der Ausführung von einem Plan zurückhielt, den die Verzweiflung mir eingegeben hatte, dass ich Gabrielen nicht gewaltsam entführte, wie ich es Willens war, als ich jeden andern Weg der Rettung mir versperrt sah. Umsonst hätte sie den Schmerz gefühlt, mich einer solchen Tat fähig zu wissen. Nichts als offenbare Gewalt hätte sie abhalten können, zu ihrem Vater zurück zu gehen und seinem Willen sich zu unterwerfen; ich selbst hätte sie ihm ausliefern oder sie gefangen halten müssen. Ihre achtung, ihr Vertrauen, jede Möglichkeit ihr in Zukunft als treuer Freund zur Seite zu stehen, hätte ich auf ewig und nutzlos verloren. Wir beide, teure Freundin! wir beide kannten bis jetzt noch nicht die Tiefe und Festigkeit dieses Gemüts, nicht die seltne Kraft, mit der dieses sonst so zarte geschöpf alles zu tragen, allem zu widerstehen weiss, nur nicht dem inneren Vorwurf des Unrechts oder auch nur versäumter Pflicht. Bei aller unbeschreiblichen Aehnlichkeit mit dem Engel, der ihr zur Mutter gegeben ward, trägt Gabrielens Wesen doch auch starke Züge von dem felsenfesten Sinne ihres Vaters, dessen angestammte Geistesgrösse ich, trotz seiner Verfinsterung, anerkennen musste.

Unerachtet des unaussprechlichsten Mitleids, beobachte ich jetzt mit Bewunderung, wie Gabriele den furchtbaren Kampf mit sich selbst besteht. Sie geht gewiss als Siegerin hervor, aber vielleicht sterbend. Schweigend muss ich es