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bewusstloser Zustand, selbst die ängstliche müssige Neugier der Bedienten, alles vereinigte sich, die ganze Tätigkeit des einzigen hellen Geistes in Anspruch zu nehmen, der mitten in diesem Wirrwarr fähig geblieben war, für die Uebrigen zu denken.

Ernestos erste sorge musste das feierliche Leichenbegängniss des baron sein, dessen selbst gewählte Todesart er um Gabrielens Ruhe willen möglichst zu verheimlichen suchte. Der Uebung dieser traurigen Pflicht folgte des neuen Besitzers festliche Uebernahme der Güter und dem zunächst die Untersuchung der bisherigen sehr nachlässig betriebnen Verwaltung derselben. Ernesto übernahm gern jedes Geschäft, teils um Gabrielens willen, teils weil er wirklich unausgesetzter Tätigkeit bedurfte, um sich selbst aufrecht zu halten.

Moritz wendete indessen seine Aufmerksamkeit auf unzählige unbedeutende Kleinigkeiten, die aber alle mit der höchsten Wichtigkeit von ihm betrieben wurden.

Ruhig, keiner Erdennot sich bewusst, aber krank zum tod, lag während der Zeit Gabriele in tiefer Betäubung auf ihrem Bette, bis sie nach mehreren Tagen wieder zur Besinnung und ins Leben zurückgerufen ward. Ihr Erwachen glich dem eines Kindes, das nach einer Nacht voll ängstlicher Träume beim ersten Aufschlagen der Augen in das milde treue Antlitz der Mutter blickt. Ihr war, als fände sie sich wieder im haus der Frau von Willnangen wie bei ihrer ersten Krankheit. Wie damals, sah sie Ernesto und Annette neben ihrem Bette; freundlich reichte sie beiden die Hand und begrüsste mit mildem Lächeln den tiefblauen Himmel voll goldner Herbstwolken, in den sie durch ein grosses Fenster, ihrem Bette gegenüber, blicken konnte.

"Ich bin wohl wieder krank gewesen?" sprach sie, "ich habe euch wohl wieder recht viel sorge gemacht? mir ist auch, als sei ein grosses Unglück geschehen, aber ich weiss nicht welches? und so habe ich doch wohl nur davon geträumt." Da ging die tür auf, Moritz trat herein, sein Anblick, seine laute wunderliche Freude über ihre Besserung, riefen sie plötzlich in helles Bewusstsein zurück. Alles, alles, was geschehen war, stand in e i n e m fürchterlichen Momente vor ihr, klar wie der Tag, die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Zukunft, alle Schrecken der nächsten Vergangenheit. Sie verbarg das Gesicht in die Kissen, ihre Augen schlossen sich wieder, sehnlich betete sie in ihrem Herzen um neuen Schlummer ohne Erwachen, aber sie ward nicht erhört, ihre Jugendkraft siegte und jeder Tag führte sie von nun an näher der völligen Genesung.

Der Tod ihres Vaters war das einzige Ereigniss, dessen Gabriele sich nicht deutlich erinnerte. Sie selbst hatte ja, fast im nehmlichen Momente als er zusammensank, ebenfalls das Bewusstsein verloren, und so konnte es Ernestos sorgsamer Freundschaft gelingen, sie nach und nach auf diese traurige Begebenheit vorzubereiten, und vor allem ihr das Entsetzen über die Todesart des baron zu ersparen.

Heiss und bitter quollen Gabrielens Tränen als sie endlich vernahm, dass sie ihrem Vater mit allem, was sie ihm opferte, nur ein paar ruhige Minuten hatte erkaufen können. Alle ihre, auf dieses Opfer gegründete Hoffnungen von seiner zufriedenen Zukunft, seinem heitern Alter, seiner Wiederkehr zu den Menschen und zu milderm Gefühle waren nun verschwunden auf immer; alles, woran sie unter der ungeheuren Last der übernommenen Pflichten, sich zu halten gehofft, war nun mit ihm zu grab getragen. Gabrielen blieb kein Trost als das Bewusstsein, der heiligen stimme in ihrem inneren gefolgt zu sein.

Nach langem Zögern ergriff Ernesto endlich die Feder, um Frau von Willnangen die traurige geschichte der im Schloss Aarheim verlebten Tage kund zu tun. Das grausenvolle Gespräch zwischen Vater und Tochter, durch welches zuletzt Gabrielens traurige Bestimmung entschieden ward, konnte er ihr fast wörtlich mitteilen. Denn als sich der Baron mit seiner Tochter eingeschlossen, hatte Ernesto in der höchsten Angst seine Zuflucht zu Frau Dalling genommen. Zwar war diese nicht im stand gewesen, ihn in das fest verriegelte Vorzimmer zu bringen, aber sie hatte ihn auf verborgnen Wegen und Treppen zu einem kleinen Behältniss neben dem Kamine des baron geführt, von wo aus beide alles deutlich vernehmen konnten, was im Zimmer gesprochen ward. Nachdem Ernesto Gabrielens mütterliche Freundin mit jedem, auch dem kleinsten Umstande bekannt gemacht hatte, der zur Entscheidung ihres Geschickes beitrug, fuhr er in seinem Briefe also weiter fort:

"Alle die Bilder und Rätsel, mit denen der Baron Gabrielen betäubte, der grüne Löwe, die schlummernde Königin, alle bestätigen es mir, dass Forschen nach übermenschlichen Kenntnissen, besonders nach dem Stein der Weisen ihn dem Untergange zuführte. In dem zunächst vergangnen Jahrhundert verfielen manche an Geist ausgezeichnete, bedeutende Männer in den nehmlichen Irrtum und gingen unter wie der Baron. Auch in unsern, jedem verjährten Unsinn, jeder Schwärmerei so günstigen Tagen fällt dem Streben nach sogenanntem verborgnem Wissen manches beklagenswerte Opfer, ohne dass die Welt viel davon erfährt.

Ich bin zufällig mit der Tendenz und dem Ton der in jenes Fach einschlagenden Schriften wohl bekannt. Mir fiel ein staubiger Wust magokabbalistischer und teosophischer Bücher einst in Italien, beim Aufräumen einer alten Bibliotek, in die hände. Neugierig durchblätterte ich sie, und vieles ist mir aus ihnen im Gedächtniss geblieben, was mir jetzt das Betragen von Gabrielens Vater erklärt. Unter andern entsinne ich mich einer sehr feierlichen Warnung vor der fünften Wiederholung eines chemischen Prozesses, der, viermal geübt, jedesmal die Kraft des Steines der Weisen verdoppelt, aber dem, der ihn zum fünftenmal wagt, unwiderrufliches Verderben bringt. Diese Warnung erklärt mir des baron Verzweiflung beim Ausbruch der Flamme, sein späteres Klagen über das Vergessen der fünften Zahl,