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, um die tür zu öffnen. Atemlos stürzte dort Frau Dalling ihm entgegen, ein lauter Schrei des Schreckens, als sie Gabrielen bleich und regungslos im Lehnstuhl erblickte, verriet, dass Ernesto ihr alles vertraut habe, was er wusste. Der Baron achtete nicht darauf. "führen Sie Ihr fräulein auf ihr Zimmer," sprach er, "schmücken Sie die Braut mit dem Hausschmuck, den seit Jahrhunderten jede Braut von Schloss Aarheim an ihrem Ehrentage trägt," fügte er hinzu, indem er ihr ein uraltes Kästchen mit einem goldnen Schlüssel übergab. "In einer Stunde kommt der Bräutigam, sie zur Trauung abzuholen."

Matt zum tod, aber fromm lächelnd wie ein seliger Engel neigte, sich Gabriele vor ihrem Vater, dann wankte sie am Arm der Frau, die einst an der Schwelle des Lebens sie empfing, still hinaus. Ernesto eilte schon im Vorzimmer ihr entgegen. Ein Strom lindernder Tränen machte beim Anblick des treuen Freundes dem armen gepressten Herzen Luft. "Sie hatten Recht," flüsterte Gabriele ihm zu, und lehnte das schöne bleiche Köpfchen auf seine Schulter, indem sie erschöpft auf einen Stuhl sank. Frau Dalling und Ernesto knieten vor ihr hin, sie zu unterstützen.

"Noch ist Rettung möglich!" sprach Ernesto ängstlich und schnell. "Fliehen Sie, alles ist bereit. Frau Dalling begleitet uns, Moritz selbst befördert und beschützt unsre Flucht, er will Sie nicht dem Zwange verdanken. Keine Pflicht bindet Sie, den Willen eines verwirrten Sinnes zu erfüllen, wenn es dem Glücke Ihres ganzen künftigen Lebens gilt. Kommen Sie, verlieren Sie keine Zeit, Pferde und Wagen stehen unten am Schlossberge, jede Minute ist kostbar, Moritz selbst will hier uns vertreten, wir eilen zur Frau von Willnangen."

"D e r Rat kam nicht aus Ihrer Seele, Ernesto," erwiderte Gabriele sehr ernst und trocknete ihre Tränen. "Wohin könnten Sie mich führen, dass nicht der Fluch meines Vaters mich erreichte? dass nicht die Schrecken der eben durchlebten Stunde mich verfolgten, nicht die Angst um einen sterbenden Vater, dem ich den Trost verweigerte, welchen zu geben in meiner Macht stand? Ernesto," setzte sie hinzu, und blickte ihn zutrauend an, indem sie seine beiden hände fasste, "können Sie mir wirklich raten jetzt zu fliehen?"

"Nein! ich kann es nicht, und du bist verloren," rief Ernesto, "dort in der Freiheit würde Reue dich verzehren, ich fühle es. So gehe denn gefasst dem entgegen, was du, reine Seele! als Pflicht anerkennst. Damals, als du diesen fürchterlichen Mauern zueiltest, in denen alles Gute und Schöne untergehen muss, damals hätten wir, deine Freunde, dich zurückhalten, dich nicht so unbedacht der Gewalt eines Wahnsinnigen ausliefern, wir hätten seinen Zustand vorher erkunden sollen. Jetzt ist es zu spät," setzte er mit verhülltem Gesicht hinzu. Die zum Schmuck der Braut vom Baron bestimmte Stunde war vorüber. Bleich wie ein Marmorbild, keine Spur von Lebenswärme auf Wangen und Lippen, sass Gabriele auf ihrem Sopha, und schauderte bei jedem Geräusch. Nur ihr schwimmendes Auge, die zitternde Bewegung ihres hochklopfenden Herzens, von welcher der diamantne Blumenstrauss an ihrer Brust erbebte, verrieten innres Leben und inneren Kampf. Schweigend, aber vergebens, strebte sie wie sonst dem Unvermeidlichen wenigstens äusserlich gefasst entgegen zu treten, ihr unwillkürliches Zittern, ihre Unfähigkeit, sich aufrecht zu erhalten, vermochte sie nicht zu überwinden.

Ernesto stand bleich wie sie selbst neben ihr, sein blick ruhte auf den vor alter Zeit in wunderliche Schnörkel gefassten Diamanten, die, zum Brautkranz zusammengefügt, Gabrielens blonde Locken niederdrückten. Plötzlich ergriff ihn der Gedanke, dass dieser nehmliche Kranz wahrscheinlich auch an Augustens Opfertage in ihren Haaren geschimmert hatte, und die Ironie des Zufalls, der hier den kalten schweren Stein statt der weichen lieblichen Myrte erwählte, erhöhte den bittern Schmerz, der ihn, den sonst so ruhigen Mann, in diesem Augenblick der Verzweiflung nahe führte.

"Alle Liebe erstirbt in diesen Mauern," rief er aus, "darum ist auch ihr Symbol daraus verbannt, und spitziger Steine flimmernder Glanz muss dessen Stelle ersetzen. O Gabriele! mögen Sie nie auf Ihrem Lebenswege die Myrte vermissen, die jetzt auch Ihrem Schmucke fehlt, und nie ihr begegnen! Diess ist der einzige Segen, den ich heute Ihnen geben kann, und es klingt wie ein Fluch."

"Ich denke Sie zu verstehen, guter Ernesto, und möchte gern Sie trösten, wenn Sie mir nur glauben wollten," erwiderte sanft und gelassen Gabriele. "Mein Leben ist vorüber, wenn Lieben Leben ist. Andern mag Hoffnung strahlen, mein Stern ist Erinnerung, Erinnerung an eine kurze Stunde voll Wonne und Schmerz, die nie mir wiederkehren kann und dennoch ewig mich beglückt. In meinem Herzen ist der Sturm beschwichtigt, um nie wieder zu erwachen, ich weiss es, seit gestern, da ich es vermochte, vor Ihnen den Namen auszusprechen, den ich nie wieder nennen werde, obgleich ich es dürfte, denn mein Empfinden ist ruhig und schuldlos. Das Opfer, welches ich meinem Vater bringe, ist daher nicht so gross, als Sie es sich wohl denken. Ich opfre keine Hoffnungen, denn ich hatte keine, kein Glück der Zukunft, denn mir blüht keins, als in der Liebe meiner Freunde, und d i e bleibt mir. Für die Freiheit weniger Jahre gewinne ich meines Vaters