den inneren Riegel vorschob. Auf Flügeln der Angst durcheilte Ernesto jetzt wieder die Gallerieen, um Frau Dalling aufzusuchen, ihr alles zu entdecken und dann wo möglich mit ihrer hülfe ein Mittel zu finden, der gefürchteten Unterredung zwischen Vater und Tochter ungesehen beizuwohnen. Festlich gekleidet, geschmückt mit allen Zeichen ehemaliger Würden und Ehren, war der Baron seiner Tochter bis an die tür des Vorzimmers entgegen gekommen, die er, wie schon erwähnt ward, hinter ihr verriegelte. Dann schritt er feierlich vor ihr her, nahm seinen gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl am Fenster ein, und winkte ihr schweigend, sich auf ein Taburet ihm gegenüber zu setzen.
Der Eindruck, welchen seine ganze Gestalt auf sie machte, war heute noch imponirender als ehemals, der Baron schien sogar grösser als sonst, und der versteinerte Ernst aller seiner Züge beklemmte ihre Brust und raubte ihr den Atem.
"Ich wiederhole die schon gestern dir erteilte Zusicherung meiner Zufriedenheit mit deinen in der Stadt erworbnen Kenntnissen," hob der Baron nach einer ziemlich langen Pause an, "sie haben mein Erwarten übertroffen. Wer so fleissig war wie du, hatte wahrscheinlich nicht Zeit, Torheiten zu begehen. Daher hoffe ich, dass kein innres Hinderniss dich abhalten wird, meine Wünsche zu erfüllen, und dass du auch neben so vielem anderm gelernt hast, kindlichen Gehorsam zu üben. Ich bin entschlossen, dich meinem Lehnserben, Moritz von Aarheim, zu vermählen, doch habe ich ihm versprechen müssen, es dir frei zu stellen, seine Hand auszuschlagen. Entscheide also ohne Zwang: ob du meinem Willen folgen willst oder nicht, so wie du glaubst, dass es recht sei."
Der Baron schwieg, und Gabriele strebte vergebens, ihre zitternden Lippen zur Antwort zu bewegen. Einige Minuten vergingen im schweigenden Kampf mit ihrer inneren Angst. "Entscheide!" – rief endlich der Baron mit flammenden Augen, und richtete sich hoch in die Höhe.
"Mein Vater," stammelte Gabriele, "wie kann ich so schnell – ich flehe nur um Bedenkzeit."
"Bedenkzeit!" wiederholte der Baron, und liess sich langsam wieder nieder, "Bedenkzeit! Toren, Schwächlinge bedenken sich. Der Tapfre, der Weise, wissen gleich, was sie wollen oder müssen. Doch du bist ein Mädchen, und diese Alfanzerei war schon vor vierzig Jahren unter euch Mode, wunderbarbar, dass sie in der langen Zeit nicht wieder abkam. Nun, es sei – du hast Bedenkzeit, bleib sitzen, bedenke dich."
Seiner Gewohnheit gemäss wandte sich der Baron nach der Brandstätte, eine bange Viertelstunde verging, während welcher Gabriele es nicht wagte, sich zu regen. Endlich kehrte sich der Baron mit fragendem ernstem blick ihr wieder zu.
"Vater!" rief sie und hob flehend die Augen voll erstarrter Tränen zu ihm auf, "Vater, ich brauche keine Bedenkzeit. Bei Ihnen will ich bleiben! Ihnen allein widme ich mein Leben, Sie pflegen will ich, Ihnen dienen, keine andre Pflicht erkennen, als jedem Ihrer Wünsche zuvorzukommen!"
"Und weigerst dich dennoch, den ersten, welchen ich aussprach, zu erfüllen?" erwiderte der Baron und durchbohrte sie fast mit seinen glühenden Augen.
"Nein, o nein, mein Vater!" erwiderte schnell Gabriele, "ich bitte Sie nur, mich nicht zu verstossen. So lange ich lebe, ist Ihnen mein Dasein geweiht. Ich kann mich nicht entschliessen, einem Andern anzugehören als meinem Vater, ich fühle einzig den Beruf, um Sie zu sein, so lange mir Gott Ihr Leben erhält; was später aus mir wird, macht mir keine sorge."
"Auch mir sollte es keine machen – besser wäre es, wenn" – murmelte der Baron nur halb hörbar vor sich hin, dann versank er wieder in tiefes Nachdenken. Abermals vergingen einige stumme Minuten, dann wandte er sich plötzlich wieder zu Gabrielen.
"Höre mir aufmerksam zu," sprach er. "So viel du davon zu fassen vermagst, will ich dir die Gründe entwickeln, welche mich bestimmen, diese Verbindung zu wünschen. Hernach entscheide. Forderst du dann noch längere Bedenkzeit, so sei sie dir im Voraus gewährt. Höre mich jetzt.
Unermüdetes Forschen, Streben, arbeiten war mein Leben, so lange du atmest; die Nacht mir Tag. Ich habe Schrecken getrotzt, Gefahren, bei deren blossem Namen dein jugendliches Blut in den Adern erstarren müsste. Meine Umgebungen waren – Mein Umgang war – Nein, ich will deine Sinne nicht durch die Namen jener Schrecklichen verwirren, ich will dich nicht dem Wahnsinn zuführen. Ich schweige von dem, was ich tat, was ich litt, was ich überwand. Für dich, Gabriele, für dich! dich wollte ich erheben, dich erhöhen zur Glorreichsten unseres alten Geschlechts! hoch über alle jene edlen Frauen deiner Ahnen, deren lange Reihe der edelste Schmuck unsers Hauses ist."
Hier schwieg der Baron wieder einige Minuten lang, Gabriele wagte es nicht, sich zu regen. Dann fuhr er mit fast tonloser stimme fort: "Die doppelte schuppige Schlange, deren gekröntes Haupt in roter Erde sich birgt, war mein, die Königin ruhte in ihrer kammer, der Rabe wandelte sich zum hochfliegenden Aar, und ernährte den in ihrem Schoosse schlummernden grünen Löwen, es nahte sich der Alte, der zwischen den Bergen geht, die rote und die weisse Lilie prangten in seinen Händen. – Da – da – fort mit der