1821_Schopenhauer_090_62.txt

Tafel aufgehoben ward, und er mit Gabrielen sich wieder allein sah.

Die herbstliche Sonne senkte sich schon dem Felsen zu, die Stunde der früh eintretenden Dämmerung nahte heran, und Ernesto fühlte mit bitterm Schmerz, dass es jetzt nicht möglich sei, länger zu schweigen. Um Gabrielen zu schonen, auch wohl um selbst Mut zu gewinnen, wendete er zuerst das Gespräch auf Gabrielens verhältnis zu Moritz von Aarheim, als Lehnerbe ihres Vaters, und machte gleich die Entdeckung, dass sie durchaus keinen Begriff davon habe. Alles, was er ihr darüber zu sagen für gut fand, machte auch weiter keinen Eindruck auf sie, als dass es sie an die Zeit erinnerte, in welcher ihr Vater nicht mehr sein würde, und sie deshalb ernster und trüber stimmte.

"Behalte ich doch Sie, meine Willnangen und meine Auguste, wenn Gott meinen Vater zu sich ruft, dazu Genügsamkeit und Freude an wohlgeordneter Tätigkeit, diese Güter kann kein Gesetz mir rauben," sprach endlich Gabriele. "Möge mir das Glück, meinen Vater zu pflegen, recht lange gegönnt werden! kommt aber die Zeit, wo ich ihn zu verlieren bestimmt bin, so weiss ich, dass meine Freunde sich um mein künftiges Fortkommen auf dem Lebenswege weit mehr kümmern werden als ich selbst."

"Auch ich wäre um Ihre Zukunft unbesorgt, teure Gabriele! wenn nicht die Pläne Ihres Vaters mich beängstigten," erwiderte Ernesto; "vielleicht entdeckt er sie Ihnen heute noch" – Ein eintretender Diener unterbrach ihn mit der Nachricht, dass der Baron Gabrielen sogleich zu sprechen verlange. Ernesto ward bleich wie ein Sterbender.

"Beinahe zwei Stunden früher als gestern! Sehen Sie wie er allmählich meine Gesellschaft lieb gewinnt?" rief frohlockend Gabriele, und bemerkte nicht, in welcher Todesangst ihr Freund vor ihr stand, bis sie im Forteilen sich von ihm fest gehalten fühlte.

"O Gabriele!" rief er, "Sie wissen nicht! armes, unglückliches Kind! Sie wissen nicht, wem Sie entgegen gehen, was Sie erwartet! Worauf ich langsam Sie vorbereiten wollte, muss ich jetzt Ihnen ohne Milderung eilend zurufen. Ihr Vater will Sie vermählen, er will das Unglaublichste, er will an Moritz von Aarheim Sie vermählen, gerade wegen jener Familienverhältnisse, die ich eben Ihnen zu erklären begann. Moritz selbst entdeckte mir diess, er gab mir den Auftrag, Sie vorzubereiten, er ist zu gutmütig, um Sie dem Zwange verdanken zu wollen."

Gabriele ward bleich, sie zitterte, sie verstummte einige Minuten lang, doch wusste sie sich bald wieder zu fassen. "Dank! Dank Ihnen, Ernesto, für Ihre Warnung!" sprach sie, "jetzt aber lassen Sie mich, ich darf meinen Vater nicht länger auf mich warten lassen. Ich hoffe, diese Gefahr soll an mir vorüber gehen, ich werde meinen Vater gewinnen, er soll ohne mich nicht leben können, er soll mich lieben lernen, dann wird er mich nicht verstossen wollen." "Gabriele!" rief Ernesto in höchster Angst, und eilte neben ihr her, die schnell die langen Gallerieen durchstreifte, um zu den Zimmern ihres Vaters zu gelangen. – "Gabriele! nur einige Worte noch. Gedenken Sie Ihres Versprechens im Felsental, ehren Sie diessmal meinen Rat. Erzürnen Sie Ihren Vater nicht durch Weigerung, wenn er Ihnen seinen Willen kund tut, um Gotteswillen nicht. Bitten Sie um Bedenkzeit, hören Sie mich? um Bedenkzeit. Geloben Sie es mir, um Bedenkzeit zu bitten, ohne irgend eine Abneigung gegen seinen Willen zu äussern, oder ich dringe mit Ihnen in sein Zimmer, werde dann weiter daraus was da wolle;" setzte er wie ausser sich hinzu.

"Ernesto, wie fürchterlich sind Sie!" rief Gabriele, und stand einen Augenblick still, ihn betrachtend. Sie sah Tränen in seinen Augen glänzen, sie gewahrte den Ausdruck des ängstlichsten Mitleids, der höchsten Unruhe in allen seinen Zügen. "Ich sehe es," sprach sie tief bewegt, "ich sehe es, Ihrer Angst um mich liegt noch ein geheimnis zum grund, das Sie mir nicht entdecken wollen. So bleibe es mir dann verborgen, ich ehre Ihre Gründe, es mir zu verschweigen und traue Ihrer Freundschaft. Ich gelobe, Ihrem Rate zu folgen, meinen Vater nicht durch Widerspruch zu reizen, ihn um Bedenkzeit zu bitten. Darf ich nun hoffen, Sie beruhigt zu haben?"

Ernesto vermochte vor innrer Bewegung nicht ihr zu antworten. Die dunkeln Mauern von Schloss Aarheim übten ohnehin an ihm eine Zaubermacht aus, welche seine Geisteskraft lähmte. Er wähnte dort noch Augustens Seufzer zu atmen, die einst ungehört hier verwehten; ferne Töne umschwirrten ihn wie der Wiederhall ihrer längst verklungnen stimme, und ihre holde Gestalt schien ihm aus jeder Ecke entgegentreten zu wollen. Bei dem schwachen Schimmer einer einsamen Lampe in der hochgewölbten düstern Gallerie, in welcher Gabriele mit ihm sich befand, war es ihm, als sähe er plötzlich neben ihr den Geist ihrer Mutter; er bebte ergriffen zurück, im nehmlichen Augenblick öffnete sich die tür vom Vorzimmer des baron, in deren Nähe sich beide befanden, und schlug klingend hinter Gabrielen zu, sobald diese die Schwelle überschritten hatte.

Ernesto wollte ihr nach, um wenigstens, wenn auch durch eine zweite tür von ihr getrennt, in ihrer Nähe zu bleiben, aber er hörte die stimme des baron, der seiner Tochter gebot, ihm in sein Zimmer zu folgen, und dann