Der Gedanke, dass es mit Bitten, Raten, Warnen ihm doch vielleicht gelingen könne, sie zur bessern Ansicht des wirklich Rechten und wahren zu bringen und sie dadurch zur standhaften Weigerung zu ermutigen, gewährte ihm ebenfalls wenig Trost, denn wie schauderhaft wurde alsdann doch vielleicht vom eignen Vater ihr Leben bedroht!
Flucht, schnelle Flucht, blieb der einzige Weg. Aber wie die Tochter bewegen, ihren alten Vater wider seinen Willen zu verlassen, und vielleicht seinen Fluch auf sich zu laden! Sollte Erneste ihr entdekken, in welcher entsetzlichen Gefahr ihr Leben bei ihm schwebte? Wahrscheinlich würde sie ihm nicht Glauben beimessen, und gelänge es ihm, sie von der traurigen Wahrheit zu überzeugen, so musste der Gedanke an solche Gräuel ihre ganze Zukunft trüben. Wer bürgte ihm dafür, dass Gabriele nicht in einem, durch das Gefühl ihres Unglücks exaltirten Augenblick, den Tod von Vatershänden ohne Widerstreben annähme! Ernesto kannte den Geist unsrer, jedem überspannten Gefühl günstigen Zeit, welcher der Jugend statt froher Tätigkeit, bloss leidende schmerzliche sehnsucht als Zweck eines Daseins zeigt, dem das innige Wohlbehagen, die reine Freude am Leben mit jedem Tage sich mehr entfremden.
In diese Ueberlegungen vertieft, war Ernesto dem schloss schon ganz nahe gekommen, ohne eine andre Auskunft gefunden zu haben, als die, welche sich im ersten Augenblick ihm dargeboten hatte, die er als zu eigenmächtig verwarf, und welche zuletzt doch ergreifen zu müssen er jetzt befürchtete. Er nahm sich indessen vor, erst die überzeugung zu gewinnen, dass alles wirklich so sei, wie Moritz es ihm vorgestellt hatte, ehe er Anstalten traf, Gabrielen im äussersten Notfall ohne ihr Vorwissen und ihre Einwilligung vom väterlichen schloss fortzubringen. Moritzen sollte alsdann die sorge bleiben, den Wahnsinn seines Verwandten gesetzlich anerkennen zu lassen und ihn dadurch unschädlich zu machen.
Ernesto konnte und mochte es sich nicht verbergen, wie viel er durch diesen Eingriff in Gabrielens Schicksal auf das Spiel setzte, aber er sah keine andre Möglichkeit, ihr zu helfen, und musste sogar davor zittern, dass Zufälligkeiten ihm auch diese vereiteln könnten. Moritz von Aarheim war bei Ernestos Ankunft noch eifrig bemüht, sein dampfendes Pferd im Schlosshofe herumführen zu lassen, und dem Jokei dabei in eigner person unter lautem Demonstriren zu zeigen, wie man in England diesen Tieren nach jeder Erhitzung den Kopf und die Ohren mit einem Tuche abreibe. "Sie sehen, wie beschäftigt ich bin," flüsterte er geheimnissvoll dem eben Angekommnen zu, "sobald ich nur eine Minute Zeit gewinne, besorge ich die verlangten Pferde und Wagen. Uebrigens schläft der Baron hoffentlich noch mehrere Stunden, und die Kusine finden Sie mit ihrer Cameriera im Blumengarten."
Schön und heiter wie der Morgen trat Gabriele schon an der tür des Gartens ihrem Freunde entgegen. Sie trug eine Vase voll malerisch geordneter bunter Herbstblumen. Mit der Linken drückte sie die Vase fester an sich, um sie nicht fallen zu lassen, während sie ihm die Rechte zum Willkommen freundlich entgegen reichte. Die frische Herbstluft hatte ihre Wangen höher gerötet, ihr Auge strahlte glänzender, Ernesto glaubte, sie noch nie so reizend gesehen zu haben. Beim Anblick des holden Geschöpfs, das arglos wie ein Kind am rand des Verderbens noch lächelnd mit Blumen spielte, ergriff ihn ein unaussprechlich mitleidiges Gefühl. Woher sollte er Mut gewinnen, den rührenden Frieden dieses schuldlosen Wesens durch seine Warnung zu stören, den milden Glanz dieses hellen Auges zu trüben? Es ward ihm, als sei er selbst im Begriff, eine frevelhafte Tat zu üben, als würde er mitschuldig an ihrem Untergange, wenn er jetzt spräche. Vor ihrem ruhig schönen Anblick verlor er selbst für den Moment den Glauben an die obwaltende Gefahr, und seine sonst so klare Besonnenheit musste der mächtigen Sprache seines Herzens einstweilen weichen.
Seit sie von Frau von Willnangen sich getrennt hatte, war Gabriele noch nicht so fröhlich gewesen. Ihr Herz schwamm in Wonne bei der Erinnerung an die teilnehmende Art, mit der ihr Vater am gestrigen Abend sich mit ihr beschäftigt hatte. Sie war entzückt, wenn sie seiner deutlich ausgesprochnen Zufriedenheit mit ihrem bisherigen Streben gedachte. Freude macht geschwätzig; wortreicher als jemals erzählte daher Gabriele ihrem Freunde jeden kleinen Umstand des vergangnen Abends, und suchte auch ihm ihre eigne überzeugung mitzuteilen, dass sie von nun an immer höher in der Gunst ihres Vaters steigen, ihm immer notwendiger werden müsse und würde.
Ernesto hingegen ward immer mutloser, immer unfähiger, ihr das Entsetzliche zu verkünden, je länger er den fröhlichen Ergiessungen ihres reinen Herzens zuhörte. Er litt unbeschreibliche Qual bei dem Gedanken, sie aus ihren Träumen von einem heissersehnten Glücke zum Elend erwecken zu müssen. Schonend sie und sich, verschob er es von Stunde zu Stunde, denn jede Minute, während welcher er noch schwieg, war, seiner überzeugung nach, ihrer künftigen traurigen Zukunft abgewonnen.
So kam die Zeit des Mittagsmahls heran. Der Gerichtsdirektor war diessmal dabei gegenwärtig, denn der Baron hatte ihn zum heutigen Abend auf das Schloss einladen lassen. Und auch ohne diesen würde das Beisein der Bedienten und selbst Moritzens Gegenwart jede freie Mitteilung während der Mahlzeit unmöglich gemacht haben.
So ganz widerwärtig, wie heute an dem kleinen Tische dicht neben Gabrielen, war Moritz noch nie ihrem Freunde erschienen; sein läppisches verstecktes Winken, sein geheimnissvoll sein sollendes fragen, seine Anspielungen, mit denen er Ernesto, so lange die Mahlzeit währte, zu verfolgen nicht aufhörte, machten ihn ganz unerträglich, und dieser war deshalb herzlich froh, als endlich die