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; die Freiherren von Aarheim waren immer gewohnt, kleine Leistungen gross zu lohnen. Gabriele wird nur unter der Bedingung die Eure, dass Ihr mir bei Eurer Ehre versprecht, das zu erfüllen, was ich im Moment, da sie für Euch sich erklärt, verlangen werde. Ihr dürft es ohne Sorgen. Unrechtes, Entehrendes forderte noch kein Freiherr von Aarheim. Wollt Ihr diese Bedingung eingehen?" Moritz verbeugte sich abermals schweigend, denn aus Furcht, zu beleidigen, wagte er es nicht, den Mund zu öffnen.

Der Baron ward jetzt sichtbarlich heitrer, es war, als beginne die Eisrinde um seine Brust sich zu lösen. "Vetter, von Euch kann ich nichts bitten und nichts annehmen, das seht Ihr wohl ein, und doch muss mein Wunsch erfüllt werden," sprach er gewissermassen mit behaglichem Zutrauen. "Es liegt mir mehr daran, als Ihr und die Welt zu fassen vermögen. Darum biete ich Euch den höchsten Lohn, den ich zu gewähren habe. Ihr werdet mein Sohn, und unser alter Stamm blüht vielleicht glorreich wieder auf. Um Gabrielens Versorgung willen tue ich nichts, für sie wäre auch ohne Euch gesorgt, selbst wenn sie Euch verschmäht, selbst dann!" Hier versank der Baron aufs neue in tiefes Nachsinnen, er blickte unverwandt auf die jetzt vom mond hell beleuchtete Brandstätte, und ward wieder zusehends düstrer.

"Habt Ihr nie vom Virginius gehört? vom Römer Virginius?" fragte er nach einer ziemlich langen Pause plötzlich mit wunderlich heimlichem Ton.

Moritz von Aarheim eilte, auf diese Frage bejahend zu antworten, und verbreitete sich darauf sehr weitläuftig in Lobpreisungen der Heldentat des Römers, die er höchlich bewunderte1. "Ultimo pegno d' amor ricevilibertade e morte," rief er endlich aus.

"Ich sehe, Vetter! Ihr habt Euren Alfieri recht gut inne," sprach der Baron, pegno d' amorlibertade e morte. Freiheit und Tod: haltet Ihr die wirklich für Liebespfänder, wie Alfieri es dem Virginius in den Mund legt?" Mit diesen Worten zog der Baron ein ganz kleines, hermetisch versiegeltes Fläschchen hervor, das er an einer goldnen Kette um den Hals hangen hatte. "Libertade e morte!" rief er, und hielt das Fläschchen von geschliffnem Krystall hoch gegen das Licht, so dass es in bunten Farben blitzte und funkelte. "Kennt Ihr den diesen Gotteiten geweihten Lorbeer? hier seht Ihr ihn, die Gelehrsamkeit verleumdet ihn zwar und nennt ihn falsch. Er ist der echte! wer ihn errungen hat und ihn zu brauchen weiss, kümmert sich weder um Kronen noch Kränze, und trotzt dem Geschick wie den Gebietern der Welt. Virginius war ein Tor, sein blutiger Dolch erregt Entsetzen. Hier bedarf es nur eines balsamisch duftenden Hauches, und Gabriele tritt schmerzlos mit mir die Reise nach jenem land der Freiheit an. Nicht blutig, nicht entstellt, ihre Hülle bleibt die Zierde der Welt, so lange das Licht des Tages sie bescheint, die Oberfläche der Erde sie trägt."

Mit einem Schrei des Entsetzens warf Moritz von Aarheim sich unwillkürlich auf den Baron und strebte das Fläschchen ihm zu entreissen, doch dieser hielt ihn mit starkem Arm ferne von sich.

"Was wollt Ihr?" sprach er mit blitzenden Augen, "Ihr habt es ja selbst ausgesprochen, Libertade c morte, ultimo pegno d' amor! O ihr armen Toren! Was steht Ihr denn entzückt vor Bildern? was preist ihr Taten? was prahlt Ihr mit Gesinnungen, die Euch mit Entsetzen erfüllen, wenn Ihr sie ins wirkliche Leben treten seht? Seid ruhig, ich gäbe Euch gern dieses Fläschchen, denn ich habe mehr dergleichen, wenn so etwas Euch nur anvertraut werden dürfte. Seid ruhig! Eure person ist sicher, mit Euch hat kein Lorbeer etwas zu schaffen. Erfüllt meinen Willen, Gabriele wird die Eure, obgleich es mir leid um sie tut. Ihr wäre besser, sie ginge mit mir, ohne zu wissen, wohin die Hand des Vaters sie führt. Ein Hauch, und es wäre vorbei mit aller Not und aller Langenweile, die sie bei Euch erwarten. Doch lebt wohl, beruhigt Euch, wir sehen uns morgen wieder, und nun geht!" Bleich wie ein Todter, bebend vor innerem Grausen, durcheilte Moritz von Aarheim die langen düstern Gänge, welche zu seinem Zimmer führten. Kein Schlaf kam die ganze lange Nacht hindurch in seine Augen. Er blieb angekleidet. Unruhig wandelte er auf und ab und trat jeden Augenblick an das Fenster, um zu sehen, ob der Tag noch nicht zu grauen beginne. In dieser Minute blickte er auf zu Gabrielens Zimmer, und sah, wie der ruhige Schimmer ihrer Nachtlampe das Fenster schwach erhellte; in der nächsten horchte er wieder hinaus, ob nicht etwa das Verderben herumschleiche, ob nicht leise Tritte hörbar würden; doch alles blieb stille und ruhig.

Endlich begann der Himmel, sich zu röten. Moritz schlich sich auf die andre Seite des Schlosses und sah nach den Zimmern des baron. Dort erloschen nach und nach alle Lichter, zum Zeichen, dass für jenen jetzt auch die Zeit der Ruhe herbei käme. Nochmals lauschte Moritz, und da alles immerwährend ruhig blieb, eilte er in den Stall, sattelte selbst sein Pferd und pochte schon beim Aufgang der Sonne an die tür von Ernesto's bescheidener wohnung.

Ernestos erstes Empfinden beim Anblick des frühen Besuchs war Zorn über die Zudringlichkeit des Lästigen