1821_Schopenhauer_090_56.txt

Angst, packte Moritz seine Pläne zusammen, suchte den Baron durch das Versprechen zu beruhigen, diesen Punkt nie wieder zu berühren, und tröstete sich im Stillen mit der sichern Aussicht, spätstens in wenigen Jahren hier bauen und einreissen zu können, ohne irgend jemand darum zuvor befragen zu müssen.

Während Moritz sogleich nach der Ankunft der Reisenden den armen Ernesto mit einem unerträglichen Wortschwall in dem ihm angewiesnen Zimmer peinigte, schlich die zitternde Gabriele am Arm ihrer Dalling bis an die tür des Gemachs, in welchem ihr Vater sich befand. Frau Dalling trat allein zu dem Baron herein, um vom Erfolg der Reise ihm Rechenschaft abzulegen und ihn auf Gabrielens Ankunft vorzubereiten, doch er liess sie nicht zum Worte kommen. "Gabriele!" rief er mit gebietendem Ton, "Gabriele!" Bebend, mit ausgebreiteten Armen, überschritt diese auf den Ruf die Schwelle. Ein grässlicher Schrei des baron fesselte sie an der Stelle, auf welcher sie stand. "D u !" rief er, "du! was willst d u von mir!" "Sie befahlen ja das fräulein Gabriele," sprach leise und zitternd Frau Dalling. Der Baron atmete tief auf; "es ist Gabriele," sprach er, sich selbst beruhigend, und blickte nach der tür, wo diese noch immer bleich und bebend in höchster Unentschlossenheit stand. Aber sein blick war scheu, die Hand zitterte, mit der er ihr winkte näher zu treten, und seine Lippe bebte, indem er sie zu sich rief. Gabriele eilte herbei und kniete neben ihm hin. "Steh auf! du bist wohl erschrocken?" sprach der Baron, und bemühte sich, mild zu erscheinen. "Steh auf, ich erkannte dich nicht gleich. Ich glaubte, du wärstich hielt dich fürfür etwasfür jemand anders. Steh auf, gieb mir die Hand. – Du bist gewachsen, wie es mir scheint, du bistdu gleichst sehr deiner Mutter! ruhe aus, geh zu Bette, morgen, wenn ich aufgestanden bin, gleich nach dem Frühstück lasse ich dich rufen. Dann sprechen wir uns, jetzt geh. Geh mein Kind," sprach er endlich und wollte lächeln, aber die starren Muskeln versagten ihm den Dienst, und sein Gesicht verzog sich wunderlich. Am andern Tage war Gabriele schon mit Sonnenaufgang bereit, vor ihrem Vater zu erscheinen, aber der Nachmittag ging vorüber, der Abend näherte sich, und noch immer ward sie nicht zu ihm gerufen. Seit er wieder zum Bewusstsein gekommen war, blieb er älterer Gewohnheit getreu, und lebte nur in der Nacht.

Gabriele hatte volle Musse, an Ernestos Hand das ganze Schloss zu durchwandern, und auch ausser demselben alle die Plätze im Garten und Wald aufzusuchen, von welchen ihr vor kaum Jahresfrist das Scheiden so schmerzlich gewesen. Alles war wie damals. Die Blätter der Bäume begannen, sich rot, gelb und braun zu färben, ihre wohlgepflegten Blumen blühten in bunter, herbstlicher Pracht. Ihr zahmes Reh sprang ihr entgegen, sie fand ihre Tauben, ihre Vögel, ihre Hündchen, alle ihre freundlichen lieben Tiere wieder; die treue anhänglichkeit der Leute im schloss hatte für sie alles gepflegt und ihr aufbewahrt. Alles war wie damals, nur sie selbst war es nicht. Ihr waren die Freuden ihrer Kindheit im Gewirre des Lebens verloren gegangen; abgeschiedne Geister mögen so in Wehmut den Schauplatz ihres irdischen Lebens betrachten, wie Gabriele den ihres viel zu früh entschwundenen Frühlings. Auch Ernesto wandelte stumm und in sich gekehrt an ihrer Seite, trübe Erinnerungen drückten auch ihn nieder.

"Am besten ist es, ich gehe heute, ich gehe jetzt gleich und suche meine Einsiedelei zwischen den Felsen auf," sprach plötzlich Ernesto, indem er mit Gabrielen vor der Schlossbrücke stand. "Ich bedarf der Ruhe," fuhr er fort, "ich bedarf der Arbeit; hier komme ich zu keinem von beiden. Auch kann ich es nicht läugnen, dieser Vetter Moritz wird mir allmählich so lästig, dass ich fürchte, mich einst gegen ihn auf eine Art zu vergessen, die dieses, bei aller Lächerlichkeit doch höchst gutmütige Wesen nicht verdient. Und so leben Sie wohl, Gabriele! gedenken Sie Ihres Versprechens. Ich verlasse Sie jetzt unbesorgt, denn meine Entfernung von Ihnen ist zu gering, um irgend einer Befürchtung Raum zu geben. Auch werde ich schwerlich einen Tag vorübergehen lassen, ohne Sie zu sehen."

Eine unbeschreibliche Traurigkeit ergriff Gabrielen, indem Ernesto sich zum Weggehen wandte, obgleich sie gewiss war, ihn morgen wieder zu sehen. In ihm verlor sie den letzten ihrer Freunde, gleichsam den Repräsentanten aller ihrer Lieben. Ohne je Ottokars Namen vor ihm ausgesprochen zu haben, wusste sie doch, dass sie durch ihn, und allein durch ihn, von dem Fernen Kunde erhalten könne, sobald sie es wolle. Die furchtbare Macht des Augenblicks, die sie in ihrem kurzen Leben schon mehrmals erfahren hatte, fiel ihr schwer aufs Herz, indem sie Ernesto schon tiefer unten am Schlossberge wandeln sah.

"Wenn ich ihn nie wieder sähe! wenn er diese Nacht stürbe, und mit ihm jede Hoffnung, von Ottokar Kunde zu erhalten!" Kaum in Worte gefasst, erfüllte sie dieser Gedanke mit unaussprechlicher Angst; von einer unsichtbaren Gewalt getrieben, rief sie, winkte sie. Ernesto sah noch einmal sich nach ihr um, sie flog den Felsen hinab, er eilte wieder hinauf ihr entgegen, und beide