Kindes, welches nicht mit d e m Bewusstsein am grab der Eltern steht, nach Kräften alles für sie getan zu haben, muss entsetzlich sein."
Schweigend reichte Ernesto ihr die Hand, um sich mit ihr dem Eisenhammer wieder zuzuwenden, wo schon alles zu ihrer Abfahrt bereit war. Zu Gabrielens grosser Verwunderung war der neu gefundne Vetter, Moritz von Aarheim, der Erste, der ihr in der dunkeln Vorhalle ihres väterlichen Schlosses entgegen kam. Er bewillkommte sie mit einem Wortschwall, der sich sogar beim babylonischen Turmbau hätte füglich hören lassen können; auch Ernesto ward mit ungeheuchelter Freude von ihm empfangen, und überhaupt zeigte sein ganzes Benehmen, wie höchst erwünscht ihm die endliche Ankunft der Erwarteten sei. Dennoch fiel es deshalb diesen nicht weniger auf, ihn hier, und zwar in der Eigenschaft eines gebietenden Herrn zu finden. Als solcher beeiferte er sich, Ernesto ein Zimmer anzuweisen und lud ihn dringend ein, doch ja recht lange zu verweilen. Besonders setzte er Frau Dalling, die ihn gar nicht kannte, in Erstaunen und in Verlegenheit.
Seine Gegenwart im schloss des baron war indessen auf sehr gewöhnlichem Wege herbeigeführt worden. Nächst seiner Vorliebe für fremde Sprachen und neue Erfindungen, beschäftigte er sich sehr gern mit Nachforschungen über die ursprüngliche Bildung der Erde, und besass in der Tat nicht gemeine geologische Kenntnisse. Er hatte sich längst vorgenommen, das Gebirge, in dessen Mitte Schloss Aarheim liegt, mit Hinsicht auf dieses sein Lieblingsfach zu bereisen, und wollte auch bei der gelegenheit seinen Verwandten einen Besuch abstatten; das zufällige Zusammentreffen mit Gabrielen in Karlsbad bestimmte ihn, diesen Plan sogleich auszuführen. Nach einem Aufentalt von ;139;nur wenigen Stunden in Eger,;155; eilte er, sich in die Nähe von Schloss Aarheim zu begeben, und sein wissenschaftliches Forschen hatte ihn in nicht gar zu grosse Entfernung von der Burg seiner Ahnen geführt, als ihm die Kunde von dem Brande daselbst zu Ohren kam, und zwar durch das Gerücht bis ins Ungeheure vergrössert. Er musste fürchten, dort keinen Stein mehr auf dem andern zu finden, es war also ganz natürlich, dass er so schnell als möglich sich hinbegab, teils um dem Baron beizustehen, teils um zu retten, was noch zu retten sei, und wenigstens raubbegierigen Händen das zu entreissen, was die Flammen übrig gelassen haben mochten.
Frau Dalling war schon auf dem Wege nach Karlsbad, als Moritz von Aarheim im schloss anlangte. Er fand die Zugbrücke heruntergelassen, das äussere Tor, so wie auch alle innre Türen des Gebäudes, standen weit offen, und ein Schwall von Menschen drängte sich durch dieselben und auf den Treppen, hinaus und hinein, hinauf und hinab. Niemand schien den Neuangekommnen zu bemerken, er folgte dem Schwarm der Hineinströmenden und gelangte so in das Zimmer des baron.
Schweigend sass dort die hohe düstre Greisengestalt auf einem grossen altvätrischen Lehnstuhl dicht am Fenster, den starren blick auf die Brandstätte fest geheftet, kaum noch einem lebenden Wesen mehr ähnlich. Ein paar alte Diener, schweigend wie ihr Gebieter, schienen bei ihm Wache zu halten. Der Baron bemerkte Moritzens Eintritt eben so wenig, als er die Menge unverschämter Neugieriger zu bemerken schien, die unablässig bei ihm aus- und eingingen. Er sass immer gleich finster und gleich regungslos da, wie die alten grauen Standbilder auf den Gräbern seiner Ahnen.
Des baron nächster Verwandter musste bei diesem Anblick die Verbindlichkeit fühlen, hier tätig einzutreten. Sein erstes Tun war, sich dessen Dienern zu erkennen zu geben; mit ihrer hülfe die fremden Zudringlichen auszutreiben, einen Boten nach einem geschickten Arzt in das nächste Städtchen zu senden, und dann die Tore zu schliessen. Dieses vollbracht, begann er, sich der Pflege und Wartung des baron selbst eifrig anzunehmen, wobei seine Vorliebe für neue Erfindungen wieder eine glänzende gelegenheit fand, sich zu zeigen. Diese, und seine den Bedienten beinahe ganz unverständliche Art sich auszudrücken, führten freilich manchen Missgriff, manches lächerliche Missverständniss herbei, doch die baldige Ankunft des Arztes verhinderte wenigstens jedes Unheil, welches hätte entstehen können.
Ruhe, Stille und stärkende Mittel verhalfen dem Baron in unglaublich kurzer Zeit zur völligen Besonnenheit. Verwundert erblickte er bei seinem Erwachen den ihm so lange ganz unbekannt gebliebenen Verwandten, und obendrein mit einer Art Autorität um ihn geschäftig, welche sich von selbst auf dessen früheres Nichtbemerktwerden gegründet hatte.
Der Baron fand in dem sonst so bitter Gehassten jetzt den einzigen Menschen, welcher sich seiner angenommen hatte, während er unfähig war, sich selbst zu helfen. Alle seine übrigen Umgebungen waren ihm fast nicht minder fremd als dieser neue Ankömmling, denn seit Jahren hatte er mit keinem von seinen Dienern gesprochen, ausgenommen mit Frau Dalling und Franz. Jene war abwesend, dieser tot. Moritz von Aarheim überhob ihn jeder notwendigkeit irgend eines Verkehrs mit andern Menschen, der Baron fühlte diess als wohltätig und bequem; gern, wenn gleich nicht dankbar, liess er es sich schweigend gefallen, und sein Agnat behielt die Freiheit von ihm ungestört alles im haus einstweilen nach eigner Ansicht zu ordnen. Nur als dieser, durch schweigende Nachsicht dreist gemacht, einst dem Baron einen Plan zum Wiederaufbau des zerstörten Flügels vorlegen wollte, da geriet der Greis in eine furchtbare Aufwallung. Seine zürnenden Augen schienen Feuer zu sprühen, seine grauen Locken sich zu sträuben, seine ohnehin sehr hohe Gestalt dehnte sich zu fast übermenschlicher Grösse, während er laut und mit donnernder stimme in ganz unverständliche Flüche und Verwünschungen ausbrach. Halb tot vor Schrecken, vor