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diese bewundernden

Ausrufungen nicht verdiene," sprach Ernesto in seinem gewöhnlichen humoristischen Ton, "denn ich bin leider nicht halb so edelmütig, als Sie es sich denken. Schon längst wünschte ich die mir oft gerühmte wilde Pracht dieses Gebirges kennen zu lernen. Ich will hier Studien für meinen Johannes in der Wüste nach der natur malen, den ich, wie Sie wissen, schon längst im Sinne trage. Farben, Leinwand, alles habe ich mitgebracht, vielleicht fange ich morgen schon an, denn seit ich diese Felsengegend sah, bin ich überzeugt, dass ich in der Welt keine bessre Einöde für meinen Heiligen finden kann."

"Sie sollen ihren edlen Willen haben, Ernesto! ich will tun, als merkte ich nicht, wie Sie meinem Dank ausweichen wollen," sprach Gabriele und neigte sich kindlich über Ernesto's Hand, die sie an ihr Herz drückte. "Aber," fuhr sie fort, und sah mit ihren klaren Augen recht treuherzig zu ihm auf, "nehmen Sie auch die Beruhigung an, die ich mit aller Aufrichtigkeit Ihnen zu geben im stand bin. Glauben Sie meiner Versicherung, dass ich auch die abgeschiedenste Einsamkeit, zu der mein Vater mich bestimmen kann, für kein Unglück halte. Vor Langerweile haben Sie und meine Mutter mich durch die Sorgfalt geschützt, mit der beide für meinen Unterricht sorgten; meinem Herzen bleibt Erinnerung und Liebe, die lassen niemand einsam. über alles tröstend aber ist mir das Gefühl, dass ich hier auf dem einzigen Punkte stehe, auf welchen ich in der Welt hingehöre. Das einzige Kind eines greisen, kränkelnden Vaters darf ja keine andre Freude suchen und kennen, als ihn zu pflegen und die trüben Stunden seines Abends zu erheitern."

"Mein Heldenmädchen!" rief Ernesto und strebte vergebens, die tiefe Rührung, von der er sich ergriffen fühlte, unter heiterm Lächeln zu verbergen. "Ich weiss, Gabriele! was Sie zu tragen vermögen," setzte er sehr ernst hinzu, "und darum fürchte ich so sehr die edle jugendliche Lust, die Sie verleiten kann, das Schwerste zu wählen, weil es das Schwerste ist. Wer weiss, zu welchen unerhörten Opfern man Sie in jener finstern Burg auffordern wird! Das in langer Einsamkeit, unter der Last eines freudenlosen Alters verhärtete Gemüt Ihres Vaters, wird es sich an Ihrem milden Wesen erwärmen? wird es sich daran nur erfreuen? Gabriele! eine mir selbst unerklärliche Angst verleitet mich in diesem Augenblick, es zu vergessen, dass ich zu der Tochter von ihrem Vater spreche, aber ich kann nicht anders, ich muss Sie bittend warnen. Hier auf dem kalten Boden, wo Ihre Mutter, einsam und verlassen, vor der Zeit hinwelken musste, wird es hier ihrem zarten jugendlichen Ebenbilde, das sie uns hinterliess, besser ergehen?"

"Was fürchten Sie denn eigentlich für mich von meinem Vater? lieber Ernesto!" erwiderte Gabriele. Welches Opfer kann er denn von mir fordern? doch keines, als das der geselligen Freuden und meiner Zeit, die ich ohnehin von nun an einzig ihm weihen muss; ich habe ja nichts anders, das ich ihm darbringen könnte. Beruhigen Sie sich. Das hohe Beispiel meiner Mutter leuchtet mir vor auf der Bahn, die ich betrete. Sie sagen: ich gleiche ihr. O lassen Sie mich in Allem ihr immer ähnlicher werden, selbst in ihrem Geschick, wenn es sein muss, denn was kann ich Höheres wünschen, als zu sein wie sie war."

"Nun so segne dich Gott, du reines Wesen! und behüte dich vor gar zu grosser Versuchung, dich selbst zu vergessen!" rief Ernesto, und drückte zum erstenmal Gabrielen an seine Brust. "Nur noch den einzigen Trost gewähren Sie mir, um den ich jetzt Sie bitte, und ich will ruhig sein," setzte er hinzu. "Versprechen Sie mir feierlich, ohne meinen Rat, ohne mein Mitwissen keinen Ihre Zukunft bestimmenden Schritt zu tun. Versprechen Sie es mir, Gabriele! wenn Sie wirklich glauben, dass ich irgend Dank um Sie verdiene; versprechen Sie es mir, ich muss, ich muss dieses Versprechen von Ihnen erflehen, erzwingen, genug ich muss es erhalten."

"Ich begreife Sie nicht, Ernesto! warlich ich glaube, diese dunkeln Umgebungen, diese schwarzen Felsen erfüllen ihre Einbildungskraft mit grauenvollen Bildern," sprach freundlich Gabriele, indem sie ihre Rechte in Ernesto's dargebotne Hand legte. "Hier haben Sie mein feierliches Versprechen, wie Sie es wünschen. Es bedurfte dessen nicht, denn wie könnte ich ohne den Rat meines einzig treuen, erfahrnen Freundes irgend etwas wichtiges für mich entscheiden, sobald ich so glücklich bin, ihn in meiner Nähe zu wissen. Ich ehre und liebe meinen Vater, wie es die Pflicht dem kind gebeut, aber ich kenne ihn wenig; ich habe mich nie in meinem Leben vertrauend ihm genaht. Sein ernstes, Ehrfurcht und Gehorsam gebietendes Ansehen schreckte mich stets von ihm zurück, und dieser Eindruck ist bleibend. Aber deshalb rührt es mich eben so unbeschreiblich, dass er gerade jetzt, da ein Unheil ihn traf, sich meiner erinnert und meine Gegenwart verlangt. Wenn ich mir denke, dass er gestorben sein könnte, ohne mich wieder gesehen zu haben, dann, Ernesto! dann fühle ich erst lebendig das Glück, noch für ihn tätig sein zu können, ich erkaufe es mit keinem Opfer zu teuer. Das Gefühl eines