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dem schweren Kampf zwischen ihrem Herzen und ihrem Pflichtgefühl als Siegerin hervorgehen würde, wenn man sie nur ungestört sich selbst überliess. Frau Dalling schwieg, weil unaussprechliches Mitleid mit ihrem geliebten kind ihr die Sprache hemmte, und die arme Annette hatte genug mit ihrem eignen Schmerz zu tun; sie weinte ganz in der Stille über sich sowohl als über ihre Herrin.

Der Erfolg rechtfertigte Ernesto's Erwartungen von Gabrielen. Nach wenigen Stunden richtete sie sich rasch und mutig auf, wie schon oft in ähnlichen Fällen, und suchte von nun an ihre alte Freundin recht liebkosend und hold für das bisherige unteilnehmende Verhalten zu entschädigen. Aber der Geist der Freude blieb dennoch fern von der kleinen Reisegesellschaft. Bei aller gegenseitiger Freundlichkeit sass doch jedes Mitglied derselben trübe und in sich gekehrt da. Keines vermochte sich des Zieles der Reise zu freuen, während alle sich bestrebten, die eignen Besorgnisse den übrigen, so viel es nur möglich war, zu verhehlen.

So kam allmählich der letzte Tag der Reise heran. Der Wagen hielt zur Mittagszeit vor einem Eisenhammer, der schon zu den Besitzungen des Baron Aarheims gehörte.

Das vom ewigen Rauch und Kohlendampf geschwärzte Gebäude steht in einem von öden Felsen eingeengten Tal, oder vielmehr in einer wilden Schlucht, durch deren Mitte ein schäumender Bach über moosbewachsne Steine hinrauscht. Wenn Mittags die Sonne von ihrem höchsten Standpunkt einige erwärmende Strahlen in diesen, einem grab ähnlichen Winkel der Erde herabsendet, dann werfen ein paar halb verdorrte Fichten ihren spärlichen Schatten auf die schwarzen Wellen und auf das moosbedeckte Ufer, die übrige Zeit des Tages liegt alles farbelos und erstorben da. Nichts belebt diese schauerliche Einöde, als das einförmige unaufhörliche klopfen des Hammers, das Schwirren und Tosen der Räder. Wände und Fussboden der engen dunkeln Gemächer des zu dem Eisenhammer gehörenden Hauses dröhnen und zittern immerwährend. Gabriele und Ernesto eilten deshalb sobald als möglich hinaus ins Freie, um diesem ängstlichen Aufentalt zu entgehen, Frau Dalling aber blieb zurück, um sich bei den Bewohnern desselben nach dem gegenwärtigen Befinden des baron zu erkundigen.

Gleich beim ersten Schritte ausser dem haus erinnerte sich Gabriele, in früher Kindheit einmal mit ihrer Mutter hier gewesen zu sein. Am Bach stand noch die alte halb verfallne Bank, wo sie damals an ihrer Seite mit Epheukränzen gespielt hatte, und zum erstenmal auf dieser Reise bemächtigte sich ihrer ein heimatliches Gefühl. Mit wehmütiger Freude ergriff sie Ernesto's Hand, führte ihn zu dem Plätzchen, welches die ehemalige Gegenwart der Mutter ihr zum Tempel geheiligt hatte, und setzte sich dort recht vertraulich neben ihn hin.

"Ich fürchte, guter Ernesto!" hob sie in grosser Bewegung an, "ich fürchte, wir werden sobald nicht wieder eines so traulichen, ungestörten Beisammenseins uns erfreuen können. Umsonst streben wir, es uns zu verbergen, wir müssen scheiden, heute oder morgen, gleichviel. Ich muss mich auch von Ihnen trennen, wie ich mich schon von meiner ewig teuern Willnangen, von meiner geliebten Auguste, vonach! von so Vielem trennen musste, für das mein künftiges Leben mir nie Ersatz bieten kann. Vergebens suchten Sie es mir durch ihre Begleitung auf dieser traurigen Reise zu verbergen, wie ich so ganz verlassen von meinen Freunden künftig sein werde. Aber ich danke es Ihnen doch, mit dem innigsten Gefühl, dass Sie es mir mitleidig verbergen wollten. Guter, sorgsamer Freund, treuer Beschützer meiner verwaisten Jugend, ich danke Ihnen, mehr kann ich nicht."

"Wollen Sie mich denn fortschicken, liebe Gabriele?" fragte Ernesto mit etwas gezwungnem Lächeln. "Ich bin noch gar nicht gesonnen, so bald zu gehen. Meine Meinung war, noch recht lange in ihrer Nähe zu verweilen, oder Sie recht bald in Ihre eigentliche Heimat zu Frau von Willnangen zurück zu begleiten."

"Guter Ernesto! was hülfe es, wenn ich Sie täuschte, und mir selbst Hoffnungen erregte, die doch nie in Erfüllung gehen können;" erwiderte Gabriele. "Ich weiss es, ich stehe hier an der Schwelle eines sehr dunkeln, sehr einförmigen, und in den Augen der Welt sehr freudenlosen Lebens. Ich muss Sie darauf vorbereiten, ehe Sie die wenigen Stunden zwischen hier und Schloss Aarheim zurücklegen, dass kein Fremder, sogar kein Freund dort gastlich aufgenommen wird. Mein Vater flieht die Menschen, bittre Erfahrungen haben ihn sogar ihren Anblick hassen gelehrt." –

"Ich weiss es," unterbrach sie Ernesto, "und habe auch nie darauf gerechnet, von ihm freundlich empfangen zu werden! Dennoch bin ich entschlossen, Sie bis zu ihm zu begleiten. Mein Herz sehnt sich nach dem Orte, wo der Stern meiner Jugend unterging. Ich feiere dort ein teures Andenken und kehre gleich darauf in dieses Tal zurück. Ich denke im Försterhause, das dort in der Felsenecke so malerisch liegt, mich häuslich niederzulassen, und Frau Dalling bemüht sich diesen Augenblick, mit meinem künftigen Hausherrn die deshalb nötigen Verabredungen zu treffen. Ich bleibe so recht sehr in ihrer Nähe, liebe Gabriele, denn wie ich höre, führt ein Fusssteig in weniger als einer Stunde von hier nach Ihrer Burg, während wir auf dem Fahrwege wohl viermal so viel Zeit brauchen werden, wie das zwischen Bergen so oft der Fall ist."

"Hier wollten Sie bleiben? Hier in dieser grässli

chen Wüste? Guter Gott, Ernesto! wie kann ich je eines solchen Opfers mich wert achten!" rief Gabriele.

"Wie leid ist es mir, dass ich