kommen, aber er sprach mit niemanden. Ganz in sich gekehrt sass er da, ass und trank, was ihm gereicht ward, und eben nur genug, um das Leben zu fristen, forderte aber nichts. Die tür seines Zimmers blieb offen stehen, seine Bedienten, seine Bauern, Fremde, die des weges vorbei kamen, alles strömte, teils aus Neugier, teils aus Teilnahme, herbei, alles wanderte ungehindert bei ihm aus und ein, er aber achtete auf niemand, obgleich er auch niemand zurückscheuchte. Seine ganze Haltung war die des tiefsten Nachsinnens über einen höchst wichtigen Gegenstand. Endlich um Mitternacht rief er Frau Dalling herbei und befahl ihr, in möglichster Eile nach Karlsbad zu reisen, um Gabrielen abzuholen und sie zu ihm zu führen. Nach diesem deutlich und bestimmt ausgesprochenen Befehl, versank er wieder in sein voriges Schweigen. Frau Dalling konnte den teilnehmenden Freunden Gabrielens nur den heftigen Schreck über die unglückliche Feuersbrunst als die Ursache von des baron traurigem Zustande angeben, aus welchem der Wunsch, Gabrielen zu sehen, natürlicherweise entspringen musste. Denn von dessen lange gehegten und jetzt so furchtbar zertrümmerten Hoffnungen hatte sie noch immer keinen Begriff. Frau von Willnangen und Ernesto hingegen blickten tiefer. Aus dem, was sie von des baron Aeusserungen und seinem entsetzlichen Anfall nach dem Brande hörten, durchschauerte sie die Ahnung eines Geheimnisses, das ihre Angst, Gabrielen in solchen Händen zu wissen, noch um vieles vermehrte. Der Schmerz der Frau von Willnangen über die plötzliche Trennung von ihrem Lieblinge leidet keine Beschreibung; er überstieg alle grenzen, wenn sie an das Schicksal dachte, welches die arme Gabriele im Schloss ihres Vaters erwartete, und dabei keine Möglichkeit sah, es zu mildern. Ihre gewohnte Fassung hatte sie gänzlich verlassen. "Was wird aus dem weichen, liebebedürfenden Gemüt in jener starren Umgebung werden!" rief sie mit Augen voll Tränen. "Welche Opfer wird der Mann, der das Herz ihrer Mutter mit kalter Hand zerdrücken konnte, nicht von diesem, seiner Willkür ganz preisgegebnen geschöpf fordern, das wir schutz- und wehrlos ihm ausliefern müssen!"
"Das müssen wir nicht und werden es auch nicht," erwiderte plötzlich nach einigem Sinnen Ernesto, "denn ich begleite Gabrielen. Das Schicksal und mein Herz haben mich einmal zu Gabrielens Vormund, zu ihrem Beschützer erkoren, ich will es bleiben, solange dieses nur irgend ausführbar ist, ich reise mit ihr.
Beide Frauen hörten mit hoher Freude diese Erklärung Ernesto's, nur wagte Frau Dalling einige Zweifel wegen der Aufnahme, die Ernesto im Schloss Aarheim finden würde. "Vielleicht," sprach sie, "hat sich der Baron während meiner Abwesenheit völlig erholt, und dann kehrt er gewiss zu seiner gewohnten Abgeschiedenheit von allen Menschen zurück."
"Weiss ich es doch selbst nicht, ob ich mich werde Gabrielens Vater zeigen wollen oder nicht," erwiderte Ernesto; "das mögen die Umstände bestimmen. Ich bleibe auf jedem Fall in ihrer Nähe, ihr Schutz, ihr Freund, ja ich kann sagen ihr eigentlicher Vater, wenn väterliche Liebe zu diesem Namen berechtigen kann. Sorgen Sie nur, dass Gabriele morgen früh ihre Bestimmung auf die schonendste Weise erfährt, und dass sie dann wo möglich in der nehmlichen Stunde abreisen kann. Verkürzen Sie ihr die bittern Stunden des Scheidens, ein langer Abschied ist eine lange Qual, die wir ihren Kräften nicht zumuten dürfen, sie wird sie nötiger brauchen."
"Lassen Sie uns übrigens das beste hoffen," sprach Ernesto zur Frau von Willnangen, sobald er mit dieser allein war. "Nach dem, was ich von des baron eigentlichem Geschick ahne, und nach dem, was Frau Dalling von der plötzlichen Veränderung in seinem ganzen Wesen erzählt, achte ich ihn seiner letzten Stunde sehr nahe, und leider ist der herbste Verlust für ein glückliches Kind, unsrer armen Gabriele der höchste Gewinn. Sie, die schon Mutterlose, kann nur glücklich werden, wenn sie auch vaterlos ist. Ich wiederhole es Ihnen, ich bleibe in Schloss Aarheims Nähe, und so wie eine günstige Veränderung in Gabrielens Lage eintritt, so wie sie der Fesseln entledigt ist, die jetzt sie drücken, nehme ich sie auf und bringe sie in Ihre schützenden arme, an Ihr mütterliches Herz. Bis dahin wache ich über sie, ohne zu wanken oder zu weichen."
"Haben Sie Dank, guter, edler Ernesto!" erwiderte Frau von Willnangen. "Sie wollen mir Trost geben, indem Sie mir die Aussicht für meine Gabriele zu erheitern suchen, aber mein ahnendes Herz will sich nicht zufrieden sprechen lassen. Sie auch künftig in Gabrielens Nähe zu wissen, ist freilich viel; es ist das einzige, woran ich in dieser trüben Stunde mich noch halte. Möge ein freundlich Geschick Ihr wohlmeinendes Streben begünstigen! Ich bete mit Inbrunst darum, aber ich fürchte, sie ist dennoch von nun an verloren, verloren uns und verloren sich selbst." Mit dem Gefühl, mit welchem ein halb Erwachter sich völlig von den Fesseln eines ängstigenden Traumes loszuwinden strebt, sass Gabriele schon am folgenden Vormittage im Wagen. Unverwandt haftete ihr blick auf dem raschen Umschwunge der Räder, welche sie einer Bestimmung entgegen führten, von der sie noch vor wenigen Stunden keine Ahnung gehabt hatte. Keiner ihrer Begleiter unterbrach auch nur mit einem einzigen Worte die im Wagen herrschende Stille. Ernesto kannte zu gut das weiche aber auch starke Gemüt seiner Schülerin, um nicht überzeugt zu sein, dass sie gewiss aus