bangen und freudigen Abends, zu voll zur Mitteilung; nur Ernestos Erscheinung blieb ihr ganz klar, und diese war ein grosser Trost für die um das Kind ihrer innigsten Liebe mütterlich besorgte Frau Dalling. Mit schwerem, sorgenvollem Herzen war am folgenden Morgen Frau Dalling beim Anbruch des Tages von ihrer Gabriele geschieden, und diese suchte nun mit der neuen, ihr von der Tante zugegebenen Kammerjungfer sich einigermaassen zu befreunden. Es war ihr unmöglich, gegen die hübsche, zierlicher als sie selbst geputzte Annette den Ton der Gebieterin anzunehmen, und Annette konnte sich auch nicht sogleich in die freundliche Art ihrer neuen herrschaft finden, die gar nichts zu ersinnen wusste, was sie ihr hätte befehlen können. So waren beide ein Paar Stunden in ziemlicher Verlegenheit einander gegenüber geblieben, als Ernestos früher Besuch, der erste, den Gabriele je erhielt, der Not endlich ein Ende machte.
"Ich erscheine in dieser unschicklich frühen und deshalb visitenfreien Stunde, um Sie zu zwei Freundinnen zu geleiten, die mit offnen Armen und Herzen Sie erwarten," sprach Ernesto; "Frau von Willnangen sendet mich." "Frau von Willnangen?" unterbrach ihn Gabriele, aufs neue von dem Namen heftig aufgeregt; "höre ich recht? wirklich Willnangen? um Gotteswillen! wer ist diese Frau, die meiner Mutter so ähnlich sieht? Ist sie mit Ferdinand von Willnangen verwandt? Gewiss, Sie kannten auch diesen Ferdinand." "Wohl kannte ich auch ihn," erwiderte Ernesto, von trüben Erinnerungen sichtbar bewegt. "Frau von Willnangen," fuhr er fort, "ist die Mutter seiner Tochter, eines lieben Mädchens, das wohl verdient, ihre schwesterliche Freundin zu werden." "O Auguste! meine liebe, liebe Mutter!" rief tief erschüttert, in fast betender Stellung, Gabriele, "auch dortin verfolgt dich unerbittlich dein Geschick! Der selige Geist deines Freundes hat dich auf deinem stillen Lebenswege nicht schützend umschwebt, wie du fromm es wähntest, er geleitete dich nicht aus der bittern Stunde deines Scheidens zur frohen Ewigkeit, die keine Trennung kennt; Ferdinand lebt, er war dir nah, und vergass deiner, die du wie ein Heiligtum sein Andenken in treuer Brust bewahrtest! So lieben Männer," fuhr sie mit zürnendem Ernst fort; "treue Liebe wohnt nur im Herzen der Frauen und bleibt dort ihr eigner, einziger Lohn. So lehrte mich meine Mutter mit Recht; wer darf noch hoffen, sie ausser sich zu finden, wenn diese Frau vergessen werden konnte!"
Mit teilnehmendem Staunen blickte Ernesto auf das schwärmende, sich seinem Gefühl ganz überlassende Mädchen. "Ich mag Ihren schönen Glauben von unsern Erwartungen jenseits nicht stören, wenn er auch nicht ganz der meinige ist," sprach er endlich mit sehr bewegter stimme, indem er ihre gefalteten hände sanft ergriff. "Erlauben es die gesetz jenes Landes, von dessen dunkeln grenzen noch nie ein Wandrer zurückkehrte, der uns Kunde brachte, so empfing Ferdinands seliger Geist Augusten beim Scheiden aus dieser Welt, so umschwebte er sie schützend schon lange vorher auf ihrem Lebenspfad, denn seit mehreren Jahren verliess er dieses Leben, in welchem sein Geschick ihn rastlos umhertrieb und nur späte Ruhe ihm vergönnte. Ich führe Sie jetzt zu seiner Witwe, die gestern hocherfreut in Ihnen die Tochter der Frau erblickte, deren Andenken, ohne dass sie jemals sie sah, ihr dennoch heilig ist, weil es der Mann, den sie liebte, stets im Herzen trug. Sie glaubt es nicht besser ehren zu können, als indem sie Gabrielen mütterliche Liebe entgegen trägt; doch wähnt sie deshalb nicht, ihr jemals Augustens Verlust ersetzen zu können. Das reine, stille Gemüt dieser seltnen Frau war stets zu demütig, dies sogar bei Ferdinanden zu hoffen, und ohne alles neidische Streben begnügte sie sich immer damit, sein Leben durch Liebe zu erheitern, mit ihm zu trauern, wenn Wehmut über verlornes Jugendglück in ihm erwachte und ihm die Gegenwart trübte. Kommen Sie, Gabriele," fuhr Ernesto eifriger fort, "folgen Sie mir in das Haus der Frau von Willnangen, Sie werden einen dem Andenken Ihrer Mutter geweihten Tempel betreten. Die Blumen, die sie vor allen liebte, werden dort noch immer sorgsam gepflegt, ihr Bild ist noch immer der geehrteste Schmuck des Hauses, ich malte es heimlich in Rom für mich und konnte Ferdinands ungestümen Bitten eine Kopie davon nicht versagen; Ferdinands Tochter erhielt bei ihrer Geburt den ihm so teuren Namen Auguste. Glauben Sie mir, Sie werden dort heimisch sein wie unter verwandten Freunden; vielleicht auch dort überzeugt werden, dass treue Liebe in der stärkern Brust des Mannes oft nur um so sichrer wohnt, als in dem weicheren Herzen der Frauen," setzte er lächelnd hinzu.
Was Ernesto von Ferdinands späterem Geschick Gabrielen noch ferner mitteilte, lässt sich in wenig Worte fassen. Auf eine ihm unerklärbare Weise von der Geliebten getrennt, währte es beinahe ein Jahr, ehe er den ganzen Umfang seines Unglücks erkannte, und tröstende Hoffnungen begleiteten ihn lange von Land zu Land. Augustens Vater leitete fortwährend mit unsichtbarer Hand sein Geschick; er hatte den Zweck erreicht, ihn auf immer von seiner Tochter zu trennen, und war übrigens nicht weniger als sonst für das zeitliche Glück seines ehemaligen Pfleglings besorgt. Er glaubte sogar, ihm gewissermaassen Ersatz schuldig zu sein, und ebnete deshalb, so viel er es konnte, Ferdinands Weg auf der einmal angetretnen Laufbahn seines Strebens, ohne dass dieser es ahnete. Bis Konstantinopel hatte