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helfen zu können," unterbrach ihn Gabriele. "Da es indessen auf diese Weise nicht möglich ist, so wage ich es, Sie zu bitten, die Meinigen bald möglichst zu beruhigen, die gewiss um mich in der grössten Besorgniss sind. Haben Sie die gefälligkeit, Frau von Willnangen im steinernen haus auf der Wiese aufzusuchen, und ihr zu sagen, dass Gabriele von Aarheim" –

"Aarheim? Sie sind ein fräulein von Aarheim? Aarheim? von Schloss Aarheim?" rief im grössten Entzücken der Fremde, "mais permettez que je vous embrasse, mon aimable petite Cousine, ich bin Ihr Vetter, Ihr nächster Verwandter, Moritz von Aarheim, Ihr Vater und ich sind Cousins à la mode de Bretagne. Ihr Aelter-Vater war der Bruder meines Grossvaters. Haben Sie denn nie von mir sprechen gehört?"

"Mein Vater lebt so fern von der Welt," stotterte Gabriele etwas erschrocken. "Es ist wahr, das tut er," erwiderte Moritz von Aarheim, "ich habe ihm einmal vor vielen langen Jahren geschrieben, er hat mich aber keiner Antwort gewürdigt. Mais je ne lui porte pas rancune, seine Tochter ist die Krone unsers alten Geschlechts, and I forgive him. Ich will ihn besuchen, den alten Herrn, ich habe mich schon nach ihm erkundigt, ich höre, er beschäftigt sich mit alchymistischen Untersuchungen der Färbestoffe. Ich habe die göttlichsten Vorschriften zum Färben aus England mitgebracht, auch aus der Türkei habe ich deren mir zu verschaffen gewusst, er soll sie alle haben, er hat zwar auf meinen Brief nicht geantwortet, but I do not care for it, er soll sie doch haben."

So schwatzte Moritz von Aarheim noch lange fort, und legte dabei seine Freude über Gabrielen in fast allen lebendigen Sprachen an den Tag, bis ihm plötzlich der Nachteil einfiel, der aus diesem langen Verweilen in der feuchten Luft für Gabrielens Gesundheit entstehen konnte. So schnell als möglich eilte er nun fort, auch währte es nicht lange, bis der General Lichtenfels und Ernesto mit einer Sänfte für Gabrielen im Tempel anlangten, um das dortin vom Sturm verschlagne Paar heim zu geleiten. Gabriele fand bei ihrer Nachhausekunft den neuen Vetter so eingewohnt, als wäre er Zeit seines Lebens der vertrauteste Freund der Frau von Willnangen gewesen. Alle Tische und Stühle in ihrem Zimmer waren mit kleinen Modellen und Zeichnungen von neuen Erfindungen belastet, deren Erklärung und Nutzen er dem ältern Herrn von Wallburg auf das eifrigste zu demonstriren suchte. Die Damen und Leo hielten sich dabei in einiger Entfernung, um nicht an dem Streite teil zu nehmen, der sich zwischen jenen beiden schon entsponnen hatte, denn Herr von Wallburg war der abgesagteste Feind aller Neuerungen. Gabrielens Erscheinung machte indessen dem Zwist ein Ende. Moritz von Aarheim liess alles im Stich, um seiner neugefundenen Kusine unter einem halben Dutzend Fläschchen mit Präservativen gegen Erkältung die Auswahl anzubieten, und suchte auf alle Weise sie zu bewegen, wenigstens aus einem derselben ein paar Tropfen zu nehmen. Sein zudringliches Bitten hatte zwar etwas ungemein Lästiges, so wie im grund auch sein ganzes übriges Betragen, aber es lag auch wieder etwas so ausgezeichnet Gutmütiges selbst in dieser Zudringlichkeit, dass es Gabrielen wirklich schwer ward, ihm seinen Wunsch nicht zu gewähren.

Mehr aber als alles übrige war ihr der vertrauliche Ton unangenehm, zu welchem er als ein naher Verwandter gegen sie berechtigt zu sein glaubte, und es ward ihr beinah unmöglich, sich daran zu gewöhnen, noch unmöglicher, ihn zu erwiedern. Nie zuvor war es ihr eingefallen, dass sie, ausser der Gräfin Rosenberg und Aurelien, noch Blutsverwandte in der Welt haben könne, nie hatte sie solche nennen hören, und nun kam gerade eine der lächerlichsten Erscheinungen und wollte Familienverbindungen geltend machen, welche sie kaum im stand war zu begreifen.

Den durchnässten Schweizeranzug hatte Herr von Aarheim zwar abgelegt, und alles, was er jetzt trug, war wirklich so neu und elegant als möglich, aber er sah deshalb nicht minder abenteuerlich aus. Seine Kleidung war wie seine Sprache, allen Nationen abgeborgt; kein Stück seines Anzugs passte zu den übrigen, alle aber verdankten der aller neuesten und dabei barocksten Erfindung ihren Ursprung. Auch seine Bewegungen hatten etwas unstätes, das mit seinen grauen Haaren und seiner ganzen Gestalt auf eine widerliche Weise kontrastirte. Uebrigens waren die Züge seines Gesichts nicht unangenehm und wurden zuweilen durch einen gewissen Ausdruck von treuherzigem Wohlwollen sogar recht leidlich. Da er im Gespräch immer von einem Gegenstand zu dem andern überging, ohne sich und andern zum gehörigen Auffassen eines einzigen Zeit zu lassen, so war sein Umgang höchst ermüdend, und der ganze Kreis wäre seiner gewiss sehr überdrüssig geworden, wenn er längere Zeit in Karlsbad verweilt hätte. Aber er eilte schon am dritten Tage zum kunstliebenden Scharfrichter nach Eger, den er durchaus sprechen zu müssen behauptete, obgleich er sich augenscheinlich höchst ungern so schnell von Gabrielen trennen mochte. Er verliess sie mit der Erklärung, dass er sie auf Schloss Aarheim wieder zu sehen gedenke, und wollte sich durchaus nicht daran kehren, dass ihr Vater keinen Besuch annähme. Er war auf jeden Fall überzeugt, dass er ihm mit den englischen und türkischen Farbengeheimnissen willkommen wäre, wenn jener auch ihre nahe Verwandtschaft bei der Annahme seines Besuchs nicht in Betracht ziehen wollte. Uebrigens hielt ihn ein innres Zartgefühl ab, Gabrielen zu gestehen, dass er des Freiherrn nächster Agnat und der künftige Besitzer von Schloss Aarheim sei, der als solcher doch einigermaassen sich