1821_Schopenhauer_090_46.txt

d Juggler!" erscholl es in diesem Augenblick dicht neben ihnen, und eine wunderliche ganz durchnässte Gestalt schlüpfte in den Tempel hinein, ohne die schon Anwesenden sogleich zu bemerken, warf dann einen ungewöhnlich dicken keulenartigen Stock von sich und arbeitete darauf mit Zähnen und Nägeln an dem Knoten eines Bandes, welches ein kleines braunes Päckchen zusammen hielt. Dabei schimpfte der neue Ankömmling in einem weg und in verschiednen Sprachen, bald auf den Knoten, bald auf den Regen.

Adelbert und Gabriele betrachteten, höchst verwundert, die sonderbare Gestalt. Nach seinem Aeussern zu urteilen, hätte man den Fremden für einen Taschenspieler oder für den Pagliasso einer herumziehenden Seiltänzerbande halten können, und doch lag etwas in der Art, mit der er Adelbert und Gabrielen, ihrer gewahr werdend, begrüsste, das eine feinere Bildung verriet. Seine vom Regen triefende Kleidung bestand aus einer kurzen Jacke und weiten wunderlichen Pantalons von weissem buntstreifigem Leinenzeuge, in Schuhen von gelbbraunem Leder, Kamaschen von Nanking und einem grossen Strohhut mit breitem rand und flachem Kopf. eigentlich war er ziemlich treu nach Ebels Vorschrift für Reisende in der Schweiz gekleidet, was aber hier in Böhmen und zu seiner kurzen gedrängten Gestalt sich sehr lächerlich ausnahm, besonders da er wenigstens funfzig Jahre alt zu sein schien.

Eines der gewöhnlichen gespräche, wie man sie in ähnlichen Fällen zu führen pflegt, entspann sich jetzt zwischen Adelbert und dem Fremden, der dabei unermüdet, aber mit allen Zeichen der höchsten Ungeduld, daran arbeitete, den Knoten zu lösen, welchen er dabei immerfort und in allen möglichen europäischen Sprachen halb laut vermaledeite.

"Mercè di Dio!" rief er endlich, denn der Knoten war plötzlich aufgegangen. "Mais voyez, monsieur! sehen Sie nur, ob es nicht zum Verzweifeln war," sprach er zu Adelberten, der verwundert auf den Inhalt des Päckchens blickte; "Vraiement c'étoit fait pour enrager. Gestern lasse ich mir von einem herumreisenden Physiker im Alexandersbad lehren einen Knoten zu schlingen, der fester als alle Schlösser ist, weil er nur der Hand des mit dem geheimnis Bekannten weicht, ich knüpfe meinen Regenmantel, my Patent cloak, den ich immer mit mir trage, auf diese Weise zu, und jetzt, da mich der Platzregen überrascht, habe ich Unglückseliger die Lösung des Knotens vergessen. Ich habe einen Mantel in der Hand, mit dem ich unter dem Staubbach hingehen könnte, ohne dass mir ein Tropfen Wassers an die Haut käme, und muss mich durchregnen lassen. No it is too bad, too bad; es ist zu toll."

Während der Zeit zog er den Regenmantel von dünnem durchsichtigem Wachstaffet an, setzte eine gleiche von allen Seiten herabhängende Kapuze auf den Kopf, und sah in dieser Vermummung noch viel abenteuerlicher aus als zuvor, fast wie ein in Bernstein inkrustirter Käfer. "Könnte ich mich nur auf das geheimnis des heillosen Knotens wieder besinnen," murmelte der Fremde vor sich hin, ich muss es doch zufällig getroffen haben, weil er aufsprang." Dabei arbeitete er wieder aufs emsigste und mit grosser Anstrengung an dem dicken Stock, den er beim Eintritt weggeworfen, hernach aber wieder hervorgesucht hatte, bis es ihm gelang, ihn auseinander zu schrauben und in mehrere Stücke zu zerlegen. "Oserois-je Madame, Ihnen diesen Patent Umbrello zum Heimgehen anzubieten?" sprach er zu Gabrielen, indem er ihr einen sehr zerbrechlichen Regenschirm, ebenfalls mit Wachstaffet überzogen, darreichte, den er aus einem teil seines Stocks zusammengesetzt hatte. "Avouez, que c'est l' invention la plus belle, la plus commode, enfin es gibt nichts bequemers," sprach er weiter, indem er aus vier dünnen Messingstäbchen und einem Stückchen Leinen eine Art von kleinem Feldstuhl zusammenfügte und Gabrielen nötigte, sich darauf zu setzen. "Sehen Sie," sprach er mit sehr grosser Selbstzufriedenheit, "so trage ich in diesem Stock gleichsam ein kleines Haus mit mir, das mir selbst auf den höchsten Bergen Schutz gegen die Witterung und einen bequemen Ruhesitz gewährt. Das Futteral, welches Schirm und Sessel beherbergt, dient mir obendrein nicht nur zum Wanderstab, sondern auch zum Fernrohr, wenn ich die dazu gehörigen Gläser hineinschraube, und ich denke nur noch auf eine Vorrichtung, um diesen Stuhl zu einem vollständigen Fauteuil zu vervollkommnen."

Der Regen hörte endlich auf und der wunderliche Fremde erbot sich auf die gutmütigste Weise, Adelberten auf dem Wege nach Karlsbad zum Führer zu dienen. Dabei bedauerte er nur, dass diesem nicht das gelähmte Bein bis an das Knie abgenommen sei, ohnerachtet ihm Adelbert wiederholt versicherte, dass er hoffe, nicht zeitlebens lahm zu bleiben. "N' importe," sprach der Fremde, "ich könnte Ihnen ein ganz vortreffliches hölzernes Bein verschaffen, Sie sollten damit gehen, reiten, sogar tanzen können, il n' y a rien de plus beau et de plus commode au mond, indessen kommen Sie nur, ich will Sie gewiss nicht fallen lassen." Adelbert dankte ihm lächelnd, und äusserte zugleich die Besorgniss, dass seine Begleiterin in ihren seidnen Schuhen wohl schwerlich würde den Weg zu Fuss machen können. "Ah Cospetto di bacco!" rief der Fremde, "warum habe ich nicht ein einzigs Paar der Pattens der Dutchess of Devonshire bei mir! Auf diesen zierlichen Koturnen könnte das fräulein gerade durch einen Bach gehen, ohne nass zu werden; sie sind die allervortrefflichste Erfindung" – "Ich erkenne höchst dankbar Ihre Güte, mit der Sie wünschen mir