der langen Krankheit nur spärlich es umwehenden Locken Herminien von ihm zurückscheuchen könnten, fiel ihm nicht ein. "Sie wird dich um so mehr lieben, jemehr du ihrer hülfe bedarfst," sprach der General, "denn die Weiber sind alle Engel des Trostes in Menschengestalt, sie sind am glücklichsten, wenn sie etwas zu pflegen und zu heilen haben."
Sie kamen an. Wie wenig glich dieses Wiedersehen dem vorigen! Herminie erbebte, sichtbar erschrocken über Adelberts Anblick; sie wollte sich überwinden, man sah deutlich, wie sie sich deshalb Gewalt antat, aber sie vermochte es doch nicht, den Entstellten anders als mit heissen Tränen, mit bittern Klagen über dieses Geschick zu empfangen, und keine Sylbe verriet ein frohes Gefühl über sein wunderbar gerettetes Leben. Auch Adelbert fand Herminien verändert. Zwar stand sie im sorgsam gewählten schimmernden Putz fast reizender noch vor ihm, als da er sie verliess, aber ihre Erscheinung hatte etwas fremdartiges, etwas teatralisches angenommen, wovon bei dem einfachen Landmädchen sonst keine Spur zu finden gewesen war, und Tanzmeister-Künste suchten die Stelle der natürlichen, alle Herzen gewinnenden Anmut zu ersetzen, welche ehedem jede ihrer Bewegungen begleitet hatte.
Adelbert ward tief betrübt über diese, in so kurzer Zeit aus dem Geräusch des Stadtlebens hervorgegangnen Verwandlung der Vielgeliebten, aber er blieb doch noch immer ihr eigen, und tröstete sich mit schönen Hoffnungen von der Zukunft. "Gewiss sie kehrt zurück, gewiss sie wird wieder, was sie war, wenn wir erst dem Gewühl glücklich entgangen sind, welches jetzt durch seine Neuheit sie betäubt." Mit diesen Worten suchte er oft sich und seinen Oheim zufrieden zu sprechen. Plötzlich aber zerstörte Herminiens Mutter jede Hoffnung, indem sie mit der Erklärung hervortrat, dass ihre Pflicht ihr nicht erlaube, die junge schöne Herminie für ihre ganze Lebenszeit zur Krankenwärterin auf einem dorf zu verurteilen, dass Herminie selbst ihre Kraft einem solchen Opfer nicht gewachsen fühle, und dass sie deshalb sich gezwungen sähe, das früher unter günstigern Aussichten gegebne Versprechen zurückzunehmen. Adelbert verlor bei dieser Erklärung alle Besinnung, aber der General bestand darauf, sie von Herminien selbst bekräftigen zu hören, und als diess, obgleich unter Tränenströmen und mit vielen schönen Worten, dennoch wirklich geschah, da blieb dem edlen Greise nichts weiter übrig, als seinen unglücklichen Adelbert an seine väterliche Brust zu nehmen und mit ihm hinaus zu fahren in die Welt. Wenige Wochen darauf kam die Nachricht, dass Herminie einem der Angesehensten aus Napoleons Gefolge ihre Hand gegeben habe, und sich mit ihm auf dem Wege nach Paris befinde. Nicht in so zusammengedrängter Kürze, sondern in wechselndem Gespräch, belebt durch mehrere Nebenumstände, die hier wegbleiben mussten, hatte Adelbert die geschichte seiner Leiden Gabrielen anvertraut. Vertieft in klagender und tröstender Rede und Gegenrede, mochten beide wohl lange neben einander gesessen haben, ohne den blick ins Freie zu wenden, als ein heftiger Donnerschlag sie plötzlich aufschreckte. Ein schweres Gewitter war mit der in Gebirgen nicht ungewöhnlichen Schnelle, von ihnen unbemerkt, heraufgezogen, und entlud sich jetzt gerade über ihren Häuptern in schmetternden Donnerschlägen, in unzähligen, einander durchkreuzenden, gelben, zischenden Blitzen. Heulender Sturm durchtosete die Wipfel der Bäume, laut krachte der Fall einzelner Tannen durch den Wiederhall des Donners, bis endlich, gleich einem Wolkenbruch, mit wildem Brausen herabströmender Regen den allgemeinen lauten Aufruhr der natur allmählich beschwichtigte.
"Und unsre Freunde oben auf dem Gipfel des unwirtbaren berges, ohne alles Obdach, dem Zorn der Elemente ausgesetzt!" rief klagend Gabriele. "Gewiss sind sie längst im Schutz einer Bauerhütte am fuss des berges," erwiderte tröstend Adelbert, "das Gewitter konnte sie auf der Höhe, auf welcher sie sich befanden, nicht so hinterrücks überschleichen als uns. In der Tat," setzte er nach einem blick auf seine Uhr etwas verlegen hinzu – "in der Tat, obgleich ich die Möglichkeit davon nicht begreife, aber ich muss glauben, dass alle längst zu haus angelangt sind und nun um uns in der grössten sorge schweben, denn die Mittagsstunde ist eigentlich schon lange vorüber. Die engelgleiche Güte, mit der Sie, mein fräulein! einem Unglücklichen den Trost freundlicher Teilnahme gewährten, hat uns die Stunde vergessen lassen. Wir sind viel länger hier geblieben, als wir es dachten oder eigentlich sollten."
Gabriele blickte ängstlich hinaus ins Freie, der Regen strömte zwar minder heftig, aber um so eindringender, Wege und Fusspfade glichen rieselnden Bächen. Sie sprach kein Wort, aber Adelbert bemerkte nur zu deutlich, wie der Gedanke an Frau von Willnangen und Augusten sie mit banger sorge erfüllte. "Was fangen wir nun an?" seufzte sie endlich mit einem blick auf ihre seidnen Schuhe. "Der Arzt hat mich besonders vor aller Erkältung gewarnt." "Ach! wie fröhlich, wie leicht, liebes fräulein! hätte ich Sie ehemals auf meinen Armen hinunter getragen!" rief Adelbert, und blickte traurig und finster auf seine Krücke. "Jetzt, ich muss es Ihnen leider gestehen, jetzt könnte ich Sie auf diesen schlüpfrig gewordnen Pfaden, ohne eine festere Stütze als diese, nicht einmal hinunter begleiten, selbst wenn der Regen nachliesse. Hätte ich es ahnen können, dass ich noch heute die erste Stunde des Trostes, seit ich alles verlor, so bitter bereuen würde! Aber so will es das jammervolle los, das mir zu teil ward," setzte er im finstersten Unmut hinzu.
"Briccone maledetto! Verwünschter Taschenspieler! Damn'