Leben zu rüsten, sich Eigenschaften zu erwerben, die ihn einst berechtigen könnten, nach dem Preise zu streben, der in rosiger Glorie vor ihm stand. Auch lockte ihn, den in der Einsamkeit erzognen Jüngling, die ferne bunte Welt mit alle dem magischen Reiz, durch welchen sie jeden Unerfahrnen blendet, und so bestieg er, ziemlich gefasst, den Reisewagen, der ihn nach einer entfernten Universität führen sollte, während Herminie in wildem Schmerz zu vergehen glaubte. Ein Briefwechsel mit dem Geliebten, zu welchem Eltern und Oheim, nach der feierlichen Verlobung des jungen Paars, ihre Einwilligung gegeben hatten, blieb ihr einziger Trost.
So vergingen drei Jahre. Adelbert verlebte sie unter Arbeit, sehnsucht und Hoffnung. Herminiens Andenken hielt ihn hoch über den Strudel wüster Verwilderung, in welchem viele seiner jugendlichen Genossen neben ihm versanken. Herminiens Briefe zu beantworten, sein ganzes Herz ihr offen darzulegen, war die höchste Wonne seines Lebens. Er fühlte ganz den hohen Zauber, mit der diese Art, uns das Geliebte zu vergegenwärtigen, zuweilen sogar das Glück der wirklichen Gegenwart besiegt. Auge in Auge, macht die Lippen verstummen, aber in der einsamen Beschäftigung mit einem geliebten Wesen reihen sich die Worte zum Ausdruck unsrer innigsten Gefühle von selbst an einander, und wir vermögen zu schreiben, was wir nimmermehr sagen könnten.
Dennoch nannte Herminie Adelberts Briefe oft kalt und liebeleer, und obgleich sie von allem, was ihn nur auf die entfernteste Weise berührte, unterrichtet zu werden verlangte, so konnte sie doch auch oft darüber zürnen, dass er fähig wäre, irgend etwas anders zu erwähnen als seine Liebe. "Du kannst Mannigfaltigkeit in deine Briefe bringen," schrieb sie ihm, "du bist ein Mann, du lebst in der Welt. Ich Einsame lebe nur in dir, ich kann nichts denken als dich, darum vergieb, wenn ich langweilig dir nur von dir schreibe; du bist ja meine Welt, von der ich jetzt nur träumen darf."
Endlich war der Zeitpunkt ganz nahe, in welchem Adelbert zu seinem Oheim zurückkehren sollte, um wenige Wochen später mit Herminien auf ewig vereint zu werden. Mit kaum zu mässigender Ungeduld sah er dem unfernen Tage seiner Abreise von der Universität entgegen, als ganz unerwartet ein vom General abgesandter Eilbote erschien, mit dem Auftrage, ihn zur möglichsten Beschleunigung seiner Rückkehr in die Heimat zu mahnen. Dieser an sich höchst willkommne Befehl seines Oheims überraschte dennoch Adelberten, besonders da der in höchster Eil abgesandte Bote ihn durchaus nichts näheres darüber zu sagen wusste. Adelbert eilte rastlos Tag und Nacht, bis er das Schloss seines Oheims erreichte. Dort fand er den edlen Greis gerüstet, um in den Kampf gegen die Feinde zu ziehen, deren Horden damals aufs neue unser Vaterland zerstörend zu überschwemmen drohten. Ob Adelbert ihn auf diesem zug begleiten würde, blieb nicht die Frage eines einzigen Augenblicks; der General hatte schon alles dazu vorbereitet, der nächste Morgen war zur Abreise bestimmt, und beiden Liebenden blieb nur dieser einzige Abend zum Wiedersehn und zum Scheiden.
Schweigend betrachteten sie einander in der Stunde des Wiedersehns. Mit süssem Erröten schlug Herminie die langen seidnen Augenwimpern nieder vor den liebeglühenden Blicken des hoch und schön vor ihr stehenden, zum Mann heranblühenden Jünglings, während dieser, verloren in Entzücken, den unbegreiflichen Zauber anstaunte, welchen drei kurze Jahre hier geübt hatten. Die Stunde der Trennung schlug unter den heiligsten Schwüren ewiger Liebe in Not und Tod. Bewusstlos sank Herminie aus Adelberts Armen in die ihrer Mutter, während er die glänzenden Augen seitwärts wendete, indem er sein Ross bestieg, damit keiner der alten Krieger, die mit ihm und seinem Oheim auszogen, die still über seine Wange hinrollende Träne gewahren möge.
Von neuem begann der Briefwechsel der Liebenden. Herminie lebte nur mit der Feder in der Hand, Adelbert verwandte für sie jede freie Minute, bis die immer steigenden Unruhen des Krieges alle Möglichkeit einer freien Mitteilung vernichteten. Unglück häufte sich auf Unglück, Jammer auf Jammer.
Nach der Schlacht bei E..... blieb Adelbert unter den toten liegen, und ward nur durch ein halbes Wunder vom lebendig Begrabenwerden gerettet. Als Kriegsgefangner wurde er in ein Hospital gebracht. Seine Jugendkraft liess ihn die Behandlung der französischen Wundärzte überleben. Nach abgeschlossnem Frieden erschien sein Oheim selbst, ihn abzuholen. Traurig wandten sich beide der Heimat zu, aber die Hoffnung, Herminien dort zu finden, glänzte wie ein heller Stern dem alten wie dem jungen Krieger durch die dunkle Nacht der Trauer, die jede andre Hoffnung ihnen verhüllte. "Herminiens sanfte Hand wird unsre Wunden heilen, sie wird künftig dich führen, dich stützen, armer Adelbert," sprach der General, wenn er den Gelähmten sich mühsam an Krücken fortelfen sah. "Jetzt in einer Stunde sehen wir sie wieder," sprach er endlich.
Aber sie fanden sie nicht. Ihr Schloss war öde und leer, ihre Eltern waren mit ihr, aus Furcht vor den auf dem flachen land sich immer weiter verbreitenden Unruhen des Krieges, in eine ziemlich entfernte Residenz gezogen, man wusste nicht, ob und wenn sie wiederkehren würden.
Nach wenigen, der notwendigen Erholung vergönnten Stunden, sassen Adelbert und der General wieder im Wagen auf dem Wege zu ihr. Kein Zweifel an Herminiens Treue kam in ihnen auf. Adelbert dachte nur ihre Freude, ihn lebend wieder zu sehen. Dass der Arm, den er noch in der Binde trug, der gelähmte Fuss, das bleiche Gesicht, die nach