jüngere teil dieser Familie so liebenswürdig, dass sie um seinetwillen manches ihr minder Angenehme gern übersehen mochte.
Nicht ohne Wohlgefallen hatte sie das Aufkeimen einer Neigung Leos von Wallburg zu ihrer Tochter bemerkt, deren Erwiederung von Augustens Seite ihr durchaus nicht unerwünscht gekommen wäre. Leo zeichnete sich in der Tat auf eine vorteilhafte Weise vor andern jungen Männern aus. Mit einem sehr gebildeten Geist und einem angenehmen Aeussern verband er die schätzenswertesten Eigenschaften des Gemüts, die sich auf das Unverkennbarste bei jeder gelegenheit, besonders aber im Umgang mit den Seinen äusserten. Und so war es wohl sehr verzeihlich, wenn Frau von Willnangen sich bisweilen süssen, allmählich zu Wünschen und Hoffnungen ausartenden Träumen vom künftigen Glück ihrer Tochter überliess, besonders da der einstigen Erfüllung derselben sich auch im Aeussern nichts entgegen zu stellen schien. Dennoch hütete sie sich wohl, mit Augusten darüber zu sprechen, sie liess das Herz ihrer Tochter ungestört seinen stillen gang gehen; der Reue Schmerzen, die sie noch immer bei Gabrielens Anblick empfand, lehrten sie jetzt Vorsicht üben, da es vielleicht der ganzen Zukunft ihres geliebten einzigen Kindes galt.
Das vom Baron Wallburg über die Bade-Bekanntschaften ausgesprochene Urteil wäre vielleicht von ihr unbeachtet geblieben, hätte es sie nicht plötzlich an ein Gespräch erinnert, welches sie mit dem General auf einem einsamen Spaziergange am nehmlichen Morgen gehalten hatte. Er, der immer offen zu Werke zu gehen gewohnt war, hatte mit einer höchst auffallenden Absichtlichkeit die gelegenheit gesucht, vom Baron Wallburg und dessen Gemahlin zu sprechen. Beide wurden zwar als sehr vorzüglich in jeder Hinsicht von ihm gepriesen, dabei aber zu wiederholten Malen und fast warnend des Ahnenstolzes erwähnt, der in ihrem Vaterland überall mehr als in irgend einem andern Teile Deutschlands vorherrsche. Auch dieses sonst so liberal gesinnte Paar sollte, nach des Generals Versicherung, in dieser Hinsicht mit unüberwindlichen Vorurteilen erfüllt sein; nur feine Sitte verhindre es, diese auch im gewöhnlichen Leben laut werden zu lassen.
Die Dazwischenkunft des baron selbst und die übrigen Zerstreuungen des Tages hatten Frau von Willnangen abgehalten, dieses Gespräch mit dem Ernst zu würdigen, zu welchem es augenscheinlich des Generals Absicht war, sie zu stimmen. Jetzt aber stand jedes Wort desselben plötzlich wieder vor ihrem Geist, und dabei fiel der Gedanke ihr mit Zentnerschwere auf das Herz, dass Augustens Stammbaum wirklich nicht von der Art sei, um vor strengen Richtern als gültig zu bestehen. Ihr Vater war der Sohn eines sehr angesehenen aber bürgerlichen Hauses, seinen später erworbnen Adel verdankte er nur seinen Verdiensten und dem Range, den er bekleidete. Die lange Reihe von Ahnen, welche Frau v. Willnangen als eine geborne Rosenberg zählte, vermochte es leider nicht, die ihm fehlenden zu ersetzen.
Frau von Willnangen fühlte sich bei ihrer Zuhausekunft von diesen Gedanken so verstimmt, dass sie es ausschlug, noch, wie sonst gewöhnlich, ein paar Stunden bei der Gesellschaft zu bleiben, und sich vielmehr mit den Ihrigen in ihr Zimmer zurückzog. Diese Verstimmung teilte sich auch den Uebrigen mit, alle vereinzelten sich, und der Abend nach diesem so fröhlich begonnenen Nachmittag, der eine allgemeine Geselligkeit einzuführen bestimmt schien, war der erste, an dem jedermann sich bestmöglichst zu isoliren strebte. Ein wunderschöner, wenn gleich schwüler Morgen folgte diesem Abend. Die ganze, durch das Hinzutreten mehrerer entfernteren Bekannten sehr vergrösserte Gesellschaft beschloss deshalb, einen längst entworfnen Plan auszuführen. Das Frühstück sollte auf dem höchsten der über dem schönen Tal tronenden Berge eingenommen werden, neben den drei Kreuzen, die dessen Gipfel bezeichnen. Auch Frau von Willnangen hatte sich mit ihrer Tochter von dem allgemeinen Vergnügen nicht ausschliessen mögen. Ernesto mit der fröhlichen Luzie waren als Heerführer an die Spitze der kleinen Schaar gestellt, die singend und jubelnd vom Brunnen weg durch den blinkenden Morgentau hinzog. Allwill hatte einen eignen Rundgesang für diese Wallfahrt gedichtet, der Kapellmeister erfand auf der Stelle eine Melodie dazu, diess erhöhte die laute Freude, mit der alle sich auf den Weg machten.
Nur Adelbert und Gabriele blieben einsam zurück. Mit seinem gelähmten Fuss konnte ersterer gar nicht daran denken, eine solche Wanderung zu unternehmen, und Gabriele durfte es auch noch nicht wagen, sich der Ermüdung eines so weiten Spazierganges auszusetzen. Nach dem Scheiden der fröhlichen Gesellschaft begleitete Adelbert Gabrielen schweigend und langsam zu haus, aber der Morgen war zu schön, um ihn ganz ungenossen vergehen zu lassen, und so wandten sie sich daher bald den lieblichen Schattengängen zu, die das anmutige Tal von allen Seiten bekränzen.
Nie zuvor hatten beide gelegenheit gehabt, so ganz allein mit einander zu sein. Adelbert fühlte sich zwar vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an durch die stille sanfte Schwermut zu ihr hingezogen, die wie ein Schleier über Gabrielens ganzes Wesen sich verbreitete, und der milde Strahl ihres schönen dunkeln Auges war oft wie ein erwärmendes Licht in seine wunde Brust gedrungen, aber die reine Güte ihres Gemüts und selbst ihre hohe geistige Bildung konnten ihm dennoch nie zuvor, wie jetzt im ungestörten Gespräch mit ihr, in dieser klarheit sichtbar werden. Auch hatte sie sich ihm noch nie so unaussprechlich freundlich und vertrauend gezeigt.
Beide waren heute durch ähnliche Leiden von der allgemeinen Freude ausgeschlossen geblieben, und Gabriele fühlte sich dadurch Adelberten gewissermaassen schwesterlich verwandt. Sie neigte sich deshalb zu ihm und sprach mit ihm, wie eine liebende Schwester mit ihrem kranken leidenden Bruder sprechen könnte. Ein wahrhaft und tief verwundetes Gemüt erkennt das andre ohne Worte, daher wusste Gabriele recht wohl, dass Adelbert freundlicher Teilnahme weit bedürftiger sei, als es selbst seine