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sie dennoch den rechten Weg, alle zufrieden zu stellen. In jedem bedeutenden Brunnenort wählen die Badegäste einen Zeremonienmeister, dessen Anordnungen jeder gern Folge leistet, und der um einen anständigen Ehrensold für die gesellige Unterhaltung Aller, wie jedes Einzelnen, unermüdlich besorgt ist. So darf dort niemand über Vernachlässigung oder Langeweile klagen, der diess nicht selbst durch sein Betragen verschuldet."

"dachte' ichs doch, dass die grosse Erfindung auf etwas Fabrikmässiges hinaus laufen würde," sprach Baron Wallburg, "denn hoffentlich hat dieser Zeremonienmeister auch Gehülfen, die ihm vorarbeiten, und der Fremde, der amüsirt werden soll, geht dabei aus einer Hand in die andre, wie ein englischer Knopf."

"Haben sie nicht auch aus Holz und Stahl vortrefflich gearbeitete Herrn und Damen, die eingeschoben werden, wenn es an lebendigen Tänzern fehlt?" fragte Ernesto.

Die idee solcher unermüdlichen Tänzer erweckte grosses Vergnügen bei dem jüngern teil der Gesellschaft. Vor allem äusserte die kleine Luzie den sehnlichen Wunsch, dass auf dem nächsten Ball deren ein halbes Dutzend, wo möglich in Husarenuniform, erscheinen möchten. Dann, meinte sie, käme auch wohl einmal die Reihe an sie, mit so einem hölzernen Husaren zu tanzen, denn die grossen Mädchen nähmen ihr die lebendigen Tänzer alle weg.

"Auch ich kenne die Badekönige, denn so pflegt man in England sie zu nennen," nahm endlich der Kapellmeister das Wort, "und ich habe mich während meines vieljährigen Aufentalts in jenem land zu wohl unter ihrem sanften Scepter befunden, als dass ich mich nicht laut für sie erklären sollte. Aus Reisebeschreibungen ist zwar jedermann von den Statuten ihres Reichs unterrichtet, aber den ganzen wohltätigen Einfluss derselben auf das Badeleben kann nur der ermessen, der wie ich einst zu ihren Untertanen gezählt ward."

Noch vieles sprach man, bald lobend, bald tadelnd über diese englische Einrichtung, deren Einzelheiten selbst dabei sehr umständlich zur Sprache kamen. "Leo hatte in der Tat Recht," entschied endlich der General, "und ich wünsche herzlich, recht bald solche Könige auf deutschem Grund und Boden zu begrüssen. Ernestos fromme Wünsche können wahrscheinlich nur durch ihre Einführung bei uns in Erfüllung gehen, aber ich fürchte aus mancherlei Gründen, dass sich unendliche Schwierigkeiten ihr entgegen stellen würden. Indessen käme es auf einen Versuch an, und wäre die Brunnenzeit nicht ihrem Ende so nahe, so möchte ich sie wohl, wenigstens als Probestück, auf einige Wochen in Vorschlag bringen, obgleich ich nicht weiss, wo ich sogleich einen würdigen Kandidaten zu diesem sehr schweren Posten finden würde." "Ein Mann von stand könnte sich doch unmöglich dazu entschliessen," meinte Frau von Wallburg. "Und warum denn nicht? meine gnädige Frau!" erwiderte ihr schnell Ernesto. "Ich halte die Stelle eines solchen Königs für recht ehrenvoll, und um so mehr, da nicht gemeine Eigenschaften dazu gehören, sie mit Würde zu bekleiden." "Glauben Sie vielleicht, dass die Stelle eines Banquiers am Pharao-Tische, die so mancher Sprössling eines sehr edlen Stammes ausfüllt, für ehrenvoller gelten dürfe?" setzte der General lächelnd hinzu.

Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne mahnten jetzt die Gesellschaft zum Aufbruch, doch traf man noch vorher die Verabredung, es an einem der nächsten Abende zu versuchen, ob nicht der grössere teil der in Karlsbad gegenwärtigen Fremden zu einer zahlreicheren Versammlung in einem der Säle zu veranlassen sei, um so vielleicht den Grund zu künftiger allgemeinerer Geselligkeit zu legen. Niemand wandte gegen diesen Plan etwas ein, ausser Frau von Wallburg. "Ich weiss nicht," sprach sie, "warum wir uns um die Uebrigen, die sich um uns nicht bekümmern, so viel Mühe geben wollen, da wir ihrer doch nicht bedürfen, um uns recht wohl zu befinden. Unser Zirkel genügt uns, er ist gross genug, um uns zu amüsiren, und wir werden uns da eine Menge Bekanntschaften aufladen, unter denen sich gewiss Leute befinden, die gar nicht zu uns passen, und die uns in Zukunft vielleicht recht lästig und beschwerlich in unserm eignen haus werden können."

Herr von Wallburg tröstete indessen seine Frau mit der Versicherung, dass Badebekanntschaften sich nie über die wenigen Wochen hinaus erstrecken dürfen, die man mit einander verlebt, und dass es anerkannt herkömmlich sei, auch die genausten dieser Art in seiner Heimat zu ignoriren, sobald man nicht durch eigne Beweggründe sich veranlasst finde sie fortzusetzen; und so wanderte sie beruhigt mit der übrigen Gesellschaft ihrer wohnung zu.

Die letzten, auf eine eigne, gleichsam etwas bezeichnen sollende Weise betonten Worte des Baron Wallburg machten indessen auf Frau von Willnangen einen nichts weniger als angenehmen Eindruck. Sie hörte sie mit dem prophezeienden Vorgefühl, mit welchem der kundige Schiffer bei sonst heiterem Himmel das kleine dunkle Wölkchen am fernsten Horizonte erblickt, welches ihm den nahenden Orkan verkündigt. Ueberhaupt wohnt in vielen Frauen ein Vorahnen dessen, was sie von denen, welchen sie auf ihrem Lebenspfade begegnen, zu erwarten haben, sei es Freude, sei es Schmerz. Liebe oder Feindseligkeit, sie empfinden beide lange im Voraus, ehe sich noch die person ihrer bewusst wird, in deren Brust diese Empfindungen später erwachen. Von diesem wunderbaren Gefühl geleitet, würde Frau von Willnangen den Umgang mit dem Baron Wallburg und seiner Frau vielleicht gänzlich vermieden haben, aber sie hielt es für unbillig und töricht, auf eine Ahnung zu achten, für welche sich durchaus kein vernünftiger Grund erdenken liess, und überdem erschien ihr der