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spottend nannten, mit Vorwürfen über seinen Wankelmut, der ihn verleite, sich nach andrer Gesellschaft zu sehnen, und die kleine zwölfjährige Luzie Wallburg sprang gar von der Stelle neben ihm auf, wo sie als seine erklärte Geliebte gewöhnlich zu sitzen pflegte, indem sie versicherte, von einem so ungetreuen Liebhaber wollte sie nichts weiter wissen.

Friede und Ruhe wurden indessen bald wieder hergestellt, und Frau von Willnangen nahm den Faden des Gesprächs wieder auf, indem sie Karlsbad gegen Ernestos Tadel verteidigte. "Kommen Sie nur nach Töplitz, Wiesbaden oder überall hin," sprach sie, "wo nur gebadet wird und nicht getrunken. Dort, wo Morgens kein Brunnen gelegenheit zum Bekanntschaftenmachen bietet, dort mag es Ihnen allenfalls erlaubt sein, über Isolirung der Einzelnen und alle die tausend Schwierigkeiten zu klagen, die sich jeder nur einigermaassen allgemeineren Geselligkeit entgegenstellen."

"Damit, dass es anderswo noch ärger ist, wird aber dem nicht abgeholfen, was ich hier als mangelhaft schelte," erwiderte Ernesto. "Ich bleibe dabei, dass der grösste teil der Brunnengäste sich in Karlsbad noch immer mehr langweilt, als recht und billig ist, oder selbst bei einem solchen Zusammenfluss von Leuten möglich sein sollte, die alle nichts zu tun haben, als sich zu belustigen."

"Ich muss hier auf Ernestos Seite treten," nahm der Kapellmeister Wollmer das Wort. "Blicken Sie nur um sich her, die Sonne beginnt zu sinken, längstens in einer Stunde verweiset der ärzte strenges Gebot uns alle aus der Abendluft unter Dach und Fach, und dennoch werden dann noch vor Schlafengehen ein paar Abendstündchen übrig bleiben, die wohl jedermann gern auf angenehme Weise in Gesellschaft zubrächte. Sehen sie indessen nur, wie sich schon alles vereinzelt und nach seiner vielleicht ziemlich unbequemen wohnung hinzieht, während beide Säle leer bleiben, in denen man sich doch recht bequem noch zum erheiternden Gespräch versammeln könnte."

Leo von Wallburg meinte, wenigstens der Bälle lobend erwähnen zu dürfen, die zweimal die Woche einen allgemeinen Vereinigungspunkt bieten, ward aber von Ernesto schnell unterbrochen. "Geht mir," sprach dieser, "mit euren Bällen, auf welchen niemand tanzt, als wer seine Mittänzer gleich mitbringt. Diese beweisen gerade, wie sehr der Kotterie-Geist hier herrschend ist. Tanzte wohl am verwichnen Sonntag im sächsischen Saal noch irgend eine Seele ausser den verwünscht hübschen Polinnen? und auch sie nur mit den Herren, welche sie auf den Ball geführt hatten. Freilich schweben diese Sarmatinnen wie Grazien einher; aber ringsum an den Wänden des Saals sassen auch deutsche und andre Grazien die Menge in langen Reihen da, ohne dass es einem von den vielen jungen Herren eingefallen wäre, sie zum Tanz aufzufordern.

"eigentlich," nahm der General wieder das Wort, "eigentlich fehlt es uns hier nur an jemanden, der Aufopferung, Geschicklichkeit und Ansehen genug besässe, um sich an die Spitze aller übrigen stellen zu können, und nicht nur bei Festen und Bällen, sondern überall als Wirt die Honneurs zu machen. Ohne einen solchen Mittelpunkt gedeiht bei uns keine Geselligkeit. Wir Deutsche sind nun einmal bei solchen Gelegenheiten nicht sowohl träge als unbehülflich. Genau wie die Kinder, die wenn sie zum erstenmal zusammen kommen, um mit einander zu spielen, lange verschämt dastehen, einander kaum ansehen, und dabei tun, als läge ihnen im mindesten nichts am Spiel, während sie sich vor innerlicher Ungeduld darnach nicht zu lassen wissen. Da muss durchaus jemand eintreten, der jedem zeigt, was es zu tun hat, um sich zu belustigen, und alle mit linder Gewalt an einander treibt, sonst bleibt jeder für sich und ärgert sich dabei über den Nachbar, der nicht den ersten Schritt tun will."

"Tun Sie diesen ersten Schritt und machen Sie der allgemeinen Not ein Ende, lieber Herr General," sprach lächelnd Frau von Willnangen; "in jeder Hinsicht eignet sich niemand zu unserm Anführer besser als Sie, und ich bin im voraus überzeugt, dass jedermann diess dankbar anerkennen wird."

Der General verbeugte sich und fuhr fort zu reden. "In jüngern Jahren habe ich oft aus eignem Antrieb es versucht, den Ehrenposten zu bekleiden, den Sie, meine gütige Freundin! mir jetzt wieder zuteilen möchten, dem ich mich aber um keinen Preis wieder unterziehen würde. In Bädern, in Garnisonen oder wo sonst der Zufall eine ungewohnte Zahl Menschen aus den Ständen zusammenführt, welchen geselliges Vergnügen Bedürfniss ist, bin ich oft von eigner Lebenslust verleitet worden, mich zum maitre des plaisirs aufzuwerfen, aber lag es an meiner Ungeschicklichkeit oder an etwas anderm, ich weiss nur, es ist mir jedesmal so schlecht bekommen, dass ich noch jetzt nicht ohne Aerger daran denken kann.

"In der Tat," sprach Baron Wallburg, "das Amt eines Zeremonien- oder wenn sie wollen, VergnügenMeisters ist eines der anerkannt mühseligsten und unbelohnendsten, am hof wie in der Stadt, vor allem aber in einer Republik, wie doch jeder Brunnenort eine ist, und ich begreife nicht, wie man anders, als durch den Drang der Umstände dazu gezwungen, sich ihm unterziehen mag."

"Sollten Sie mich auch wieder der Anglomanie beschuldigen, lieber Vater!" sprach Leo, "ich muss hier doch bemerken, dass das Talent der Britten, überall das komfortabelste zu erfinden, sich auch in dem vorliegenden Fall bewährt. Bei ihrer, jeder geselligen Verbindung mit Unbekannten noch weit mehr, als wir Deutschen, widerstrebenden Nation trafen