zu erwarten und nochmals mit Bewunderung und Dank zu überschütten. Gabriele blieb mit ihrem Begleiter beinah allein in dem dämmernden Saal, und er benutzte diese Pause, um sich ihr als einen Maler zu erkennen zu geben, dessen bedeutender Name im neuern Gebiet der Kunst ihr schon rühmlichst bekannt war. Signor Ernesto hatte man ihn der Landessitte gemäss in Italien genannt, wo jeder Zuname dem Taufnamen weichen muss, und diese Benennung blieb ihm auch in der Gesellschaft, seitdem er vor kurzem nach einem, viele Jahre langen Aufentalt in Rom, wieder in sein deutsches Vaterland zurückkehrte.
"Ich war gestern bei Ihrer Ankunft zugegen, mein teures fräulein," sprach Ernesto weiter zu Gabrielen, "ich erkannte in Ihnen beim ersten blick das Ebenbild Ihrer Mutter; so wie Sie jetzt vor mir stehen, so sah ich sie einst in Rom, jugendlich blühend, mit glänzendem Auge vor den hohen Wundern der unsterblichen Kunst. Mir ward das seltene Glück, ihr Begleiter auf ihren Wanderungen durch die Königin der Städte, ihr erster Lehrer in der bildenden Kunst zu sein; ich werde auch Ihr Lehrer, Gabriele, ich habe mich schon gestern bei der Gräfin dazu erboten, sobald ich den Zweck Ihres hiesigen Aufentaltes vernahm. Schlagen Sie es mir nicht ab, Sie brauchen einen väterlichen Freund zu Schutz und Rat, der will ich Ihnen werden, und ich kann es nur, wenn der Unterricht im Zeichnen mir gelegenheit verschafft, Sie täglich ohne äussre Störung zu sehen. Mir ist bei Ihrem Anblick," fuhr er fort, weil Gabriele schweigend ihm zuhörte, "mir ist, als hätte ich in Ihnen eine geliebte Tochter gefunden, als wäre der schöne Frühling meines Lebens zurückgekehrt, als stünde Auguste und mit ihr Roms alte Herrlichkeit wieder vor meinem frischen jugendlichen Sinn. Und darum will ich auch väterlich um Sie sorgen, Sie leiten auf dem unbekannten, gefährlichen Pfade in der Ihnen so fremden Welt, wenn Sie mich nicht zurückweisen."
Ernesto hätte noch lange fortsprechen können, ohne dass er von ihr unterbrochen worden wäre, sie vermochte sogar kaum, ihm zu antworten, aber ihr beredtes Auge sagte ihm alles, was in ihrem tiefbewegten Gemüte vorging. Nicht mehr allein und verlassen, hatte sie jetzt einen Freund ihrer Mutter zur Seite, der auch ihr wie ein Bekannter aus früheren Tagen erschien. Mit Entzücken fühlte sie diess, und alles, was sie umgab, zeigte sich ihr in einem neuen, schönern Licht, die Tante, Aurelia, die ganze Gesellschaft, zu der sie jetzt, von Ernesto begleitet, wie ein fröhliches Kind an der Hand seines Vaters zurückkehrte.
Die Gräfin und Aurelia standen mitten in einem dichten Kreise von Bewunderern, die sie mit den ausschweifendsten Lobsprüchen überströmten. Nur mühsam gelang es Gabrielen, bis zu ihnen sich durchzuwinden, und ihr Staunen beim Anblick der rosig blühenden, Freude strahlenden Tante war fast noch grösser als gestern. Die Gräfin benutzte die gelegenheit, ihre Nichte vielen der eben anwesenden Damen vorzustellen, eine Ceremonie, welche noch vor einer Stunde Gabrielen sehr verlegen gemacht hätte, über die sie aber jetzt, durch Ernestos Gegenwart ermutigt, mit grosser Fassung und leidlichem Anstande hinauskam. Die Reihe traf endlich auch die Dame, welche vorhin, während der Abwesenheit der Gräfin, die Stelle derselben beim Empfange der Gesellschaft vertreten hatte, und deren Aehnlichkeit mit ihrer Mutter Gabrielen jetzt, da sie sie in der Nähe sah, mit einer unendlichen Wehmut erfüllte. Die Gräfin Rosenberg nannte sie Frau von Willnangen, eine nahe Verwandte ihres verstorbenen Gemahls. Gabriele erstarrte beinah, als sie diesen Namen hier hörte, den ihre Mutter ihr nur in Stunden des engsten Vertrauens als den Namen ihres verlornen Jugendfreundes genannt hatte. Aengstlich suchte sie wieder, in Ernestos Nähe zu gelangen, um von ihm zu erfragen, in welchem verhältnis diese Frau mit Ferdinand von Willnangen gestanden haben mochte, den er gewiss auch gekannt hatte, aber ein Chor von Damen hielt ihn umlagert und machte es ihr unmöglich.
Ein Konzert begann jetzt, die letzte Stunde vor der Abendtafel auszufüllen, nach welcher ein Ball die Freuden des Tages beschliessen sollte. Die rauschende Symphonie hatte vorhin Gabrielen auf mächtigen Wogen in eine andere Welt versetzt; jetzt versenkte ein Quartett, von Meistern meisterhaft durchgeführt, sie ganz in sich selbst, die Töne verstummten endlich, aber sie hallten noch in ihrem inneren wieder, und sie sass da, ihnen lauschend, als sie plötzlich von neuem sich erhoben und eine einzige stimme, voller, reiner als alle, sie übertönte. Gabriele blickte auf und sah Ottokar neben Aurelien am Pianoforte stehen. Beide sangen mit einander ein italienisches Duett, voll sehnsucht und Liebe. Gabriele kannte es, sie hatte es einigemal mit ihrer Mutter gesungen, in ihrem inneren sang sie auch jetzt es mit, und ihr ganzes Wesen verschwebte im süssesten Verein mit Ottokars Tönen. Die Verzierungen und Manieren, welche nach der neueren Weise Aurelie der einfachen Melodie anhängte, schienen Gabrielen ein fast frevelhaft störendes Beginnen, obgleich sie ihre Kunst, so wie ihre sehr schöne stimme, bewundern musste. Ihr Leben hätte sie in der Minute freudig hingegeben, um an Aureliens Stelle so neben Ottokar zu stehen, und doch fühlte sie in der nächsten, wie unmöglich es ihr sein würde, nur einen Ton hervorzubringen.
"Leidvoll und freudvoll" eilte Gabriele gleich nach dem Konzert hinauf in ihr stilles Zimmer, zu welchem später, wie aus weiter Ferne, die frohe Tanzmusik herüber tönte. Ihr Herz war übervoll von allen Ereignissen dieses