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es dem Gemüte die Kraft entzieht für den Ernst des Lebens in später kommenden Jahren. Die Tränen jener nie wiederkehrenden Frühlingszeit gleichen den Tau-Tropfen auf der Rosenknospe, sie verhauchen in süssen Düften, so lange der Morgen frisch atmet, aber wenn die glühenden Strahlen der Mittagssonne sie noch finden, so brennen sie sie ätzend zu unzerstörbaren Flecken ein; die entstellten, früh welkenden Blätter bleiben geschlossen und vermögen es nie, sich in der ihnen von der natur bestimmten Herrlichkeit zu entfalten.

Uebrigens wusste Ernesto auch, dass der Frauen Herz ewig jung bleibt, wenn gleich ihre Locken unter der Hand der Zeit erbleichen; dass sie immer geneigt bleiben, mit ihren jüngern Freundinnen sich aufs neue den Wonnen und Schmerzen hinzugeben, welche einst auch ihren Frühling erhellten und trübten, und die der Machtspruch des spätern Alters nur entschlummern hiess, aber nicht vernichten konnte. Deshalb fürchtete er Frau von Willnangens zu weiche Teilnahme für Gabrielen, jetzt da diese an dem ihre ganze Zukunft bestimmenden Wendepunkt ihres Lebens stand, und achtete es für Pflicht, in ihrer Nähe zu bleiben, um sie mit starker väterlicher Hand zu fassen, zu stützen, zu leiten, sobald es Not täte. Die kleine Reise ward in wenigen Tagen, und ohne alle Abenteuer zurückgelegt. Gabrielens stille Heiterkeit während derselben hatte zwar oft einen höchst wehmütigen Ausdruck, der aber nie in wilderen Schmerz, in tiefere Trauer ausartete.

Die Reisegesellschaft kam über Eger nach Karlsbad, und die Gegend in der Nähe dieses ersten Ziels ihrer Reise, besonders aber die mit keinem andern Badeorte zu vergleichende Einfahrt in das Städtchen selbst, entzückte sie alle. "Warlich," rief Auguste, "es verlohnt sich der Mühe, alle Jahre nach Karlsbad zu reisen, einzig um darin anzukommen. Ich wollte, ich könnte, so lange wir hier bleiben, wenigstens jede Woche einmal die Freude haben, mich so lustig vom Türmer anblasen zu hören. während ich am Fuss dieser prächtigen Felsen unter den wilden Rosenbüschen hinrolle und ihre Wälder, ihre schimmernde Kreuze, ihre Pyramidenzacken hoch über mir sehe."

Gabriele lehnte indessen schweigend zum Wagen hinaus, ihr blick ruhte auf den Felsen, ihre Gedanken flogen der Heimat zu. So, ja eben so umstarrte hohes Gebirge das alte Schloss, in welchem sie das Licht der Sonne zuerst erblickt hatte. Nicht so geschmückt mit jeder Anmut der Kultur und einer üppigen Vegetation, aber doch diesem ähnlich, nur beinah enger noch und tiefer, war das stille Tal, in welchem sie an der Hand ihrer Mutter zu wandeln pflegte. Seit sie Schloss Aarheim verliess, war sie immer in der Ebne geblieben, nur ganz von Ferne hatte sie mit der allen im Gebirge gebornen eignen sehnsucht ihre lieben blauen Berge zu sich herüber schimmern gesehen. Beinahe ein Jahr war vorübergezogen, seit sie von ihnen schied. Ihr war, als kehre sie in diesem Augenblick wieder heim zu ihnen aus der fernen Welt, welche sie mit so wenig Erwartungen betreten hatte, in der sie so unendlich viel fand, was nur noch in der Erinnerung ihr gehörte, und von der sie, ohnerachtet ihrer Jugend, jetzt zu wissen glaubte, dass sie ihr nichts weiter mehr zu bieten habe als ein Grab.

Der wirkliche Eintritt in Karlsbad und in ihre freundliche wohnung riss sie aus ihren trüben Träumen, und Augustens herzliche Freude an allen neuen Umgebungen erweckte auch sie zur Teilnahme. Bald gewahrte sie sich selbst in einer neuen Welt. Die geputzten Brunnengäste, welche an dem wunderschönen lauen Sommerabend unter ihrem Fenster auf- und abgingen, schienen ihr unzählbar, so dass die grosse lebensreiche Stadt welche sie eben verlassen hatte, ihr wie tot dünkte gegen diesen kleinen, einem Ameisenhaufen ähnlichen Fleck Erde, und sie sich an dem ungewohnten Schauspiel fast eben so sehr ergötzte als Auguste. Der Julimonat, und mit ihm die Zeit, während welcher Karlsbad am glänzendsten erscheint, war über die Hälfte vorübergezogen, als Frau von Willnangen mit ihren Begleitern dort anlangte. Einige fürstliche Personen, die bisher einen kleinen Hof gebildet hatten, welcher den vornehmern Brunnengästen einen, alle übrige ausschliessenden Vereinigungspunkt gewährte, hatten sich schon zur Nachkur in andere Bäder begeben. Täglich sah man lange Reihen mit Koffern hochgepackter grosser Berlinen über die Wiese ziehen, in welchen vornehme Familien ihnen nacheilten. Dennoch blieb die Gesellschaft noch immer zahlreich genug, um keine Lücke merkbar werden zu lassen, und neue Ankömmlinge ersetzten täglich die Stelle der Abreisenden.

Frau von Willnangen besass unter vielen angenehmen Eigenschaften auch die, sich überall, wohin sie kam, leicht anzusiedeln und heimisch zu werden. Auf Reisen wusste sie dem aller ungemütlichsten Gastofszimmer in wenigen Minuten ein wohnliches Ansehen zu geben, ohne dass man sonderlich bemerken konnte, was sie darin verändert habe. Wo sie an fremden Orten längere Zeit blieb, da gewannen alle ihre Umgebungen bald einen so behaglich-häuslichen Anstrich, dass jedem wohl darin ward, dem es erlaubt war, sich ihr zu nahen.

Darum sammelte sich auch in Karlsbad wie überall ein sehr angenehmer Kreis der Liebenswürdigsten und Gebildetsten um sie her. Es war als ob sie durch einen Zauberspruch alle an sich zöge, die zu diesen gezählt werden durften, oder als ob sie ein Zeichen an sich trüge, an dem die Gleichgestimmten sie erkannten. Dennoch wunderte sich jeder, der sie zum erstenmal sah, wie diese einfache, weder durch jugendlichen Reiz noch glänzenden Witz ausgezeichnete Frau dazu gekommen sei, der Mittelpunkt der Gesellschaft zu werden, so anspruchlos und zuvorkommend war sie in ihrem Betragen gegen Alle