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der Tante nicht hatte nach Italien reisen können, denn er fürchtete nun jeden Augenblick, sie in seinem alten Bergschlosse eintreffen zu sehen. Diese schickliche gelegenheit, sie noch einige Zeit von sich entfernt zu halten, überhob ihn einstweilen jener sorge, und ward deshalb freudig von ihm ergriffen. Dennoch war er jetzt sehr zufrieden, dass nicht die Alpen zwischen ihm und seiner Tochter als Scheidewand dastünden, weil er seit einigen Tagen dem Ziel seines Strebens ganz nahe zu sein dachte, so dass er oft die völlige Entschleierung des grossen Geheimnisses von der nächsten Sekunde erwartete.

Seit er so ganz allein, fern von jeder äussern Störung, in Schloss Aarheims düstern Mauern hauste, hatte er sich mit rastloser leidenschaft, ja bis zur Erschöpfung aller seiner Kräfte, jenen geheimnissvollen arbeiten hingegeben. Kein freundliches, lebendes Wesen durfte ihm nahen, der Wechsel der Jahreszeiten ging unbemerkt an ihm vorüber, er wusste nicht, ob die Bäume grünten oder ob Schnee sie bedeckte; er sah sogar nicht das Licht der Sonne, denn die schweigenden Nächte sagten seinem dunklen Treiben am besten zu. Deshalb schlief er, wenn alles wachte, und während jedes glückliche geschöpf nach des Tages Last und Lust Ruhe sucht, begann sein ängstliches Wirken im dunkeln Kreise der finstern Mächte, die kein Sterblicher ungestraft ruft, wenn gleich vielleicht keiner je von ihnen Antwort erhielt.

So verkehrte er die Ordnung der zeiten. Dennoch verhehlte er sich nicht die bei dieser unnatürlichen Lebensweise für seine Gesundheit obwaltende Gefahr. Er wusste bestimmt, dass er auf keine lange Reihe von Jahren mehr rechnen dürfe, in denen er die Früchte seiner Arbeit zu geniessen hoffen könne, aber er achtete dieses nicht, denn er strebte nach keinem dauernden Genuss. In nie gesehnem Glanz aus dem Dunkel seiner Ahnenburg hervortreten, sein uraltes Geschlecht aufs neue in seiner Tochter erstehen sehen, aufs neue für kommende Jahrhunderte der Stifter desselben werden, seine alten Feinde, knirschend vor Neid, in ohnmächtiger Wut erbleichen sehen, und dann sich hinlegen und sterben; das war es, was er vom Geschick zu erzwingen dachte; und nur der Gedanke, dass irgend einer von denen, welche er hasste, vor dem Gelingen seines grossen Werkes dieses Leben verlassen könne, machte ihn beben.

Nicht weniger, als dieses rastlose Treiben, ängstigte ihn ein ewiges Ueberlegen, wie er sein geheimnis auf das schnellste und vorteilhafteste benutzen könne, sobald es ihm gelungen wäre, es ganz zu entschleiern. Sollte er seine Tochter zur Erbin seines durch mühseliges, unablässiges Forschen und tausendfache Opfer erworbnen Wissens einsetzen? sollte er sich daran genügen lassen, ihr noch bei seinem Leben unermessliche Schätze zuzuwenden und sein geheimnis mit sich in die Gruft seiner Ahnen hinabzunehmen? Diese Zweifel erregten einen nie zu stillenden Zwiespalt in seinem inneren, der, zerstörender, als Wachen und Arbeit, ihn langsam verzehrte. Es war ihm unmöglich, einem weiblichen Wesen den Mut, die Klugheit, ja selbst die Verschwiegenheit zuzutrauen, welche unumgänglich dazu gehören, ein solches geheimnis nicht nur zu verwalten, sondern auch zu verbergen. Die Gefahren, welche jedem drohen, den die Gewaltgen dieser Erde im Besitz solcher Kenntnisse wähnen, waren ihm nur zu bekannt, und das Geschick Böttchers, des unglücklichen Erfinders des sächsischen Porzellans, trat oft warnend vor seinen Geist. Alle diese Ueberlegungen machten ihn geneigt, sein geheimnis mit sich sterben zu lassen; dann aber ergriff ihn der Gedanke, wie gross es sei, die Erbin seines Namens, mit dieser mächtigsten aller irdischen Gewalten ausgerüstet, zurück zu lassen. Ihn schwindelte, ein neuer Kampf entstand in seinem Gemüt, und so konnte der unglückliche Greis nimmer zur Ruhe gelangen. Rastlos schwankte er ewig in banger sorge von einem Entschlusse zum andern und verwachte die langen, endlosen Stunden des Tages auf seinem Lager, bis die Abendsonne die Zinnen seiner Burg rötete und ihn mahnte, aufzustehen, um sein nächtliches Tagewerk zu beginnen. Frau von Willnangen zögerte keinen Augenblick, die erlaubnis des baron zu benutzen und die Reise in das Bad anzutreten, denn der Sommer war indessen schon ziemlich weit vorgerückt, und da der Herbst dem rauheren Klima der Gebirge selten günstig ist, so hatte sie keine Zeit zu verlieren.

Ernesto suchte und erhielt sehr leicht die erlaubnis, sich der kleinen Karavane seiner Freundinnen anschliessen zu dürfen, welche ihrerseits froh waren, ihn zum Beschützer auf der Reise zu haben. Nicht Furcht vor der, während der schönen Jahreszeit mit jedem Tag überhandnehmenden Oede der Stadt hatte ihn zu diesem Entschlusse bewogen, wie Auguste im fröhlichen Mute ihm oft Schuld gab, sondern wahrhaft väterliche, treue Liebe für die verwaisete Tochter der Frau, deren Andenken ihm noch immer wie ein hell leuchtender Stern am fernen Horizont seiner längst hinter ihm zurück gebliebnen Jugend strahlte. Gabrielens Geschick und der Zustand ihres Gemüts waren dem treuen, beobachtenden Freunde nicht verborgen geblieben, obgleich ihm niemand darüber etwas anvertraut hatte.

Zwischen ihm, Frau von Willnangen und auch Gabrielen war sogar eine Art von stillschweigender Uebereinkunft darüber entstanden; man behandelte ihn, als wisse er alles, ohne doch je ausdrücklich irgend eines näheren Umstandes zu erwähnen. Er, der lebenskundige Mann, sah Gabrielens Zustand in weit hellerem Licht, als Frau von Willnangen. Er glaubte Gabrielens Ruhe nicht für immer zerstört, er hielt sie sogar in diesem Augenblick nicht für unglücklich. Er wusste, wie der Zauber der Jugend alles, selbst den Schmerz, zu verschönern vermag und ihn zuletzt in das süsseste aller Spiele umwandelt, das aber zugleich auch das gefährlichste ist, weil