Gemüte Wünsche und Hoffnungen immer mehr entflammte, die ich hätte unterdrücken sollen, die nun dein Verderben sind! Jetzt weiss ich diess, aber damals blendete ich mich selbst. Ich wollte an die Erfüllung jener Wünsche und Hoffnungen glauben, weil auch ich sie im Herzen hegte, und du gehst nun an ihnen zu grund."
"Wie Sie mich missverstehen, teure Frau!" erwiderte mit wehmütigem Lächeln Gabriele. "Ich bin ja fern von Verzweiflung, glauben Sie mir, ich bin sogar nicht unglücklich, denn wehmütige Erinnerungen, tiefgefühlte sehnsucht sind ja nicht Unglück. Verstehen Sie doch alles wörtlich, wie ich es Ihnen sage, ich flehe darum, denn wie ich es meine, spreche ich es aus, immer in einfacher Wahrheit. Nie hegte ich die Wünsche, die Hoffnungen, auf welche Sie mit Winken hindeuteten, die ich jetzt erst verstehe. Nie sogar habe ich mit Bewusstsein mir ihre Möglichkeit gedacht, nie sie empfunden. Ich liebte Ottokar, wie ich atme, wie ich die Sonne, das Leben liebte. Ich vergass bei ihm der Vergangenheit und gedachte keiner Zukunft; ich war glücklich und unglücklich in der Gegenwart, ohne mich weiter um etwas zu kümmern. Ja ich will Ihnen nichts verhehlen; nur wie ich Aurelien als seine Braut sah, da erst fiel es mir ein, dass auch auf mich seine Wahl hätte fallen können, da erst, liebe Mutter! und legen Sie es mir nicht als Unwahrheit aus, wenn ich sage, ich hätte eingewilligt, wenn er mich gewählt hätte, wie ich in alles willigen müsste, was er so recht aus der Tiefe seines Gemüts wollen könnte, aber es wäre ein Opfer gewesen, das ich seinem Wollen brachte. Neidlos sehe ich Aureliens Geschick; ich habe es nie für mich gewünscht, glauben Sie es mir; segnen will ich sie, sie lieben wie ihn, wenn sie ihn so glücklich macht, wie er es durch eine solche heilige Verbindung werden könnte."
Mit diesen Worten und der Bitte, den Tag ganz allein bleiben zu dürfen, zog Gabriele sich in ihr Zimmer zurück. Dort in der Einsamkeit liess allmählich die Spannung nach, in welche Eugeniens Erzählung und das darauf folgende Gespräch mit ihren Freundinnen sie versetzt hatten. Sie versank in tiefes Nachdenken; jedes Wort, jede noch so leise Andeutung Eugeniens gingen nochmals ihrem geist vorüber; alle waren ihr ein unerschöpflicher Quell von Freude und Schmerz, von dem sie zu fühlen glaubte, dass er ihr ganzes Leben hindurch nicht versiegen könne.
Aus dem von Eugenien nur ganz obenhin erwähnten Umstande, dass sie Ernestos Hand auf einem Briefe an ihn bemerkt habe, ahnete Gabriele, was wirklich geschehen war. Ottokar war auf irgend eine Weise von ihrem Erkranken benachrichtiget worden, er hatte alle Qualen der bängsten, zur hülfe ohnmächtigen sorge um sie gelitten, er hatte in martervoller Todesangst um sie gebebt, während sie an den Pforten des Todes in süsser Bewusstlosigkeit lag und wahrscheinlich so hinüber geschlummert wäre, ohne Schmerzen zu fühlen. Durch Ernesto hatte er gewusst bestimmte Nachricht von ihr zu erhalten, ohne ihn dennoch zum Vertrauten der Art des Anteils zu machen, den Gabriele in ihm erregte. Als ob Ottokar selbst es ihr gestanden habe, so bestimmt wusste Gabriele jetzt, dass nur Besorgniss um ihr Leben seinen auffallenden Trübsinn veranlasste, über den Eugenia sich so spottend geäussert hatte; dass nur diese sorge ihn bewog, den Tag seiner Vermählung immer weiter hinaus zu schieben, und dass nur die überzeugung, sie sei genesen, ihn ermutigen konnte, das unvermeidliche Opfer endlich zu bringen, welches für das ganze Leben ihn von ihr trennte und ihn sogar aus der Luft verbannte, in welcher sie atmete.
Aureliens und ihrer sich immer gleichbleibenden Art sich gegen Ottokar zu benehmen, gedachte Gabriele nur mit tiefem Schmerz; denn alles überzeugte sie, dass diese kalte, lieblose, spottende natur sich nie an seiner Seite erwärmen, nie ihn liebend beglücken könne. Daher vermied sie den Gedanken an sie, oder versuchte wenigstens, sich selbst durch die Hoffnung zu täuschen, dass es am Ende ihm doch wohl gelingen könne, die bösen Geister, die sein Glück verhinderten, durch die seiner höhern natur eigne Güte zu bannen und die Gefährtin seines Lebens für sich zu gewinnen. Wenn alles fehl schlägt, so bleibt ihm der Trost, an den auch ich mich halte, die überzeugung, das Rechte gewollt und vollbracht zu haben, und mein Andenken, setzte sie ganz leise sich zur Beruhigung hinzu. Noch während dem Laufe des Winters hatte Frau von Willnangen den Entschluss gefasst, den grössten teil des Sommers in den böhmischen Bädern zuzubringen. Durch Gabrielens Krankheit war die Ausführung dieses Plans einstweilen in Vergessenheit geraten; nun sie aber wieder genas, kam er aufs neue zur Sprache. Der Arzt drang sogar darauf, ihn baldmöglichst, und zwar in Gabrielens Begleitung, auszuführen; er hoffte viel Erfreuliches für ihre völlige Herstellung, nicht sowohl von den Heilquellen, als von den Zerstreuungen, welche stets im Gefolge einer solchen Reise sind.
Es war durchaus notwendig, die erlaubnis des Baron Aarheim zu dieser Reise seiner Tochter einzuholen, und Frau von Willnangen übernahm es sehr gern, ihn schriftlich darum zu ersuchen. Seine Einwilligung erfolgte sogleich und in den verbindlichsten Ausdrücken; nur war die einzige Bedingung beigefügt, dass Gabriele jede Stunde bereit sein müsse, zu ihrem Vater zu eilen, sobald er ihre Gegenwart verlange.
Nicht ohne Schrecken hatte der Baron die Nachricht vernommen, dass Gabriele mit