unter dem Vivatrufen der Bauern, durch ihre Reihen zog. "Sehen Sie mich nicht so unruhig, nicht so bekümmert an, liebe, teure Frau," sprach Gabriele zur Frau von Willnangen, sobald Eugenia endlich mit ihrer Erzählung zugleich ihren Besuch beendet und das Zimmer verlassen hatte. "Auch du, meine Auguste, sei getrost! Was ängstigt euch denn, ihr lieben Beide?" setzte sie hinzu, indem sie ihre vereinten hände an ihre Brust drückte, und mit den klaren, treuen Augen zu ihnen aufblickte. Beide umarmten sie schweigend, und Gabriele fuhr fort zu reden.
"Wonach ich lange im Stillen mich sehnte, ist mir in dieser Stunde geworden," sprach sie gleichsam zu sich selbst. "Ich habe Nachricht von ihm, von seinem Leben, seit wir uns trennten, vom Vollbringen dessen, was geschehen musste, alles ist vorbei – alles, alles ist vorbei," wiederholte sie und sank in die Kissen des Sophas zurück. Doch ermannte sie sich sogleich wieder und richtete sich auf, mit der in solchen Momenten ihr eigentümlichen Kraft. Frau von Willnangen vermochte es nicht, ihr etwas zweckmässiges, oder auch nur zusammenhängendes zu erwiedern, nicht allein, weil sie in zu heftiger Bewegung sich befand, auch ihre Ansichten von Gabrielens Geschick schwebten noch immer in zu verworrener Gestaltung ihr vor. In der Verlegenheit, doch etwas sagen zu müssen, stammelte sie einige Worte von unbegreiflichen Täuschungen, von unerklärlichem Benehmen, doch schnell unterbrach sie Gabriele: "Glauben Sie mir," sprach diese, "keine Täuschung, nichts Unerklärliches liegt zwischen mir und Ottokar; um uns ist alles hell und klar wie das Sonnenlicht. Zwar werden wir auf Erden uns schwerlich wieder sehen, aber dennoch halten wir fest im Glauben an einander. Wir haben uns einmal gefunden, wir haben uns einmal verstanden, und das genügt uns, um nie, in keinem Moment des Lebens an einander irre werden zu können."
Die Lebhaftigkeit, mit welcher Gabriele diese Worte sprach, versetzte Frau von Willnangen in die höchste Besorgniss um sie. Sie hatte den Moment, von dem sie so vieles aufgeklärt zu sehen hoffte, das bis jetzt ihr dunkel geblieben war, schon lange im Verborgnen herbeigesehnt. Jetzt war er unerwartet ihr erschienen, und sie wünschte beinah noch weit sehnlicher, ihn verschieben zu können, wär es auch auf immer. Das stürmische Pulsiren des jungen Herzens, das, wie Ruhe suchend, sich im Laufe des Gesprächs an ihre Brust gelehnt hatte, erfüllte sie mit Angst um die kaum Genesene. Sie sah mit Entsetzen, wie alles Blut aus diesem armen Herzen in einem Moment auf Gabrielens Wange glühte, im nächsten in dessen Tiefen zurückströmte, und nur die bleiche Farbe des Grams auf dem holden gesicht zurück blieb. Aber alle Versuche, die ihr jetzt so furchtbar scheinende Unterredung abzubrechen, waren vergeblich.
"Lassen Sie mich jetzt die Brust mir frei sprechen," erwiderte Gabriele ihren Einwendungen; "fürchten Sie nicht, dass mir die Kräfte dazu fehlen, ich fühle mich und weiss, dass ich in dieser Stunde es vermag. Es ist mir ein Trost, denn schon lange sehne ich mich, Ihre unsägliche Liebe durch eben so ungemessnes kindliches Vertrauen zu erwiedern. Hernach will ich ruhen, und Sie werden gewiss mit dem kranken kind nachsichtig umgehen. Ja! ich liebe Ottokar, und er weiss es, denn in der höchsten Stunde meines Lebens, die mir ewig allein dastehen wird, in Freude und Schmerz, habe ich es ihm gesagt. Wovor erschreckt ihr denn wieder? Gott kennt ja meine Liebe, ich schämte mich ihrer nicht vor ihm, warum sollte ich sie denn dem einzigen Wesen verbergen, das gewiss nach seinem Willen zu mir gehört, wenn wir gleich, durch irdische Verhängnisse eingezwängt, jedes seinen eignen Weg fern von einander gehen müssen. Auch Ottokar liebt mich! wir fanden uns in seligen Schmerzen, in trüber Wonne, nur einen Moment, um uns gleich wieder zu trennen; und nun ist es gut. – Es ist alles sehr gut!" wiederholte sie nach einer kleinen Pause, und drückte, sanft weinend, Mutter und Tochter fester an sich. Beide weinten verstummend mit ihr.
"Wir sollten eigentlich nicht weinen," sprach Gabriele bald darauf, "ich bin ja nicht unglücklich, ich bin ja nicht beklagenswert, warum weinen wir denn? ich habe gelebt und geliebt! Beut mir die Zukunft keine Freude mehr, so brauche ich auch dafür sie nicht mehr zu scheuen. Wohin Sie, liebe Mutter! durch Jahre voll Schmerz hingelangten, dahin bin ich in früher Jugend, in einer kurzen Stunde gekommen; ich bin in ihr alt geworden, und kann nun ohne Furcht überall hintreten, meine Ruhe ist gesichert. Ein zweiter Schmerz wie dieser droht mir nicht wieder, denn das Herz liebt nur einmal, wie es nur einmal bricht. Es war ein artiges Spiel des Zufalls, dass unter den Blumen, die ich von Ottokar erhielt, auch die Eine sich befindet, welche nur einmal um Mitternacht eine Stunde lang blüht und dann auf immer sich schliesst. Ich erhielt in dieser Blume ein Vorbild meines Geschicks, und von ihm."
"Gabriele, wüsstest du, wie diese deine kalte Verzweiflung mich quält!" rief Frau von Willnangen; was soll, was kann ich tun, um dich davon zu retten? ach ich selbst, ich Unbesonnene, war es ja, welche in deinem jungen