dem ich gar nicht begreife, wie man es überlebt, ohne wenigstens vor Verdruss darüber den Verstand zu verlieren. Armes, armes Kind! warum mussten Sie auch so ganz zur unrechten Zeit von dem bösen Fieber befallen werden! Sie dauern mich ungeheuer, ach! und hätten Sie nur, wie ich, die Glücklichen abfahren gesehen! Ehegestern ging es fort, gleich am frühen Morgen nach dem Hochzeittage. Das junge Ehepaar fuhr allein, in einem ganz neuen, delizieusen, englischen Wagen; den Platz in der Batarde der Gräfin, der Ihnen bestimmt war, nahm Aureliens Bella ein. Das ist pikant, nicht wahr? gewiss niemand darf es Ihnen verdenken, wenn sie ein wenig mit dem Schicksal grollen, es spielt Ihnen warlich diessmal übel mit."
"Soll ich dich nicht auf dein Zimmer führen?" fragte ängstlich Auguste; aber Gabriele bestand darauf, da zu bleiben, versicherte, sich sehr wohl zu befinden, und bat die Gräfin Eugenia um nähere Nachricht von der Tante und Aurelien.
"Von beiden bringe ich Ihnen tausend Abschiedsgrüsse," sprach Eugenia, "ich kam erst gestern Abend von Rosenhain wieder zu haus, denn einem alten gegenseitigen Versprechen zu Folge, musste ich Aurelien als Brautführerin zum Altar geleiten. Es war recht gut, dass ich gleich mitreisen konnte, da Sie zu haus bleiben mussten, liebe Gabriele! Die Gräfin und Aurelia hätten sich sonst in Rosenhain vielleicht zu oft allein gefühlt, denn Ottokar machte sich sehr selten. Geschäfte und Reiseanstalten hielten ihn fern von uns, sagte man. Ueberhaupt hat er, meiner Meinung nach, als Bräutigam an Amabilität nicht gewonnen; vielleicht kommt das im Ehestande nach. So lange ich jetzt in Rosenhain mit ihm zusammen lebte, war er wenigstens – maussader als je – möchte ich sagen, wenn ich mich nicht hier vor den strafenden Blicken der Mamma Willnangen fürchtete, die von jeher diesem ihrem lieben Schoosskinde in allen seinen Arten und Unarten gefälligst nachzusehen gewohnt ist."
"Schelten Sie den Grafen nicht, weil er nicht leichtsinnig den wichtigsten Schritt seines Lebens vollbrachte," sprach fräulein Silberhain. "Ach! wer müsste nicht in einem solchen Zeitpunkte sich und sein Gemüt in der tiefsten Stille zu heiligen suchen! Lehrt uns nicht die schöne geschichte vom jungen Tobias" – – –
"Ob Ottokar so fromm ist, wie der junge Tobias, oder wie Sie, liebe Silberhain, ihn sich denken, weiss ich nicht;" unterbrach Eugenia das fräulein! "aber langweilig genug war er wenigstens. Ich schiebe alles diess einzig auf die Luft, die um jene Zeit im Rosenbergschen haus höchst perniziö's gewesen sein muss. Unsre liebe kleine Gabriele erkrankte ja auch am Verlobungs-Abend, und Ottokar muss ebenfalls zur nehmlichen Stunde von einem besonderen Schwindel ergriffen worden sein; denn er plantirte beim Soupé nicht nur die Gesellschaft, – das hätte noch hingehen mögen, aber auch die zärtliche Braut, die neben einem leeren Stuhl sitzen musste. Sein Lorenz erschien zwar, wie wir uns schon an der Tafel rangirten, mit einer sehr lahmen Entschuldigung seines Herrn, der plötzlich höchstwichtige Briefe erhalten haben sollte, aber der naseweise Mensch schnitt zu dieser Entschuldigung ein so pfiffig hämisches Gesicht, dass alle merken mussten, woran sie waren; selbst die, welche nicht wie ich daran dachten, dass Mittwochs keine einzige Post hier eintrifft."
Frau von Willnangen verging fast vor Angst um Gabrielen bei diesem Gespräch, vergebens bemühte sie sich, ihm eine andere Wendung zu geben, oder doch wenigstens Gabrielen zum Fortgehen zu bewegen. Diese wollte keinen ihrer sie dazu einladenden Winke verstehen, und sowohl fräulein Silberhains Lust am fragen, als Eugeniens Lust am Antworten liessen die Unterhaltung nicht fallen, welcher Gabriele mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte.
"Nie in meinem Leben habe ich eine einer wandelnden Leiche so ähnliche Gestalt gesehen, als Ottokar beim Antritt der Reise nach Rosenhain," sprach Eugenia weiter. "Gewiss! er war sehr krank, denn solche Todtenblässe, solche trübe, zugeschwollne Augen, solche Veränderung in allen Zügen finden sich über Nacht bei keinem Gesunden ein. Auch in Rosenhain wankte er so schattenähnlich umher, dass ich jeden Morgen zu hören fürchtete, er sei in der Nacht zum tod erkrankt. Die Gräfin war deshalb in nicht geringerer Besorgniss als ich, allein er hielt sich aufrecht. Uebrigens, wie gesagt, war er am Tage kaum sichtbar, wichtige arbeiten fesselten ihn in seinem Kabinete, wie es hiess, obgleich ich nicht begreife, was sein Hof jetzt gerade mit Italien, wohin er gesendet wird, so wichtiges zu verhandeln haben kann. Auch die Gräfin wunderte sich gewiss im Stillen darüber, aber sie kennen ihre Art, sich zu verbergen, und immer dasselbe Gesicht zu behalten. Mir schien es, die Wahrheit zu sagen, als ob die Depeschen, welche ihn so beschäftigten, von hier oder doch sehr aus der Nähe kämen, denn an Botentagen kam er gar nicht vom Fenster weg, bis er die grün lederne Brieftasche erblickte, und eilte immer, der Erste zu sein, der sie aufschloss, um sein Päckchen herauszunehmen. Ich erkannte sogar einmal, kurz vor der Hochzeit, Ernestos Hand auf der Adresse eines seiner Briefe." "Und Aurelia?" fragte Gabriele.
"Von der lässt sich wenig sagen," erwiderte Eugenia, "Sie kennen ja das fröhliche geschöpf. Sie sah nichts, sie merkte nichts, sogar nicht, dass der Hochzeittag von Woche zu Woche,