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, recht grausam ernstaft aus und über alle massen traurig und herzlich betrübt, und doch war es auch, als ob er mitleidig wäre und sich recht gerne tröstlich bezeugen wolle. So flog er mit den breiten dunkeln Flügeln über das Bette meines Fräuleins, bald in weiten Kreisen rings darum her, bald zwischen den Vorhängen unter dem Bettimmel durch. Ich wollte immer die Vorhänge zuziehen, aber dann dachte ich, er kommt doch wohl hindurch, und ich sähe nicht, wie er sie zu tod küsse, denn im Kusse hätte er ihre Seele genommen, das weiss ich gewiss."

"Liebe Annette! mir schaudert jetzt am hellen Tage bei deiner Erzählung, unmöglich kannst du das gesehen haben, du musstest ja vor Angst und Schrecken bei dem Anblicke von Sinnen kommen," wandte Auguste ein.

"Ich wäre auch gewiss dabei von Sinnen gekommen," erwiderte Annette, "wenn nicht die weit grössre Angst um mein fräulein mich aufrecht erhalten hätte. Er flog ihr immer näher und näher, zuletzt schwebte er so dicht über sie hin, dass ich jeden Augenblick dachte: jetzt wird er sie küssen, und dann ist sie tot. Ich lag auf der Erde neben ihr, und rückte recht mit Bedacht mein Gesicht dicht neben ihrem Gesicht, und dachte immer daran, wie ich es so machen könne, dass er mich an der Stelle meines Fräuleins küssen solle, oder doch wenigstens mit ihr zugleich. Herr Gott! ich begreife gar nicht, wie Sie alle ihn nur nicht gesehen haben, wie Sie alle nur nicht das ängstliche Schwirren in der Luft hörten, wenn er so über meinem armen fräulein hin und her flog."

"Und wo blieb er denn zuletzt, wo flog er hin?" fragte Ernesto. "Er flog durch das Fenster hinaus," war die Antwort, "wie er durch die Scheiben kam, kann ich nicht beschreiben, er drang hindurch wie der Mondschein, und schwebte noch lange von aussen um die Fenster her. Endlich, Gottlob! endlich flog er ganz fort! Hoch durch die Luft, dicht neben dem mond hin, ich sah es recht deutlich, wie die dunkeln Flügel durch die weissen Wolken neben dem mond, wie durch einen Silberflor hindurch schimmerten. Auf einmal senkte er sich nieder; mir stand das Herz still vor Angst; aber er flog weiter und liess sich zuletzt auf dem haus der Frau von Felsberg herab. Sehen sie wohl dort das grüne Türmchen mit dem weissen Balkon rings herum? man sieht es fast in der ganzen Stadt. Das Türmchen steht oben auf dem haus der Frau von Felsberg. Ach Gott! und ihre lieben kranken Kinderchen sind auch beide in derselben Nacht gestorben. Ich habe schon so viel um sie geweint," setzte Annette schluchzend hinzu, indem die hellen Tränen ihr über die Wangen liefen.

Eine lange Pause entstand, Auguste vermochte es nicht vor Grausen ein Wort aufzubringen, und auch Ernesto fühlte von der treuherzigen Erzählung der jungen Engelseherin sich befangner, als ihm lieb zu sein schien. Endlich wollte er einiges über die ängstliche Wallung sagen, in der sie sich alle während jener Nacht befunden, dann sprach er davon, dass Annette aufgeregter und überwachter sein musste, als jeder von ihnen, weil sie allein, vom Anfange der Krankheit Gabrielens an, bis zu jenem entscheidenden Moment, sich keine Stunde ruhigen Schlummers gewährt hatte. Auch versuchte er, von den wunderlichen Bildern zu sprechen, die unsre Fantasie uns schon auf nächtlichen Reisen oft vorspiegelt, besonders, wenn wir mehrere Nächte hindurch fahren, ohne auszuruhen, aber die Worte standen ihm nicht so zu Gebote wie wohl sonst. "Am besten ist es," sagte er endlich, "wir danken Gott, dass der Furchtbare diessmal vorüberzog; sei es auf welche Weise es sei, sichtbar oder unsichtbar, grübeln wir weiter nicht darüber, und hüten wir uns, davon zu sprechen, denn solche gespräche taugen überall nichts. Vor allen Dingen aber wünsche ich, dass unsre Kranke nie etwas von dieser Erscheinung erfahre." So wie sich Gabriele stark genug dazu fühlte, trug man sorge, sie aus ihrer verödeten wohnung hinweg, in das Haus der Frau von Willnangen zu bringen, wo sie ihre völlige Genesung bequemer abwarten konnte. Ottokars Name war seit seiner Abreise noch von keinem von ihnen genannt worden, und Frau von Willnangen sah nicht ohne Besorgniss dem Augenblick entgegen, wo dieses zum erstenmal geschehen würde. Bei aller überzeugung, dass Gabrielens Krankheit mit der unerwarteten Erklärung der nahen Vermählung Ottokars Zusammenhang habe, war sie doch weit entfernt, nur eine Silbe von der wunderbaren Zusammenkunft zu ahnen, welche an jenem Abend zwischen beiden statt gefunden hatte. Sie wusste daher gar nicht, wie sie sich über Ottokar zu äussern habe, um Gabrielen nicht weh zu tun. Sie war uneins mit sich selbst, wie jeder, der es sich nicht verhehlen kann, dass er von der rechten Bahn abwich, und nun gern wieder gut machen möchte, was er sich gestehen muss verdorben zu haben, wenn es auch in der besten Absicht geschah. Die Verblendung, in welcher sie Gabrielens Neigung stets mehr entflammt hatte, statt sie zu mässigen, war ihr jetzt unerklärlich. Sie begriff es nicht, wie ihre im Laufe eines langen Lebens erworbne Welterfahrenheit sie diesesmal so irre gehen liess, aber eben so wenig begriff sie noch immer, wie Ottokar Aurelien wählen konnte, da Gabriele neben dieser stand. "Habe ich gefehlt,