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Folge zu leisten verspräche.

Ein Arzt, der solch ein Wort mit fester Zuversicht aussprechen darf, wenn von der Rettung eines heiss geliebten Wesens die Rede ist, steht in dem Momente wie ein göttergleiches Wesen vor uns da. Auch bedarf es wohl solcher Augenblicke, um ihn für die vielen bittern Stunden zu trösten, in welchen er die Ohnmacht alles menschlichen Wissens anerkennen muss, und die dennoch von seinem wohltätigen hohen Beruf sich nicht trennen lassen. Ernesto und Frau von Willnangen, Auguste und Annette, alle drängten sich im freudigsten Tumult um den Retter Gabrielens, alle wussten ihrem Dank, ihrem Entzücken keine Worte zu geben. Es war, als habe er jedem von ihnen neues Leben geschenkt, indem er jene tröstenden Worte aussprach: Ihr unaussprechliches Glück kennt nur, wer in einem einzigen entzückenden Momente den unausweichlich geglaubten Verlust eines über alles geliebten Wesens von sich abgewendet sah." "Ach! wenn ich nur diess einemal nicht träume," rief zwischendurch Annette; "aber es ist doch gewiss wahr, ich sah ihn fortfliegen, gewiss ich sah es," setzte sie dann ganz leise vor sich hinzu, gleichsam um sich selbst zu beruhigen. "Was sahst du denn fortfliegen? Annettchen," fragte Ernesto, aber sie erwiderte ihm, "dass es in dieser Stunde noch nicht gut sei, davon zu sprechen. Er ist noch nicht weit," setzte sie, betrübt und vorsichtig um sich her blickend, hinzu, "ich sah ihn auf das Haus der Frau von Felsberg sich senken, deren Kinder so krank sind." Und damit nahm sie wieder ihren Platz auf der Erde neben dem Bette ein, legte das Gesicht auf Gabrielens Decke, und wandte kein Auge mehr von ihr ab.

Viele Tage vergingen, ehe Gabriele ihren Freunden anders, als mit unaussprechlich freundlichen Blicken, ihre liebevolle Pflege verdanken konnte, Wochen schwanden hin, ehe sie es vermochte, sich nur wenige Stunden ausser dem Bette zu halten.

In den Armen der Liebe von einer schweren Krankheit zu genesen, ist eine unbeschreiblich rührende, heilige Freude, die für alle erlittene Schmerzen reichlich Entschädigung beut. Das Gefühl des neu erwachenden Lebens verschönt alle Gegenwart, und jeder alte Schmerz wird wenigstens fürs erste zurückgeschoben, dass wir nicht gleich seiner gedenken. Wir selbst sind liebender, als im gewöhnlichen Gange des Lebens, und auch von unsern Freunden mehr geliebt. Die nahe Gefahr des Verlustes, der furchtbare Gedanke des Scheidens für das ganze irdische Dasein hat uns ihnen teurer gemacht; ihnen ist zu Mute, als hätten sie zuvor unsern Wert nicht genugsam anerkannt, als hätten sie deshalb ein Unrecht gegen uns gut zu machen, und müssten sich dankbar dafür erweisen, dass wir noch länger unter ihnen weilen wollen. Wir hingegen, mit Sinnen, in der Einsamkeit des Krankenzimmers neugestärkt, wir wissen nicht, wie wir genugsam ihrer grossen Liebe uns erkenntlich beweisen sollen, und jeder kleine Dienst, den sie in unsrer Schwäche uns leisten, hat, als Zeuge ihrer treusten anhänglichkeit, für uns unschätzbaren Wert.

Und so war es auch mit Gabrielen. Sie fühlte sich durch die liebevolle Pflege ihrer Freunde höchst beglückt, und die Ereignisse, welche sie auf das Krankenlager geworfen hatten, waren in der ersten Zeit ihres Genesens fast spurlos aus ihrem Gemüte verlöscht. Nur mit der allmähligen Erneuerung ihrer Kräfte regte sich eben so allmählich der alte Schmerz wieder auf, und verflocht sich in den gang ihres Lebens, jemehr sich dieses der Aussenwelt wieder zuwendete.

allmählich war es jetzt völlig Frühling geworden. Draussen im Garten schwärmten die Vögelchen schon gar lustig, zwischen rötlichen Blüten ihren kleinen Haushalt beschickend, und die Sonne schien warm und lockend durch die immer blühenden Rosen auf Gabrielens Fenster. Auch Ottokars Pflanzen trieben wieder Knospen, und Gabriele stand oft vor ihnen, versunken in stilles Nachdenken, aus welchem nur die angestrengtesten Bemühungen ihrer Freunde sie zu ziehen vermochten.

Eines Morgens hatte sie bis zur Erschöpfung ihrer wenigen Kräfte bei ihnen verweilt, und sank darauf in den tiefen Schlummer der Ermattung. Ernesto mit Augusten, welche eben zugegen waren, zogen sich in das Nebenzimmer zurück, um sie nicht durch ihre Gegenwart im Schlafe zu stören. Auch Annette musste mit, denn das treue Kind war durch ihre grosse Liebe zu Gabrielen allen wert geworden, und wurde mehr wie ein zur Familie gehörendes Mitglied derselben, als wie eine um Lohn dienende Kammerjungfer betrachtet.

"Jetzt ist es heller lichter Tag, und für dein fräulein ist Gottlob alle Gefahr verschwunden," sing Ernesto an, "jetzt sage uns, liebe Annette! was sahst du fliegen in jener ängstlichen und frohen Nacht, die wir mit dem arzt durchwachten?" Feuerrot warf Annette einen ängstlichen blick auf das Fenster und flüsterte dann schnell und leise: "Wen anders als den Todesengel."

"Den Todesengel?" erwiderte Ernesto lächelnd; "den sahst du fliegen? und wie sah er denn aus, dieser Schreckensengel?"

"Ach schrecklich genug," antwortete Annette, "mir graust es noch, wenn ich daran denke, wie er aussah, und doch war er so sehr schön, wie ich noch nichts gesehen habe, kein Mensch auf Erden kann so aussehen. Er ist kein Kind, wie die andern Engel, die in der Kirche und in der gnädigen Gräfin ihrem Zimmer abgemalt sind. Er sah aus wie eine sehr schöne Frau, die pechschwarzen Locken hingen ihm zu beiden Seiten des todtenbleichen Gesichts lang herab. Dabei sah er recht grässlich