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in der Gesellschaft, fiel mit lastender Schwere auf ihr nach Liebe sich sehnendes Gemüt. Schon war sie im Begriff, sich von alle den Glücklichern zurückzuziehn und in ihr einsames Zimmer zu schleichen, als sie ihre Hand ergriffen fühlte. Es war der freundliche ältliche Mann, dessen unerwartete Anrede sie am vergangnen Abende so erschreckt hatte, und der ihr jetzt den Arm bot, um sie im Gefolge der übrigen Gesellschaft in das zu den Tableaus bestimmte Zimmer zu führen.

Eine von Haydns herrlichsten Symphonieen verkündete dort das nahe Aufrauschen des die Darstellung noch verhüllenden Vorhangs. Nie zuvor hatte Gabriele den Einklang vieler Instrumente zugleich gehört, er ergriff sie mit seinem allgewaltigen Zauber, vor welchem alles Beengende von ihr abzufallen schien. Die Töne trugen sie weit weg auf unsichtbaren Flügeln in ihr magisches Reich, sie sprachen mit ihr von ihrer Vergangenheit, von allem, was ehemals sie beglückt hatte, und hauchten ihr neue Freude am Leben und frischen Jugendmut ein. Die Dämmrung in dem nur durch die Lichter der Nebenzimmer schwacherleuchteten Saal erlaubte es ihr, ungehindert sich ihrem Gefühl zu überlassen; ihr Führer war neben ihrem Sitz stehen geblieben; mit dankbarem Vertrauen blickte sie zu ihm auf und entdeckte im nehmlichen Moment dicht neben ihm Ottokars hohe Gestalt, der sie begrüssend sich gegen sie verbeugte.

Ein Gruss im gewöhnlichen Gange des Lebens ist gar wenig, aber unendlich viel für den, der vereinzelt in einer grossen Gesellschaft, mit dem Gefühl der Verlassenheit dasteht; dies Zeichen des Bemerktwerdens, gerade von ihm, gab Gabrielen ein so tröstendes Selbstbewusstsein, dass sie dadurch beruhigt, in den Stand gesetzt ward, sich des eben beginnenden Schauspiels wirklich teilnehmend zu erfreuen.

Tante Kleopatra nahm sich auf ihrem königlichen Tron zum Bewundern gut aus. Mit aller ersinnlichen Grazie hielt sie die reiche Perle über den Becher, und hatte keine Ahnung von den Anmerkungen, die links und rechts unter den Zuschauern hingeflüstert wurden. Dreimal senkte sich der Vorhang, dreimal musste er auf lautes Bitten der Anwesenden sich wieder heben, die alle behaupteten, des herrlichen Anblicks gar nicht müde werden zu können.

Am entzücktesten stellte sich die Gräfin Eugenia, ihr Beifall war der rauschendste und kannte weder Maass noch Ziel, während sie zu gleicher Zeit tausend witzigboshafte Einfälle über die herbstliche Kleopatra und ihren das Schmuckkästchen tragenden Edelknaben den jungen Herren zuflüsterte, die dicht zusammengedrängt hinter ihrem stuhl standen, ihr aufs kräftigste applaudiren halfen, und dabei jedes ihrer Worte mit allen Zeichen des Beifalls von ihren Lippen gierig auffingen. Sie sass so nahe bei der von ihr ganz übersehenen Gabriele, dass diese keine Sylbe von dem, was sie sprach, verlieren konnte; auch manches andre spottende Wort einiger der übrigen Anwesenden traf deren Ohr und kontrastirte so sehr mit der, von allen laut ausgesprochnen Bewunderung, dass Gabriele ein innres Grausen über die Falschheit der Menschen empfand, unter denen sie leben sollte. Ihr war zu Mute, als sei sie unter gespenstische Larven gefallen, die im nächsten Moment sich umwandeln und in eigentümlicher, fürchterlicher Gestalt dastehen müssten. Wie nach Rettung sah sie ängstlich um sich her.

"Sein sie ruhig, liebes fräulein!" flüsterte eine leise stimme ihr zu," auch ich sehe und höre, was Sie empört, aber es ist nicht so böse, als Sie in ihrer Unschuld es glauben." Verwundert blickte Gabriele auf und sah ihren Führer, der noch immer neben ihr stand. Seine Gegenwart erschien ihr in diesem Moment wie ein Trost vom Himmel. "Die Welt," fuhr der freundliche Mann mit mildem Lächeln fort, indem er zu ihr sich hinabbeugte, "die Welt ist leider lange nicht so gut, als Sie in ihrer Unerfahrenheit es vielleicht noch vor acht Tagen glaubten, aber auch wahrlich lange nicht so arg, als sie jetzt Ihnen vorkommen muss. Diese kleinen Bosheiten, vor denen Sie sich in diesem Augenblick mit Recht entsetzen, werden Ihnen in kurzem ziemlich harmlos scheinen, wenn Sie diese Menschen und ihr wahres Meinen erst näher kennen, denn in der Tat diese Einfälle haben keinen Zweck und erreichen auch keinen, wie den, für den Moment als witzig bewundert zu werden. Sie werden sich daran gewöhnen und sie endlich ganz gleichgültig betrachten." "Nie! nie!" rief Gabriele so laut, dass sie selbst darüber erschrak, besonders da sie gewahr ward, dass der noch immer in ihrer Nähe sich befindende Ottokar dadurch aufmerksam auf ihr Gespräch gemacht ward. "Gewiss!" erwiderte ihr Führer leise und beschwichtigend, indem er zugleich auf den sich wieder hebenden Vorhang hinwies.

Mehrere Tableaus folgten dem der Kleopatra, alle wurden laut gepriesen und leise bekrittelt, bis ganz zuletzt Aurelia in wahrhaft himmlischer Glorie als Raphaels Jardiniere erschien. Die Kinder standen so anmutig da, sie selbst war in dieser Stellung mit gesenktem Auge so hinreissend schön, dass sogar der Neid verstummen musste. Ein einziger Atemzug der Bewunderung säuselte durch die Stille des glänzenden Kreises und löste sich erst spät in lauten Beifall auf. Gabrielens für Freude glänzendes Auge traf auf Ottokarn, Dieser starrte vorgebeugt, wie in Bewunderung verloren, noch immer den Vorhang an, welcher schon lange die holde Erscheinung verhüllt hatte. Als sich Ottokar endlich wandte, traf sein blick auf Gabrielen, er lächelte ihr in teilnehmendem Entzücken wie einer Bekannten zu, und dieser kleine Zufall durchströmte sie mit Empfindungen, die sie zu verstehen weit entfernt war.

Die Gesellschaft verteilte sich wieder in den Nebenzimmern, um dort die Damen des Hauses nebst den übrigen bei den Tableaus beschäftigt gewesenen Personen