dass ich es nicht fasse, wie sie dir kommen konnte, dir, dessen Gedanken ich sonst stets lange vorher wusste, ehe du sie aussprachst. Auch ist das, was du sagtest, nicht die wahre Meinung deines Herzens," fuhr sie fort, "du kannst nicht wortbrüchig werden, weil kein Schwur dich bindet, du kannst deinem guten Vater nicht die nahe Erfüllung seines letzten Wunsches vorspiegeln und dann grausam ihn täuschen, du kannst nicht meiner Tante mit der Schmach ihrer Tochter heimtückisch dafür lohnen, dass sie ihr Haus zu dem deinen machte und dir vertraute. Ottokar, ich brauche nicht zu entscheiden, du selbst hast entschieden in der rechten Tiefe deines Gemüts, du weisst es wohl, was geschehen muss," setzte sie mit sanftem Weinen hinzu. "Aber ist es denn wirklich so? müssen wir scheiden auf ewig? und du, du arme, was wird aus dir in den Wüsten des Lebens?" rief Ottokar. "Ich bin beglückt," sprach Gabriele, kraftlos auf den Divan hinsinkend, "lass mir nur die Hoffnung, dass du streben willst, mit Aurelien glücklich zu sein." "Ich will es, Gabriele! ich will alles, was du willst. Guter Gott! wie soll ich es aber anfangen, dich zu vergessen?" erwiderte Ottokar. "Vergiss mich nicht!" bat Gabriele, "lass mich mit dir leben, wie du ewig mit mir leben wirst, vielleicht sehen wir einst uns hier noch wieder, nach langen, langen Jahren, dort finden wir uns gewiss; dortin wende den blick," sprach sie mit aufgehobnen Händen, und sank sogleich wieder zurück.
"Und kein Andenken dieser Stunde gewährst du mir?" sprach Ottokar. "Du hast meine Zeichnung von Schloss Aarheim, betrachte die alten düstern Mauern, in denen ich von nun an leben werde, denke, dass dein Bild sie mir erhellt, und nun lebe wohl, meine Kräfte reichen nicht weiter," sprach Gabriele mit erlöschender stimme.
Ottokar kniete vor ihr hin, mit heissen Tränen netzte er die hände der jetzt beinahe ganz Bewusstlosen, als eine Tapetentüre sich öffnete. Erschrocken fuhr er auf, es war Annette. Von einer unerklärlichen Angst getrieben, hatte sie das ganze Haus durchstreift, um ihre junge Gebieterin zu suchen, nachdem sie vergeblich sich in der Gesellschaft nach ihr umgesehen hatte. Angst leitete ihre Schritte, auch in das an die Gesellschaftssäle anstossende Kabinet, und der Zustand, in welchem sie ihre geliebte Herrin dort fand, erschreckte sie so sehr, dass sie kaum Ottokars Gegenwart, noch weniger die an Verzweiflung grenzende Bewegung bemerkte, in welcher er sogleich nach ihrem Eintritt das Kabinet verliess. Es gelang ihm, auf der bis jetzt ihm unbekannt gebliebnen verborgnen Treppe, welche Annetten herbei geführt hatte, sein Zimmer zu erreichen, ohne dass ihn jemand bemerkte. Eben erhaltne Briefe von höchster Wichtigkeit mussten für diesen Abend sein Nichtwiedererscheinen bei der Gesellschaft entschuldigen, während Gabriele, sanft und schweigend, sich von Annetten in ihr Zimmer führen liess. Der starre blick, das wunderliche Lächeln, das ununterbrochne Schweigen Gabrielens trieben die arme Annette, unerachtet der dunkeln Nacht, auf die Strasse hinaus, um Frau von Willnangen zu hülfe zu rufen, denn im haus war alles zu beschäftigt, um auf ihr Bitten zu hören, und glücklicher Weise Augustens Uebelbefinden zu unbedeutend, als dass es Gabrielens mütterliche Freundin hätte abhalten sollen, dem kind ihres Herzens zu hülfe zu eilen. Schon am zweiten Tage nach diesen Ereignissen war alles Leben aus dem sonst so geräuschvollen haus der Gräfin Rosenberg gewichen. Nur in Gabrielens Zimmer waltete und flüsterte bange sorge am Bette der zum tod Erkrankten. Durch die übrigen verödeten Gemächer schlichen nur noch ein paar halb invalider Diener, um die Vorhänge an den Fenstern herabzulassen und das kostbare Hausgeräte gegen den Staub sorgfältig zu bewahren. Bald war auch dieses getan, und die ehemals glänzende wohnung gewann nach und nach ganz das Ansehen jener verlassnen Schlösser, die man auf Reisen so oft besehen muss, die wie verzauberte Palläste in einem Feenmährchen dastehen, und einen unbeschreiblich traurigen Eindruck machen, weil sie mit allem versehen sind, dessen das üppigste Leben nur bedarf, ohne dass eine fröhliche lebende Seele zwischen den reichgeschmückten Wänden atmet.
Kaum hatte die Gräfin am Morgen der Verlobung ihrer Tochter die Nachricht von Gabrielens plötzlichem Erkranken vernommen, so ahnete sie mit der ihr in solchen Fällen gewöhnlichen Lebhaftigkeit ein bösartiges Nervenfieber in dieser Krankheit. Der Arzt wagte es nicht, sogleich für oder wider ihre Mutmaassung zu entscheiden, Frau von Willnangen hingegen wünschte, die Pflege ihrer jungen Freundin ganz ungehindert übernehmen zu können, und bemühte sich daher nicht sonderlich, der Gräfin die Furcht vor einer möglichen Gefahr der Ansteckung auszureden. Halb tot vor Angst, konnte diese von dem Momente an keinen andern Gedanken fassen, als wie die Stunde ihrer Abreise auf das Land möglichst zu beschleunigen wäre. Alles dazu Nötige war ohnehin schon lange vorbereitet, und es gelang ihr deshalb ohne zu grosse Anstrengung, sich noch im Laufe des Vormittags, begleitet von Ottokar, Aurelien, und Eugenien, auf dem Wege nach ihrem Landgute Rosenhain zu sehen.
Frauen, wie die Gräfin, pflegen aus angebornem Instinkt genau zu wissen, was sie zu verhehlen, was sie bekannt zu machen haben. Dieses Gefühl leitete sie daher auch diesesmal ganz richtig, indem es sie bestimmte, der Krankheit ihrer Nichte gegen Ottokar nicht zu erwähnen. Nichts in der Welt hätte diesen dazu bringen