1821_Schopenhauer_090_27.txt

, "aber noch bin ich nicht gebunden, noch hat die Kirche nicht" – "Ottokar! Ottokar! ich flehe zu dir!" rief Gabriele, in höchster Angst, mit gefaltnen Händen, indem sie vom Divan hinabgleitend fast zu seinen Füssen hinsank.

Ottokar fasste sie schnell in seinen Armen auf; beide sassen einige Minuten sprachlos mit hochpochenden Herzen, Hand in Hand neben einander. "So lass uns wenigstens in dieser entscheidenden Stunde unsers Lebens nichts übereilen." sprach er endlich mit mühsam errungner Fassung, "höre auch mich an, und dann entscheide du selbst, ich lege willenlos mein Geschick in deine hände, du kannst kein Unrecht wollen, du reiner Engel des himmels. Liebe war der süsse Traum meiner Jugend, ich trat früh in die Welt, ich suchte sie, ich fand sie nicht, und so gab ich ihn als unerreichbar auf, den schönen Traum, und bereitete mich, mit freiem Herzen bei der Wahl einer Gemahlin dem Wunsch meines Vaters zu folgen. Fern vom Geräusch der Welt, lebt er in tiefer Einsamkeit. Mit der starren anhänglichkeit des Alters, klammert er sich an die Vergangenheit, die er so gern wieder zurückbrächte, und der Gedanke, mich mit der Tochter seines Jugendfreundes verbunden zu sehen, war immer der einzige Plan für die Zukunft, den er fassen mochte Doch liebt er mich zu sehr, um das Opfer meiner Ruhe zu fordern. Sehen sollte ich sie, Monden lang in ihrer Nähe leben, ehe ich mich erklärte, nur eigenes Wollen sollte mich binden, darum sandte er mich hierher. Ich sah sie, Gabriele! wen sollte diese hohe Schönheit nicht blenden? dieser heitre, immer spielende Geist, dieses Talent für alles, was das Leben verschönt? ich glaubte, sie zu lieben, ja ich liebte sie wirklich, wenn unaussprechliches Wohlgefallen an einem reizenden Wesen Liebe genannt werden kann. Wenn mich, wie oft geschah, etwas Befremdendes in ihrem Benehmen auf Augenblicke von ihr zurückscheuchte, wenn ein Ahnen, ein Sehnen höhern Empfindens mich beschlich, so gedachte ich meines guten alten Vaters und entfernte alles, was mir die Erfüllung seines Wunsches hätte erschweren können. So lebte ich Monate neben dem reizenden Mädchen. War auch sie vom Wunsch unsrer Väter unterrichtet? beobachtete auch sie mich im Stillen? ich wusste es nicht, auch galt es gleich. In jedem Fall war sie zu stolz, mich täuschen zu wollen, sie zeigte sich mir immer, wie sie ist, und achtete es nicht, wenn sie es auch bemerkte, dass sie mir deshalb nicht in jeder Stunde gleich liebenswert erschien. Vor einigen Wochen brachte mein Vater, – Ach! auf mein Bitten, – das frühere Versprechen ihres Gatten bei der Gräfin Rosenberg wieder in Anregung. Sie weigerte sich nicht, es zu erneuern, doch unter der Bedingung, dass ich nur dann gegen Aurelien mich erklären dürfe, wenn ich ihr zugleich den Rang, den Glanz bieten könne, der ihren Vorzügen gebühre. Bis dahin achtete die Gräfin weder ihre Tochter noch mich durch dieses Versprechen gebunden und verhehlte es auch nicht, dass mehrere Männer sich um die Hand derselben bewürben. Jetzt, Gabriele, jetzt da ich die Gefahr sah, Aurelien zu verlieren, jetzt erst fühlte ich mich mächtig zu ihr gezogen. Denn Eifersucht gleicht der Liebe, obgleich jene nicht immer diese begleitet, sie ist gar oft nur das Kind gekränkter Eitelkeit. Die von den ausgezeichnetsten Männern gefeierte Aurelia konnte mein werden, wenn ich sie zu fesseln verstand, diess bannte mich an jeden ihrer Schritte, während ihr Leichtsinn, ihre auch mich nicht schonende Spottlust mich auf die Folter spannten. Endlich vor einigen Tagen kam mit der Gewissheit meiner Ernennung zu der Gesandten-Stelle auch der Tag meiner Erklärung gegen Aurelien. Kalt, gemütlos, spottend beinahe, gab sie mir das Versprechen, die meine zu werden, und alle Lust am Leben schwand mir in der Minute dahin. Ich fühlte mit Bewusstsein, dass dieses kalte, über alles lachende, mit allem seinen Spott treibende Wesen nie lieben kann. Sie wird mir treu sein, sie wird mich vielleicht freundlich behandeln, ich will es glauben; aber mehr darf ich nie von ihr hoffen, und alle die schönen Ahnungen häuslichen Glücks, denen ich doch nie ganz hoffnungslos entsagen konnte, sinken mir an ihrer Seite in das Reich der Unmöglichkeit. Mir zum Troste suchte ich mich zu bereden, dass, was ich wünsche, zu schön für dieses Werkeltagsleben, nur in andern Welten heimisch sei. Ich war gefasst, eine gewöhnliche Konvenienz-Heirat einzugehen, und weder mehr noch minder glücklich zu sein, als alle die Tausende um mich her, und nun, in der letzten Minute, da ich mit halber Freiheit noch atme, kommst du wie eine himmlische Erscheinung, du wunderbares Wesen, und zeigst mir ein Glück, das mir Verblendeten bis heute noch erreichbar war. Und wäre es denn wirklich zu spät? nein! mein guter Engel sandte dich, ich habe dich gefunden, ich gehöre zu dir, und bin noch nicht ganz gefesselt. Gabriele, sprich nicht zu rasch unser Urteil! ein Wink von dir, und meine Fesseln reissen, und" – "Ottokar! Ottokar!" rief Gabriele erbleichend und trat einige Schritte von ihm zurückgefasster näherte sie sich indessen ihm bald wieder. "Wie du mich erschreckst!" sprach sie, "wie du mich erschreckst mit einer mir so fremden Ansicht unserer Zukunft,