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während sie sichtbar nach Fassung, nach Atem rang; plötzlich richtete sie sich auf und legte auch ihre zweite Hand auf die seinige. Er blickte verwundert, voll Erwartung sie an.

"Ich danke Ihnen, Ottokar," sprach sie, "ich danke Ihnen herzlich; Sie wollen ein krankes Kind mit erfreulichen Bildern zur Ruhe einlullen, aber ich bin nicht krank, ich bin auch kein Kind, ich darf es ja nicht sein, von jetzt an nicht mehr. Ach wäre ich es, und läge tief gebettet bei meiner Mutter!" rief sie schmerzlich, ermannte sich aber gleich wieder. "Sie zeigen mir eine entzückend schöne Aussicht in die Zukunft, Ottokar," fuhr sie fort. "Noch gestern hätte der Gedanke an die Möglichkeit derselben mir ein Traum vom Himmel gedünkt, aber in dieser Stunde fühle ich, dass ich selbst mir diesen Himmel verschliessen muss. Ottokar, ich nehme hier an dieser Stelle, in dieser Stunde Abschied von Ihnen, ich kann nicht mit Ihnen gehen. fragen Sie mich nicht: warum?" setzte sie mit bittender stimme hinzu, "fragen Sie mich nicht: warum.? Es ist mir selbst nicht deutlich, ich vermag nicht, es in klaren Worten vor mir selbst auszusprechen, aber eine stimme in meinem Herzen ruft laut, dass wir uns hier trennen müssen, und ich darf ihr nicht widerstreben. Ich danke Gott, dass mir vor dem Scheiden der Augenblick wird, nach dem ich Monden lang mich sehne, und auch Mut und Fassung ihn festzuhalten. So scheide ich doch nicht von Ihnen als eine ganz Unbekannte, so nehme ich doch das Bewusstsein Ihrer Teilnahme an meinem Dasein mit mir. Sie werden in dem schönen land, wohin Sie ziehen, der armen Gabriele nicht vergessen, die hier immer Ihrer gedenken wird, auch wenn mächtige Gewässer und himmelhohe Alpen zwischen uns liegen."

In immer steigender Bewegung hörte und sah sie Ottokar, so lange sie sprach, immer fester hielt er ihre Hand, immer näher suchte sein Auge das ihre, während die zarte Gestalt, im Schmerz des Scheidens aufgelöst, das müde Haupt an seine Brust lehnte, und mit der arglosen Sicherheit eines Kindes verstummend, neben ihm sass. Ihm war, als schwände vor seinen Augen ein dichter Nebel, der ihn bis jetzt verhindert hatte, ein Juweel, nach welchem er lange überall vergebens suchte, dicht neben sich glänzen zu sehen. "Wie war es möglich," rief er endlich, "dass Sie so lange fast unbemerkt neben mir standen? Ja ich ahnete Ihren höhern Wert, wann ich Sie so jung, so allein, so schweigend, mitten im Wirrwar der ungeselligsten Geselligkeit stehen sah; welche unselige Verblendung, welche eitle Verknüpfung unbedeutender Zufälligkeiten hielt mich ab, Sie näher kennen zu lernen! und sollen wir jetzt, da wir uns eben fanden, den herben Schmerz des Scheidens mutwillig auf uns laden, mit dem das Geschick uns dennoch freundlich verschont? Nein, Gabriele, Sie irren, es muss nicht sein, wir dürfen uns nicht trennen. Ich bin Ihr Bruder, Sie selbst mir die geliebteste Schwester, denn Sie können mich nicht verschmähen, und auch Aurelia wird der Gegenwart einer liebenden Freundin aus der Heimat in dem fremden land doppelt bedürfen.

"Aurelia!" rief beinahe schreiend Gabriele, und verhüllte einen Augenblick ihr Gesicht. Dann hob sie gefasster die schönen, durch Tränen lächelnden Augen zu Ottokar auf.

"Nach dieser Stunde darf nichts halbes in unserm verhältnis mehr bleiben," sprach sie, "ganz verhüllt oder ganz erkannt muss ich von Ihnen scheiden. So bringe ich denn mein Herz Ihnen offen dar und fürchte kein Missverstehen. Seit ich zuerst Sie sah, Ottokar, sind Sie ein teil meines Daseins, Ihr Glück ist das meine! Sie legen jetzt Ihr Geschick in Aureliens händedu liebst Aurelien – o liebe sie recht innig, recht treutreue, innige Liebe, alles, sich selbst sogar, opfernde Liebe, bringt uns den Himmel, wenn auch das Herz darüber bricht. – Auch Aurelia liebt Sie," fuhr Gabriele nach einer kurzen Pause fort. "Sie liebt Sie, aber jeder Einzelne hat wohl seine eigne Liebe, ihre Weise ist nicht die meine, ich würde nie sie verstehen, so wenig wie sie mich jemals verstand. Darum muss ich fort, ich würde in ewiger unendlicher sorge um dich in deiner Nähe vergehen, ich würde dich mit mir herabziehn zu meinen ängstlichen Zweifeln. Ach schon jetzt suche ich vergebens Worte, um auszusprechen, was doch so klar vor meiner Seele steht, meine Reden verwirren sich unwillkürlich, so würde ich auch in euer Leben nur Verworrenheit bringen. Darum muss ich zurück in meine Einsamkeit, meine Nähe wäre euch nur unheilbringend. Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht zu meinem Glücke, Ottokar, Sie sind doch immer mit mir, und diese an Tränen und Freuden so reiche Stunde bleibt ewig der hellschimmernde Lichtpunkt meines Lebens, er kann nie verlöschen."

"O Gabriele!" rief Ottokar, mit leuchtenden Augen und tiefbewegter stimme, "Gabriele! warum schlug diese Stunde uns nicht früher! wie anders könnte alles sein!" – "Sprich diesen Gedanken nicht aus, hüte dich, ihn nur auszudenken, rein und treu musst du bleiben, wenn ich nicht im Schmerz um dich vergehen soll," unterbrach ihn Gabriele, in heftiger Bewegung.

"Ich bleibe rein, ich bleibe treu," erwiderte Ottokar