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Zimmer speisen würden, zugleich schickte sie ihr einen sehr glänzenden Anzug für den Abend. Alles dieses so ganz Ungewohnte vermehrte Gabrielens peinliche Unruhe, sie begann weit früher, als sonst, sich anzukleiden, und zählte hernach jeden Pendelschlag ihrer Uhr.

Endlich strahlten die Kronleuchter, Equipagen rollten herbei, und schon durchrauschten die Tritte vieler herannahenden Gäste Treppe und Vorsaal, ehe Gabriele sich wirklich entschliessen konnte, den Versammlungs-Saal zu betreten, und eine immer steigende Angst hemmte jeden ihrer Schritte. Unter lautem Herzklopfen blieb sie unfern der tür stehen; wie durch einen dichten Flor zeigte sich ihr die ganze glänzende Versammlung, welche längs den Wänden des Zimmers einen weiten Kreis bildete. Alle nahe und entferntere Verwandte der Gräfin, alle ihre vornehmsten Bekannten waren gegenwärtig, nur Frau von Willnangen fehlte, weil eine plötzliche Unpässlichkeit Augustens sie zu haus hielt, und weder Ernesto, noch irgend einer der Künstler und Gelehrten, welche sonst das Haus besuchten, waren zugegen. Am obersten Ende des Kreises stand die Gräfin, reich und festlich gekleidet, neben ihr Aurelia, im weiss und silbernen Kleide, diamantne Sterne im dunkeln, mit Perlen durchflochtnem Haar; ihr grosses blaues Auge überschaute die ganze Gesellschaft, so wie etwa eine Königin ihren Hofstaat übersieht, ob niemand fehle, und als sie Gabrielen an der tür gewahrte, winkte sie sie zu sich heran. Uebrigens herrschte tiefe Stille in der Versammlung, man konnte das Picken der Uhren hören, so regungslos erwartend stand alles da. Da trat Ottokar in völliger Hofkleidung aus einem Seitenzimmer in der Nähe der Gräfin herein, zum erstenmal sah Gabriele ihn von einem breiten Ordensband umschlungen, und einen blitzenden Stern auf seiner Brust. Mit freundlichem Ernst, etwas bleicher, als sonst, näherte er sich der Gräfin, die seine und Aureliens Hand ergreifend, mit würdevollem Anstande beide einige Schritte vorwärts gegen die Mitte des Kreises führte, und Ottokarn als Aureliens verlobten Bräutigam der Gesellschaft vorstellte.

Die Gräfin schien sich zu dieser Festlichkeit eine kleine Rede ausgesonnen zu haben, die sie, zwischen Ottokar und Aurelien stehend, mit dem Anstande der Fürstin von Messina an die Anwesenden richtete. "Der Wunsch ihrer Väter," sagte sie unter andern, "der Wunsch ihrer Väter, wenn gleich nicht ihr unabänderlicher Wille, bestimmte dieses Paar schon seit Aureliens Geburt für einander, doch blieb dieses, meinem Willen gemäss, beiden ein geheimnis, bis ich überzeugt sein konnte, dass kein innres oder äussres Hinderniss sich ihrer Verbindung entgegenstelle. Die Gnade des Fürsten hat auch das letzte beseitigt, indem sie den Grafen in den Stand setzt, seiner Braut mit seiner Hand auch einen meinen Wünschen angemessnen Rang in der Gesellschaft zu bieten; Ottokar erhielt heute seine Ernennung zum Gesandten in Rom, und Aurelia folgt ihm entzückt in das schöne Land, zu welchem schon längst sie, wie jeden Gebildeten, die sehnsucht zog. Auch ich werde sie dortin begleiten, und da Graf Ottokars Bestimmung die schnellste Ausführung des längst Vorbereiteten fordert, so wird uns leider das schöne fest des heutigen Tages durch den Schmerz des Abschiednehmens von so werten Freunden getrübt. Schon morgen verlassen wir die Stadt, in wenig Tagen wird das hochzeitliche Band auf meinem Landgute ganz in der Stille geknüpft, und in weniger als einem monat eilen wir Italien zu, wohin Pflicht, Liebe und sehnsucht uns rufen. In Jahr und Tag hoffe ich indessen Sie alle hier wieder zu sehen, ich kehre dann mit der festen überzeugung des Glücks meiner Kinder zurück und hoffe, in Erinnerung und Gegenwart mit meinen Freunden frohe Tage zu verleben. Auch meine Nichte, Gabriele von Aarheim, wird mich begleiten. Ich habe dich von deinem Vater dazu erbeten," sprach sie, in ihrem natürlichen Ton, sich plötzlich zu Gabrielen wendend, "du sollst auch Italien sehen, freue dich recht, Kleine, und wünsche deiner Kusine und ihrem Bräutigam Glück," setzte sie hinzu, indem sie ihr näher zu treten winkte.

Gabriele, welche schon früher auf Aureliens ersten Wink sich genähert hatte, drängte sich jetzt mit wunderbarem Ungestüm durch die Versammlung, welche sich in dem Moment auch in Bewegung setzte, um Aurelien ebenfalls ihre Glückwünsche zu bringen. Gabriele wankte, als sie der Tante näher kam; im Begriff zu sinken, umfasste sie unwillkürlich das Knie der Gräfin, um sich aufrecht zu halten. "Wunderliches Kind, wie stürmisch ist deine Freude! Hier, hier bringe deinen Glückwunsch an," sprach lächelnd die Gräfin, indem sie sie umarmte und dann zu Aurelien und Ottokar wendete. "Glück! Glück!" rief Gabriele, atemlos und wie verwildert, sie konnte in augenscheinlicher Bewusstlosigkeit kein anderes Wort hervorbringen, als dieses eine, das sie mehreremale schnell wiederholte. Die Gräfin, welche auch in der höchsten Bewegung die feingezogne Linie des hergebracht Schicklichen nie aus den Augen verlor, wurde von dem aufsehen beunruhigt, welches Gabrielens sonderbares Benehmen unter den Zunächststehenden schon zu erregen begann. Sie schob sie daher mit sanfter Gewalt der tür zu, durch welche Ottokar hereingetreten war. "Dortin, dortin," flüsterte sie ihr leise ins Ohr, "erhole dich erst von deiner ausgelassnen Freude, und dann kehre wieder."

Gabriele ging, der Weisung der Tante gehorsam; sie ging und ging, einen endlosen Weg, wie es ihr schien, die Kronleuchter drehten sich in einem wunderlichen Tanz um sie her, die Tapeten und Fussteppiche hoben und senkten sich, sie sah alles und erkannte nichts, bis sie am äussersten Ende der erleuchteten