. Was über heute liegt, ist unermessen, Und über Nacht zu denken, ist vermessen, Mit Sonst zu sprechen, meinem Herzen frommt. Wenn es der Welt noch einmal tagt, umdichten Mich Gram und Nacht. Dein Bild kann nur allein Die Nacht zur Dämm'rung eines Traumes lichten, Und wie ein Traum musst du vorüberflüchten, Geflügelt Glück! dein bin ich, du nicht mein. Der hat ein süsses, hold Geschick, empfangen, Wer dich, du zartes Bild! nur einmal sah; Mich hat diess Glück für immerdar umfangen, Bist du auch, Klara! weit von mir gegangen; Mein Herz bringt ewig deine Fernen nah. In meiner tiefsten Seele stillen Tiefen
Steh'n deine Worte, rufen nach und nach
– Wie Glockentöne, die am Tage schliefen,
Vom Abend aufgeweckt, zur Vesper riefen –
Das Heiligste in meiner Brust mir wach. Und diese Augen sollten wiedersehen, Was nicht zu dir gehört, was du nicht bist? Es sollten and're Töne mich umwehen? Und deine liebe stimme mir vergehen? gibt es solch' Aufersteh'n, was Grab nur ist? Wer hörte dich und darf noch Unglück denken? Noch an das Böse glauben und dich sehe'n? Dein liebend Auge könnte Sonnen lenken, Und meinen Stern, den könntest du versenken In ew'ger Trennung namenlose Wehn? Es muss die Zeit hinab zur Zeit wohl gehen, Doch meine Liebe nicht und nicht mein Schmerz; Selbst dieser Schmerz darf nicht die Lieb' umstehen Gewaltsam, rauh; er soll wie Frühlingswehen Wachrufen, Blumen gleich, ein sehnend Herz. Und wenn der Winter schlafen legt die Blumen alle, Und Herz und sehnsucht starrt in Grabesfrost, Wenn todtgekühlt die Blumen, Herzen alle, Dann sehe' ich dich allein aus meiner Halle Noch diamanten-strahlend hoch im Ost. Bis dahin lasst an dieser lieben Stelle Mich ruhen meines Lebens Augenblick. Hier kam mein Tag, hier bleibt die Nacht mir helle;
O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle!
Euch sei die ganze Welt mit ihrem Glück!!
Während des Lesens waren Gabrielen schon bei der Stelle:
"Es sollten and're Töne mich umwehen?
Und deine liebe stimme mir vergehen?"
einzelne Tränen in die Augen getreten; sie ward im Fortfahren immer bewegter und bewegter. Bei den Worten: "Hier kam mein Tag, hier bleibt die Nacht mir helle." versagte ihr die stimme, und sie strebte vergebens, die beiden letzten Strophen des Liedes zu geben, dieses zu beenden. Erbleichend, verstummend stand sie endlich auf, bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche und eilte zum Zimmer hinaus, jede Begleitung durch eine bittende Bewegung der Hand von sich ablehnend.
Ottokar, der zunächst der tür sich befand, war dennoch unbemerkt bis in den Vorsaal ihr gefolgt, dann fasste er ihre Hand und führte sie zu einem Sitz im Fenster, während er die Bedienten fortschickte, um Annetten herbei zu rufen. Gabriele erbebte sichtbarlich, als sie ihn erkannte; ein Strom von Tränen schaffte ihrem gepressten Herzen Luft, während er, den sorgenden blick auf sie geheftet, vor ihr stand. "fräulein," sprach er, indem er noch immer ihre Hand hielt, "liebes fräulein, Sie haben uns allen einen so hohen Genuss gewährt, wir alle müssen ihnen so dankbar dafür sein; was ist es denn, das jetzt Sie so gewaltsam niederdrückt? Zürnen Sie mir nicht," fuhr er fort, da es ihm schien, als wolle Gabriele sich von ihm loswinden, "zürnen Sie mir nicht, dass ich Ihrem Winke nicht gehorchte und Ihnen hierher folgte; dass ich die Besorgniss, mit der ich Ihren schwankenden Schritt bemerkte, nicht unterdrückte. Als ihr Hausgenosse glaubte ich diess wagen zu dürfen, und vielleicht, hoffentlich sogar, geben mir die nächsten Tage, vielleicht der morgende schon, das schöne Vorrecht, an allem, was Sie betrifft, recht innigen Anteil zu nehmen."
Gabriele horchte bebend auf seine Worte, sie war unfähig, ihm zu antworten, und fühlte sich zum erstenmal in ihrem Leben einer Ohnmacht nah. Ottokar konnte nichts, als sie unterstützen, bis die erschrockne Annette kam und sie in ihr Zimmer geleitete. Die Nacht verging Gabrielen unter lautem Herzklopfen, unter tausend wechselnden Ahnungen, Gedanken, halb verstandnen Wünschen. Jedes Wort, das Ottokar am vergangnen Abend zu ihr gesprochen hatte, tönte unaufhörlich in ihrem inneren wieder, jedes war ihr ein Rätsel, dessen Lösung sie mit Entzücken und Grauen suchte und nicht fand, bis sie ermattet spät gegen den Morgen in unerquickliche Bewusstlosigkeit versank.
Ihr Erwachen zu einer ungewöhnlich späten Stunde glich ganz dem ersten im haus ihrer Tante. So wie an jenem Morgen, durchtoseten auch heute Bediente und Handwerker das Haus mit Zurüstungen zu einem Feste. Weder Aurelia, noch die Gräfin waren den ganzen Morgen über sichtbar, selbst die Bedienten taten geheimnissvoll, wenn sie einander auf der Treppe begegneten. Gabriele sass in ängstlicher Spannung; unfähig zu jeder sonst gewohnten Beschäftigung, lauschte sie auf jeden Fusstritt, auf jedes Knarren der Türen in zitternder Unruhe. Sie ahnete das Herannahen einer für ihr ganzes Leben entscheidenden Stunde, sie ahnete einen Zusammenhang zwischen dieser Stunde und dem, was Ottokar am gestrigen Abende zu ihr gesprochen hatte, ohne doch begreifen zu können, wie dieses möglicher Weise sein könne. Gegen Mittag liess die Gräfin ihr sagen, dass sie und Aurelia allein in ihrem