1821_Schopenhauer_090_22.txt

anfing, Klopstocks Ode, Teone, zu rezitiren. Still auf dem Blatt ruhet das Lied, noch erschrocken Von dem Getös' des Rhapsoden, der es herlas, Unbekannt mit der sanfteren stimme laut, und dem volleren Ton. "Die armen Lieder!" sprach lächelnd Auguste, "sie haben nicht einmal ein Blatt, auf dem sie ruhen könnten, er sagte sie auswendig her, und mir ist daher noch immer, als fühle ich die heimatlosen Geister mich ängstlich umschwirren." Antonius wollte wenigstens das grosse Gedächtniss des Deklamators bewundert wissen, konnte aber nicht damit zu stand kommen, denn Ernesto verdammte gerade diess aus dem KopfeHersagen, als einen der ärgsten Missgriffe, welche sich der Deklamator hatte zu Schulden kommen lassen, und der Professor trat ihm treulich bei. "Wodurch wird das Lied zum lied?" sprach dieser; "durch den Rhytmus, den Versbau, die Wahl des Ausdrucks, nicht durch die poetische idee allein. Mit der strengsten Auswahl wägt der Poet jedes Wort, jede Silbe, überall sucht er den Geist und die Harmonie aufs genauste zu vereinen, und Gott weiss, wie schwer ihm dieses in unsrer an guten Reimen so armen Sprache oft wird. Verzweifeln müsste er, wenn er es anhörte, wie solch ein Deklamator alle seine Mühe vernichtet und die auswendig gelernten Lieder misshandelt! "Das ist es ja eben," setzte Ernesto hinzu, "die Herren haben es nur auswendig und nicht inwendig, sonst müssten sie fühlen, was sie zerstören, wenn sie hier ein fremdes Wort einschalten, weil das rechte ihrem untreuen Gedächtniss entschlüpfte, dort einen falschen Akzent anbringen, oder ein kurzes Wort dehnen, weil sie vom vorhergehenden eine Silbe verschluckten, und nun mit dem Versmaass nicht auskommen. Auch das beste Gedächtniss sichert vor dergleichen nicht. Auf dem Teater verdecken Spiel und teatralische Täuschungsmittel diese Mängel so ziemlich, auch Sängern und Sängerinnen will ich es allenfalls nachsehen, wenn sie unsre Dichter verstümmeln, man versteht sie ohnehin nur selten, und wird es also nicht gewahr; aber der Deklamator, der uns den vollkommensten Genuss eines poetischen Werkes verspricht, müsste sich nie in den Fall setzen, so fehlen zu können."

"Ich wünschte fast, es gäbe gar keine Deklamatoren in der Welt," sprach Frau von Willnangen; "wenigstens fühle ich immer das innigste Mitleid, wenn ich einen jungen Menschen sehe, der von falschverstandner Kunstliebe sich verleiten liess, diesen Weg zu wählen, um darauf durch die Welt zu kommen."

"Denen jungen Herren, die weder Lust zum Graben noch zum Erlernen gründlicher Kenntnisse haben, scheint dieser Weg aber sehr lustig und bequem," erwiderte der Professor, "sie denken noch obendrein, etwas Ungemeines für die Kunst zu tun, wenn sie von Stadt zu Stadt gehen und patetisch hersagen, was andre Leute gedichtet haben, und was jeder seit der Erfindung der Buchdruckerkunst in seinem Kabinet lesen und sich dabei das gerade für ihn Passende auswählen kann."

"Dabei sind sie gewöhnlich in offenbarem Zwiespalt mit sich selbst," setzte Ernesto hinzu. Deklamiren mit Aktion oder ohne Aktion, das ist die Frage, die sie nie lösen können. Ersteres mitten im Zimmer auf plattem Boden, hat denn doch immer etwas komisches, abgerechnet, dass es auch dem eigentlichen Begriffe des Deklamirens ganz entgegen steht. Und sich beim Deklamiren im übrigen ganz ruhig zu verhalten, ist fast unmöglich, oder wird es erzwungen, so kann niemand sich an dem Anblick freuen. Eigentliches Deklamiren möchte ich ganz auf das Teater oder auf die Bühne der Volksredner verweisen, wenn es deren noch ausser den Kanzeln welche gäbe; zur gesellschaftlichen Unterhaltung aber würde ich blosses Vorlesen mit Ausdruck und Präzision allen Deklamatorien vorziehen."

Es ward über diesen Gegenstand noch viel hin- und hergestritten, bis Ernesto Gabrielen aufforderte, den Streit zu beenden und der Gesellschaft zu zeigen, was er mit Vorlesen eigentlich meine. Er kannte ihr schönes, sorgfältig von der Mutter gebildetes Talent, und ergriff gern diese, wie jede gelegenheit, seine junge Freundin nicht sowohl an das Licht zu ziehen, als vielmehr sie von der ängstlichen Befangenheit gänzlich zu befreien, von welcher sie noch zuweilen befallen ward. Auch diesesmal gewährte sie nur mit innerm Zagen seinen Wunsch, überflog schnell mit den Augen ein Blatt, welches Ernesto ihr reichte, während die Lichter gerückt wurden und der Kreis der Anwesenden sich um sie her ordnete. Sie las zuerst etwas zaghaft, dann aber mit immer steigendem Affekt, immer eindringender, immer wahrer in Ton und Ausdruck, ganz sich und alle um sich her vergessend, wie an jenem Abende, als sie in Ottokars Gegenwart sang: la pura fiamma che m' arde in petto. Kein Hauch regte sich, alle waren an ihren Vortrag wie gebannt, denn man hörte, was sie las, war der innigste Ausdruck ihres eigensten Gefühls, und sie bezwang alle Herzen mit der Wahrheit Gewalt. Sie hatte das Gedicht, welches sie vorlas, zuvor nie gesehen, es war das neueste Erzeugniss eines jungen Poeten von Ernesto's Bekanntschaft.

Hier ist es: O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle Nur einen kurzen, stillen Augenblick! Hier zog mein Tag herauf, so licht, so helle;

O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle!

Vergönnet mir diess arme, einz'ge Glück!

Ich will nicht um mich schau'n; lasst mich vergessen, Dass eine Zukunft ist, dass Morgen kommt